„Meine Arbeit ist vorbeugend“

Fußpflegerin aus Sontra fürchtet medizinische Notfälle wegen Berufsverbot

Fußpflegerin Silke Schmauch aus Sontra-Hornel fürchtet, dass sich viele Problemstellen ohne Behandlung zu Notfällen entwickeln könnten.
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Fußpflegerin Silke Schmauch aus Sontra-Hornel fürchtet, dass sich viele Problemstellen ohne Behandlung zu Notfällen entwickeln könnten.

Fußpflegerin Silke Schmauch aus Sontra-Hornel ist verzweifelt: Seit zwölf Wochen kann sie nicht ihrer Arbeit nachgehen, weil ihr Beruf nicht als systemrelevant gilt.

Sontra-Hornel - Dabei sei das dringend notwendig, denn durch ausbleibende Behandlungen in der Fußpflege könnten sich „Problemchen“ gerade bei ihren betagteren Kunden durchaus zu medizinischen Notfällen entwickeln.

Vor allem gelte das bei Personen über 80 Jahren, die Gicht, Arthrose oder Rheuma hätten und aufgrund fehlender Mobilität Angehörige nun deren Fußpflege übernehmen müssten, obwohl sie das gar nicht gelernt hätten.

„Wenn die Füße nicht regelmäßig behandelt werden, dann wachsen Zehnägel an, es kann zu Hühneraugen oder Schwielen unter den Füßen kommen“, sagt die 54-Jährige, die sich seit 14 Jahren in Hornel selbstständig gemacht hat. Sie spricht etwa von einer Kundin, die zuletzt im September zur Behandlung kommen konnte. Bei ihr bildete sich unter dem Fuß eine Blutblase.

Blutblase so groß wie eine Zwei-Euro-Münze

„Die Frau ist wie auf einer Zwei-Euro-Münze gelaufen und wurde letztlich zu einem medizinischen Notfall“, so Schmauch. In der Folge müsse die dann wieder zum Hautarzt, um sich eine Überweisung zum Podologen (Podatrie befasst sich mit der Behandlung von Krankheiten des Fußes) holen – „und das in einer Zeit, in der Ärzte entlastet und Kontakte beschränkt werden sollen“, sagt Schmauch. Das ergebe für sie keinen Sinn, zumal sie selbst auch Hausbesuche für ältere Kunden anbiete.

„Normalerweise arbeite ich vorbeugend, ich schneide Fußnägel, damit die nicht einwachsen, ich achte darauf, dass keine Hornstellen entstehen, die sich entzünden können“, sagt Schmauch. Von einem Versuch, sich selbst zu behandeln, rät Schmauch älteren Menschen unbedingt ab: „Ich habe nach dem ersten Lockdown in 2020 Füße gesehen, da wurde versucht, sich selbst zu behandeln. Das bringt nichts, die Verletzungsgefahr ist zu hoch.“

Schmauch erhält Antwort aus der Politik

Um an der Situation etwas zu ändern hat sich Schmauch an die Politik gewendet, Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) in mehreren E-Mails auf das Problem hingewiesen – bislang ohne Antwort.

Eine Rückmeldung erhielt Schmauch Ende vergangener Woche dann vom Büro der heimischen Landtagsabgeordneten Lena Arnoldt (CDU): „Aufgrund der Entwicklung der pandemischen Lage hat man sich dazu entschlossen, zur Kontaktreduzierung lediglich medizinisch notwendige Tätigkeiten im Bereich der Fußpflege zuzulassen“, heißt es in einer E-Mail von Arnoldts Referent Dr. Martin Schörner.

Den zuständigen Mitgliedern der Landesregierung sei bewusst, dass es viele Menschen gebe, die auf eine medizinische Fußpflege dringend angewiesen seien. Deswegen sei es wichtig, diesen Bereich weiterhin offenzulassen. „Wir bedauern sehr, dass es auch einige Bürger gibt, die keinen Anspruch auf eine ärztlich verordnete Fußpflege haben, obwohl dies notwendig wäre“, so Dr. Schörner.

Büro von Lena Arnoldt will Problematik an Gremien herantragen

Deswegen habe sich die CDU-Landtagsfraktion dafür eingesetzt, dass Ärzte für diese Menschen leichter eine Verordnung erteilen, als dies normalerweise üblich ist, um so der Situation Rechnung zu tragen.

Das führe aktuell leider zu der Situation, dass lediglich die für medizinische Fußpflege zugelassenen Personen ihrer Tätigkeit nachgehen könnten und der Andrang entsprechend groß sei.

„Wir haben den Hinweis vonseiten der kosmetischen Fußpflege in Bezug auf die Bedürfnisse gerade der älteren Menschen aufgenommen und werden die Situationsbeschreibung gerne an die entsprechenden Gremien herantragen“, heißt es vom Büro von Lena Arnoldt.

Silke Schmauch hofft derweil weiter, dass sich an der aktuellen Situation etwas ändert: Wenn die 54-Jährige die Konsequenzen der erneuten Verlängerung des Lockdowns in Deutschland bedenke, dann werde ihr persönlich „himmelangst“. (Maurice Morth)

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