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Meinolf Timmerberg zieht mit seiner Schafherde das ganze Jahre durch den Kreis

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Von: Stefanie Salzmann

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Stets im Auge hat Meinolf Timmerberg seine Schafherde, mit der er gerade auf den Winterweiden entlang des Werratals – hier zwischen Grebendorf und Schwebda – unterwegs ist. Der Hüteschäfer ist der letzte im Werra-Meißner, der diese Art der Schafhaltung praktiziert.
Stets im Auge hat Meinolf Timmerberg seine Schafherde, mit der er gerade auf den Winterweiden entlang des Werratals – hier zwischen Grebendorf und Schwebda – unterwegs ist. Der Hüteschäfer ist der letzte im Werra-Meißner-Kreis, der diese Art der Schafhaltung praktiziert. © STEFANIE SALZMANN

Hüteschäfer Timmerberg ist ganzjährig mit seiner Schafherde unterwegs. Er ist der letzte Hüteschäfer, den es im Landkreis gibt.

Werra-Meißner – Der groß gewachsene Mann mit Hut, grünem Lodenmantel und Sitzstock lässt die rund 500 Schafe, die in dieser Woche auf einer Grasfläche zwischen Grebendorf und Schwebda friedlich vor sich hin fressen, nicht aus den Augen. Ab und an gibt er einem der beiden Schäferhunde einen kurzen Befehl, ohne die Stimme zu heben. Die Hunde treiben dann am Rand rumtrödelnde Schafe wieder zurück zur Herde.

„Ich schau den ganzen Tag, was die Schafe gerade wieder für Unsinn machen“, sagt Meinolf Timmerberg, der inzwischen der letzte und einzige Hüteschäfer im Werra-Meißner-Kreis ist. „So eine Herde ist manchmal wie eine kriminelle Vereinigung“, sagt er und lacht leise. Im Sommer in den höheren Lagen des Hohen Meißner und des Meißner Vorlandes, im Winter zieht er entlang des Werratals.

Timmerberg ist 67 Jahre, seit 40 Jahren Schäfer und zieht ganzjährig mit einer seiner beiden großen Herden durch den gesamten Landkreis. Während er im Frühjahr, Sommer und Herbst in den höheren Lagen der Region auf dem Meißner und dessen Vorland unterwegs ist, befindet er sich mit seinen Tieren gerade auf Wintertour. Und die führt zu dieser Jahreszeit einmal durch das Werratal, wo die Schafe das Grünland rechts und links der Werra abweiden. In den kommenden Wochen wird er noch bis nach Wanfried mit seiner Herde ziehen.

Wenn Timmerberg mit seinen Schafen zieht, schaut er viel, beobachtet seine Tiere, aber auch alles, was um ihn herum geschieht. Und er hört nebenbei „unendlich viele Hörbücher“.

 „Aufhören tut man, wenn man entweder nicht mehr laufen kann oder tot ist.“

Meinolf Timmerberg Hüteschäfer

Nachts kommen die Schafe in einen Pferch im Freien, auf dem 1,20 Meter hohen Zaun sind mehr als 12 000 Volt. Er gilt als besonders wolfssicher. Timmerberg selbst übernachtet nicht im Schäferkarren, auch nicht in dem etwas komfortableren Wohnwagen, den er besitzt. Er fährt abends mit den beiden Hunden nach Hause nach Dudenrode am Meißner, wo auch seine Schäferei ist.

„Unsere Schafe leben von ihrem ersten bis zu ihrem letzten Lebenstag in der Herde“, beschreibt der Schäfer das Leben seiner Tiere. „Das ist das, was man als Schäfer eigentlich möchte.“

Abends, so schildert Timmerberg es, folgen ihm die Schafe sattgefressen in den Pferch und dann geht es ihnen nur noch darum, dort den besten Platz für die Nacht zu ergattern. Auch morgens seien die Tiere noch etwas träge vom langwierigen Verdauungsakt eines typischen Wiederkäuers und dann lasse sich gut mit ihnen arbeiten. Das bedeutet, dass der Schäfer „an ihnen arbeiten“ kann. „Irgendwas ist immer zu tun“, sagt er.

Lammzeit im Winter

In dieser Woche sind in der Herde einige Lämmer zur Welt gekommen, Timmerbergs Frau holt ein Mutterschaf und das Neugeborene mit dem Auto ab, weil es eine schwere Geburt war und das Tier etwas Pflege und Ruhe braucht.

Doch in der Herde springen einwöchige Lämmer munter zwischen den erwachsenen Tieren umher, Mutterschafe suchen ihre aufmüpfigen Jungtiere und gleichzeitig liegen zwei neugeborene Schäfchen auf der Wiese – nur als helle Punkte im Grün zu erkennen.

Eigentlich, so findet auch Timmerberg, ist die Lammzeit nicht die günstigste. Aber die Schafe im Sommer lammen zu lassen, sei kaum noch möglich. „Die Sommer seit 2018 sind so heiß und trocken, dass die Tiere im Juli kaum noch Nahrung finden und extrem unter der Hitze leiden“, sagt er. Die ideale Temperatur für Schafe liege zwischen acht und 18 Grad. „Da fühlen sie sich wohl und sind sehr lebendig.“

Von oben nach unten

Den Jahreszyklus einer Hüteschäferei haben Timmerberg und der Naturpark Frau-Holle-Land schon vor fast 30 Jahren in ein Beweidungskonzept für die Region integriert. Im Sommer beweidet die Hüteschäferei verschiedene inselartige Biotope in den höheren Lagen des Kreises und auf dem Hohen Meißner und im Meißner-Vorland (siehe Grafik), die miteinander verbunden sind, und hält diese Flächen aus Halbtrockenrasen und Magerrasen offen. Zudem tragen die Schafe über ihren Kot auch Samen weiter auf andere Flächen – Naturschutz im Sinne der Artenvielfalt. „Das geht, weil Schafe beim Futter anspruchsloser sind als Rinder oder Pferde.“

Schaf und Wolf

Sorge macht ihm wie allen Weidetierhaltern aber auch die Rückkehr des Wolfes nach Nordhessen. „Das ist schon eine Riesenbedrohung und ein Konflikt, der eigentlich nicht zu lösen ist.“ Schaf und Wolf passen nun mal schlecht zueinander. Herdenschutzhunde, sagt der erfahrene Schäfer, machen nur Sinn, wenn „sie richtig scharf“ sind. „Aber dann greifen sie auch Jogger, Radfahrer und Wanderer an.“ Macht also keinen Sinn. Denn gerade der Naturpark Frau-Holle- Land lebt von Freizeit und Tourismus. Seine Herden sind bisher von Wolfsangriffen verschont geblieben. „Aber ich weiß, dass es nach einem Wolfsangriff unmöglich ist, die Herde noch zu bewegen.“ Die Tiere sind dann traumatisiert oder völlig panisch. „Aber solange der Wolf meine Herden nicht angreift, ist er mir eigentlich egal.“

Einer von Timmerbergs Söhnen – Jan Phillip – führt die Schäferei im Kalkhof bei Wanfried, aber nicht als Hütschäfer. Er gehört auch zu dem Projekt „Schaf schafft Landschaft“ und beweidet mit der anderen Herde des Betriebes unter anderem die Flächen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze – dem Grünen Band. Der Stammbetrieb der Schäferei ist aber die Hüteschäferei in Dudenrode.

Beruf am Aussterben

Meinolf Timmerberg ist Schäfer aus Berufung. Aber vor allem die Haltungsform der Hüteschäferei ist praktisch vom Aussterben bedroht, weiß er. Deshalb bildet er auch Hüteschäfer in seinem Betrieb aus und hofft, dass einer seiner Zöglinge die Schäferei irgendwann als Hüteschäferei übernimmt.

Wann das sein wird? „Diesen Beruf macht man aus Passion“, sagt Timmerberg. „Aufhören tut man, wenn man entweder nicht mehr laufen kann oder tot ist.“

Beweidungsprojekt Meißner und Vorland: Biotope wurde verbunden und werden von Schafen und Ziegen offengehalten

Die Schafe verbinden im Sommer die inselartigen Biotope am Meißner und in dessen Vorland. Im Winter gehts ins Werratal auf die Winterweiden. Grafik: Naturpark
Die Schafe verbinden im Sommer die inselartigen Biotope am Meißner und in dessen Vorland. Im Winter gehts ins Werratal auf die Winterweiden. Grafik: Naturpark © Privat

Zum Erhalt und zur Regeneration der Halbtrocken- und Borstgrasrasen im Bereich des Meißners und seinem Vorland hat der Geo-Naturpark (seinerzeit noch Meißner-Kaufunger Wald) gemeinsam mit der Hüteschäferei Timmerberg 1997 ein Beweidungskonzept für die Wacholderheiden und Wiesen rund um und auf dem Meißner ins Leben gerufen. 1997 waren die Wacholderheiden und viele Wiesen auf dem Meißner nicht mehr in Nutzung und die Biodiversität hatte bereits stark abgenommen. Büsche und Bäume waren dabei, die wertvollen Biotope mit z.B. vielen Orchideen zu überwachsen.

Die Naturschutzgebiete wurden über Zuwege für die Schafherde miteinander verbunden, Entbuschungen durchgeführt und die historische Nutzung durch Hüteschafhaltung wieder aufgenommen. Die Hüteschäferei beweidet die Fläche mit naturschutzfachlichem Können bis zu drei Mal im Jahr. Dabei wird auf die Ansprüche vieler verschiedener Tiere und Pflanzen geachtet.

Der Naturpark hat ein Bildungsprogramm für Kinder und Erwachsene aufgestellt. Es begann die regionale Vermarktung von Lammfleisch. Und mit der Rückkehr der attraktiven Landschaft wurden Premiumwanderwege angelegt und der Tourismus kam in Schwung. Das Beweidungsprojekt wurde ständig verbessert und steht bis heute unter großer Beachtung von Fachleuten. Das Beweidungsprojekt mit der traditionellen Hüteschäferei ist das Musterbeispiel für die Entwicklung des Bundesprojekts „Schaf schafft Landschaft“ gewesen.

(Stefanie Salzmann)

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