1. Startseite
  2. Lokales
  3. Witzenhausen

Wenn der Filter im Kopf fehlt: Frau aus dem Werra-Meißner-Kreis lebt mit Hochsensibilität

Erstellt:

Von: Julia Stüber

Kommentare

Hochsensiblität kann sich unter anderem über Reizüberflutung und Empfindsamkeit ausdrücken.
Hochsensiblität kann sich unter anderem über Reizüberflutung und Empfindsamkeit ausdrücken. © imago

Eine Frau aus dem Werra-Meißner-Kreis lebt mit Hochsensibilität. Sie berichtet, wie das Leben ist, wenn ständig alle Eindrücke zu intensiv sind.

Werra-Meißner – Das beliebte Johannisfest, das erträgt Frau H. (Name ist der Redaktion bekannt) kaum. Viele unterschiedliche Geräusche, die Lautstärke, Menschenmassen – was wohl für die meisten Menschen ein Erlebnis ist, ist für Frau H. aus dem Werra-Meißner-Kreis Stress pur. Sie ist hochsensibel. „Wir haben einen schlechteren Filter für die Reizverarbeitung. Es geht quasi alles einfach rein“, sagt sie. Das merkt Frau H. beispielsweise auch bei einem Besuch im Restaurant. Während andere Menschen die Gespräche an den Nebentischen kaum wahrnehmen, kann sie sie nicht ausblenden. Eine Krankheit sei die Hochsensibilität aber nicht, eher ein Persönlichkeitsmerkmal.

Frau H. merkt schon in ihrer Kindheit, dass sie anders, irgendwie empfindlicher als andere Personen ist. Das wirkte sich auf den Umgang mit anderen Menschen aus. In der Schule war sie eine Außenseiterin, wie sie selbst sagt. „In den 50er-Jahren war die Hochsensibilität noch nicht bekannt. Es war für mich daher nicht leicht, mit all dem umzugehen. Man denkt immer, dass mit sich selbst etwas nicht stimmt.“ Oft hörte sie Sprüche wie „Stell dich doch nicht so an“ oder „Leg dir ein dickeres Fell zu“. Die Jahre vergehen, Frau H. lebt mit den Begleiterscheinungen der Hochsensibilität weiter. Die Lärmempfindlichkeit, der stark ausgeprägte Geruchssinn, die Empfindsamkeit, all die Reize, die sie überfluten – das gehört zu ihrem Alltag. Erst vor einigen Jahren findet Frau H. eine Erklärung dafür. „Als ich verstand, dass ich hochsensibel bin, war das ein Aha-Erlebnis für mich. Früher war alles wie im Nebel, jetzt hatte das Kind endlich einen Namen.“ Zwar ging es Frau H. dadurch nicht besser, aber sie konnte die Geschehnisse einordnen und damit umgehen.

Hochsensibilität: Wenn der Filter im Kopf fehlt

Dazu kam nach einer Weile der Entschluss, andere Menschen, die ebenfalls hochsensibel sind, kennenzulernen. Also gründete Frau H. eine Selbsthilfegruppe in Eschwege. Seit 2019 kommen Hochsensible montags (alle 14 Tage) zwischen 16 und 18 Uhr im Haupthaus von Aufwind zusammen. „Hier können wir alles sagen, wir können uns vertrauen und niemand muss sich verstellen.“ Würde Frau H., wenn sie die Wahl hätte, ohne die Hochsensibilität leben wollen? „Nein“, sagt sie. Denn auch wenn die negativen Seiten für sie überwiegen, so gebe es doch auch Vorteile, die dieses Persönlichkeitsmerkmal mit sich bringe. Etwa Empathie oder die Fähigkeit, sich an kleinen Dingen zu erfreuen.

Kontakt: Wer Interesse an der Selbsthilfegruppe hat, meldet sich bei der Selbsthilfekontaktstelle unter Tel. 05651/30225380 oder 05651/30225380 sowie per E-Mail an selbsthilfekontaktstelle@werra-meissner-kreis.de. (Julia Stüber)

Auch interessant

Kommentare