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Meister Adebar erobert das Werratal zurück

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Von: Stefanie Salzmann

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Ein Weißstorchenpaar auf dem Steinernen Haus in Schwebda. Das Paar ist das dritte Jahr in Folge zur Brut gekommen.
Ein Weißstorchenpaar auf dem Steinernen Haus in Schwebda. Das Paar ist das dritte Jahr in Folge zur Brut gekommen. © Rolf Semmelrodt

Über Jahrzehnte mieden die Weißstörche den westlichen Teil des Werratals. Auch Fachleute konnten sich nicht wirklich erklären, warum. Jetzt sind die langbeinigen Glücksbringer zurück.

Werra-Meißner – Zwei volle Jahrzehnte schien es, als hätte jedes Storchenglück das Werratal verlassen. Während die Weißstorchenpaare auf der thüringischen Seite der Werra munter vor sich hin brüteten, weigerten sie sich, die unsichtbare Demarkationslinie zwischen Ost und West zu überschreiten. Schon in den 1980er-Jahren – die Storchenpopulation befand sich auf einem Tiefstand in Deutschland – bauten die Ornithologen Nisthilfen in Herleshausen, Wommen, Heldra und Schwebda, in der Hoffnung, dass eine der in Thüringen ausgewilderten Paare in den Westen kommt. Es dauere lange und damals sagte der Ornithologe Wolfram Brauneis schon: „Im Osten wohnen sie, im Westen fressen sie.“

Doch 1991 kam ein unberingtes Paar nach Heldra und blieb für neun Jahre auf einem Horst einer Scheune in Heldra. 22 Nachkommen zog das Paar groß – und dann war Schluss. Trotz aller Anstrengungen ließ sich seit 2000 kein Weißstorch mehr zur Brut im westlichen Werratal blicken.

Erstes Storchenpaar macht 2018 Station auf Industrieschornstein in Frieda

Doch vor drei Jahren der erste Hoffnungsschimmer am Storchenhimmel: Ein Paar versuchte sich einige Tage auf dem 60 Meter hohen Industrieschornstein in Frieda mit dem Nestbau – und die Enttäuschung war groß, als sie weiterzogen. Genauso groß wie das Glücksgefühl im Juni 2020, als sich plötzlich ein Weißstorchpaar auf dem Steinernen Haus in Schwebda niederließ und dort drei Jungvögel großzog.

Der Bann war gebrochen

Damit war der Bann offenbar gebrochen. Die Störche waren zurück. 2021 brütete das Paar nach schweren Horstkämpfen mit einem konkurrierenden Paar dort wieder, auch in diesem Jahr sind sie da. Auch in Nesselröden begann nach 70 Jahren zum ersten Mal ein Paar zu brüten, sie verließen den Horst mit zwei unbebrüteten Eiern aber.

Mit der Rückkehr der Störche wurden auch Naturschützer und Ornithologen im Kreis wieder aktiver. In den Werraauen bei Herleshausen wurde eine Nisthilfe aufgestellt, weite Masten in Kleinvach und Heldra folgten. Und im vorigen Sommer baute die Gemeinde Meinhard eine Nisthilfe auf den Giebel des Rathauses in Grebendorf. Der wurde in diesem Jahr sofort von einem Brutpaar bezogen und auch in Wommen ist in diesem Jahr der Umzug eines Pärchens (Milchling und Margot) vom Heizkraftschornstein auf ein benachbartes Dach gelungen (wir berichtete). Landwirte aus Grebendorf und Jestädt berichten regelmäßig von Storchensichtungen auf den Wiesen – zum Teil sind dort bis zu elf Tiere auf Futtersuche.

Klimawandel auch Grund für Rpckkehr

Rolf Semmelrodt ist der Storchenbeauftragte im Werra-Meißner-Kreis und beobachtet die Rückkehr der Störche voller Freude. Warum die Störche das Werratal wieder für sich entdecken, erklärt er mit den verbesserten Lebensbedingungen. Und so grotesk es klingen mag, auch der Klimawandel beschert uns die Glücksbringer.

Wegen der immer milder werden Winter in Mitteleuropa treten viele Störche nicht mehr die weite gefährliche Reise nach Afrika an, wo viele in Stromleitungen oder als Storchenbraten ihr Ende finden. Stattdessen verbringen sie die kalte Jahreszeit auf der Iberischen Halbinsel in Spanien, Portugal und in Südfrankreich. Dort leben sie auf den offenen Müllkippen. „Deshalb überleben mehr Tiere und sie kommen früher zurück“, sagt Semmelrodt.

Aber genau aus diesem Grund gehen Fachleute inzwischen davon aus, dass der Höhepunkt der Population in etwa fünf Jahren erreicht sein wird. Denn die EU hat beschlossen, dass diese offenen Müllkippen geschlossen werden müssen.

Doch solange der Storchenansturm auf den Werra-Meißner-Kreis anhält, ziehen nun Naturschützer, Gemeinden und auch Privatleute an einem Strang und wollen den Wohnungsbau für die Weißstörche möglichst attraktiv gestalten. Nisthilfen werden aufgestellt in der Hoffnung, dass ein Weißstorch beim Überflug Interesse zeigt und das Angebot nicht ausschlägt. So hat sich die Gemeinde Meinhard auf die Fahne geschrieben, Storchen-Gemeinde zu werden. Deshalb sollen nun auch das Schloss in Jestädt sowie zwei weitere Standort mit zusätzlichen Nisthilfe ausgestattet werden. Auch der Geo-Naturpark errichtet Nisthilfen in Kooperation mit der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie (HGO) entlang der Werra. Denn, so Semmelrodt: „Störche wollen nasse Füße.“

Steckbrief Weißstorch

Der Weißstorch ist ein typischer sogenannter Kulturvogel und somit der einzige Großvogel, der sich eng an den Menschen angeschlossen hat. Zu seinem Lebensraum gehören Europa, Westasien und Nordafrika. Hier verbringt der Zugvogel die Brutzeit. In aller Regel spätestens Ende August machen sich die Weißstörche gen Afrika auf den Weg, überwintern inzwischen aber auch oft bereits auf der Iberischen Halbinsel.

Das Aussehen

Das Gefieder der Störche ist weiß, Schwungfedern und Teile der Oberflügeldecken schwarz, Schnabel und Beine rot. Bei Jungvögel bis zur Geschlechtsreife ist der Schnabel dunkel. Die Geschlechter sind nur schwer zu unterscheiden. Stehend ist ein Storch etwa 1,10 Meter groß und wiegt zwischen 2,6 und 4,4 Kilo. Seine Flügelspannweite beträgt um die 2,30 Meter. Störche werden zirka acht bis zehn Jahre alt.

Die Nahrung

Störche sind reine Fleischfresser, auch Aas. Zu ihrem Speiseplan gehören Kleinsäuger wie Mäuse, Froschlurche, Eidechsen, Schlangen, Fische, große Insekten und deren Larven sowie Regenwürmer und in seltenen Fällen Eier und Junge von Bodenbrütern. Seine Jagdmethode ist charakteristisch: Schreitend durchstreift er Weisen und Sumpfland und stößt blitzartig mit seinem Schnabel auf seine die Beute herab. Zudem kann er mit angewinkelten Beinen ein Mauseloch belauern und dann zuschlagen. In seichten Gewässern durchschnäbelt er das Wasser nach Beute.

Die Fortpflanzung

Störche leben in Jahresehen, die mit etwas Glück auch erneuert werden. Das Männchen trifft als erstes auf dem Nistplatz ein. Brutzeit ist Anfang April bis Anfang August. Eine Jahresbrut besteht aus drei, maximal fünf Eiern. Beide Elterntiere brüten. Die Zeit vom Eilegen bis zum Schlupf des Kükens beträgt 32 bis 33 Tage. Bis zur vierten oder fünften Woche ist immer ein Erwachsener am Nest und hält Wache. Mit zirka neun Wochen werden die Jungen flügge. Nach sieben Wochen haben sie etwa die Größe ihrer Eltern erreicht.

Die Zeit, in der die Nesthocker ein Jungvogel werden und damit flügge sind, um den Horst zu verlassen, beträgt etwa zwei Monate. In dieser Zeit trainieren die Jungvögel im Nest ihre Muskulatur durch Flügelschlagen.

Töten mit Voraussicht

Bei Störchen kann es vorkommen, dass sie ihren Nachwuchs auffressen oder einfach aus dem Nest schubsen. Kronismus wird dieser Vorgang bei Elternvögeln genannt. Verhaltensforscher gehen davon aus, dass gerade Tiereltern, die ihrem Nachwuchs eine besonders aufwendige Brutfürsorge bieten, ihr schwächstes Junges töten, wenn es scheint, als würde es nicht mehr genug Nahrung für alle geben. (Stefanie Salzmann)

Nisthilfen: Die schwarzen Punkte sind bereits vorhanden Standorte, die roten geplante. Grafik: Rolf Semmelrodt
Nisthilfen: Die schwarzen Punkte sind bereits vorhanden Standorte, die roten geplante. Grafik: Rolf Semmelrodt © Rolf Semmelrodt

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