Leistungsdruck der Milchindustrie

Ein Abfallprodukt? Bullenkälber sind nichts mehr wert - Folgen der Milchwirtschaft

Kühe und Kälber leiden unter dem Leistungsdruck der Milchindustrie.
+
Kühe und Kälber leiden unter dem Leistungsdruck der Milchindustrie.

Bullenkälber, die keine Milch erzeugen, werden durch den Leistungsdruck in der Landwirtschaft zum Abfallprodukt. Die Folge: Unterirdische Kälberpreise.

Witzenhausen - Damit Kühe stetig Milch produzieren, müssen sie jedes Jahr Kälber zur Welt bringen. Bullenkälber hingegen sind nichts wert – vor allem bei den Hochleistungs-Milchkuh-Rassen, die kaum Fleisch ansetzen. Die Preise für Kälber sind deshalb im Sinkflug.

In Hessen wird aktuell 42 Euro für ein Bullenkalb gezahlt

„Im Oktober 2019 waren in Hessen die Marktpreise für schwarzbunte Bullenkälber (Milchtyp) am Tiefpunkt, nur 39 Euro wurden durchschnittlich für ein männliches Kalb gezahlt“, berichtet Karl-Josef Walmanns vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. „Wenn Kälber schwächer sind oder aus Zwillingsgeburten stammen, dann werden sie noch viel schlechter gehandelt“, ergänzt Walmanns.

Aktuell lägen die Preise in Hessen mit 42 Euro zwar leicht über diesem Preistief, ein Verlustgeschäft für den Landwirt sei der Verkauf trotzdem. Im Vergleich der Marktpreise für schwarzbunte Bullenkälber (Milchtyp) im Juli 2000 mit 147 Euro und Juli 2010 mit 94 Euro wird deutlich, wie sich die Erlössituation für Betriebe in Hessen entwickelt hat.

Bei Kälbern richte sich der Preis generell nach den Rassen beider Elterntiere, ob diese von einer milch- oder fleischbetonten Rasse abstammen.

Die Kosten der Aufzucht und für die Besamung sind höher als der Erlös

Kälber werden meist im Alter von zwei Wochen an einen Viehhändler verkauft. Weibliche Tiere verbleiben oft im Betrieb und werden daher seltener gehandelt. „In der ersten Woche werden die Kälber mit der Muttermilch gefüttert, in der zweiten Woche erhalten sie meist eine auf Milchpulver basierende Tränke. Die Kosten für Fütterung und Stallplatz belaufen sich in dieser Zeit auf circa drei Euro am Tag“, sagt Walmanns.

Da Kühe oft nicht beim ersten Besamen trächtig werden, seien Kosten von 200 Euro bei einer Trächtigkeit für das Sperma sowie den Tierarzt realistisch. „Der Erlös der Kälber deckt also nicht ansatzweise die Kosten.“

Niedrige Preise auch durch die Corona-Pandemie beeinflusst

Die negative Entwicklung der Marktpreise sei von vielen Faktoren bestimmt und könne nicht auf einen bestimmten Aspekt reduziert werden. „Die aktuelle Preisbildung wurde durch die pandemiebedingten Umstände beeinflusst. Zum einen war dies die Schließung von allen gewerblichen Küchen sowie den Transportbeschränkungen zum Beispiel in Kälbermast spezialisierte Betriebe nach Spanien“, erklärt Walmanns.

Ein weiterer Grund für den Preisdruck ginge von den Vermarktungsbeschränkungen aufgrund der Blauzungenkrankheit aus. Das ist eine Tierseuche der Wiederkäuer, die durch Viren verursacht wird.

Auch die weltweite Ausweitung der Milchproduktion habe maßgeblich dazu geführt, bedingt durch mehr geborene Kälber, dass sich der Marktpreis über einen längeren Zeitraum auf das aktuelle Niveau entwickelt hat.

Folgen der niedrigen Preise für die Landwirtschaft

Die Erlössituation der Betriebe verschlechtert sich weiter und die Landwirte müssen die Folgen der expansiven Milchviehwirtschaft ausbaden.

Neben den niedrigen Kälberpreisen, ist auch der entscheidende Erlös für die Milch in den vergangenen Jahren stark gesunken. „In Kombination mit weiteren strukturellen Herausforderungen und wirtschaftlichen Belastungen entscheiden sich kleinere Höfe schließlich zur Betriebsaufgabe, wodurch die familiengeführte Landwirtschaft sich hin zu einer stärker Angestellten geprägten Betriebsstruktur in größeren Betrieben entwickelt“, sagt Karl-Josef Walmanns.

So gab es 2010 in Hessen noch circa 4000 Kuhhalter, 2018 waren es lediglich noch 2600. Im Gegensatz zu den Zahlen der Besitzer, die gesunken sind, ist die durchschnittliche Anzahl an Kühen in einem Betrieb, von 37 auf 50 angestiegen.

Lösungsansätze vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Kälber, die von einer milchbetonten Rasse abstammen, sind für die Fleischmast unrentabel. Deshalb paaren einige Milchviehhalter ihre Kühe mit fleischbetonten Bullen, womit sie höhere Kälberpreise erzielen können.

„Eine weitere Möglichkeit bietet die Methode des sogenannten „Sperma-Sexing“. Dabei wird das Sperma so verändert, dass das Geschlecht steuerbar ist und somit weibliche Tiere geboren werden“, erklärt Walmanns. (Carolin Eberth)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.