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Interview zum Tag des Waldes mit Förster Dietrich Bräuer

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Von: Tobias Stück

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So, wie wir den Wald gerne sehen: Buchen auf der Gobert im Juli 2016.
So, wie wir den Wald gerne sehen: Buchen auf der Gobert im Juli 2016. © Foto: Julian Stratenschulte

Am 21. März ist der Tag des Waldes. Die Meldungen der vergangenen Jahre über den Zustand des Waldes haben aufhorchen lassen: Sturm, Trockenheit, Borkenkäfer. Aber wie steht es tatsächlich um unseren heimischen Wald? Darüber haben wir mit Dietrich Bräuer vom Forstamt Wehretal gesprochen.

Herr Bräuer, wie ist es aktuell um den Zustand unseres Waldes bestellt? Müssen wir uns Sorgen machen?

Infolge des Sturms Friederike und der nachfolgenden Dürrejahre ist der Großteil der Fichtenbestände im Bereich des Forstamts Wehretal wie in anderen Regionen Hessens abgestorben. Auch die Buchen leiden massiv unter Trockenstress, bei uns insbesondere auf den Kalkstandorten entlang der Landesgrenze, die von Natur aus eine ungünstige Wasserversorgung haben. Daher besteht durchaus Grund zur Sorge, vor allem im Hinblick auf die mittel- und langfristig zu erwartenden Klimaveränderungen. Darum ist das Ziel jeder Maßnahme und Planung auch immer der möglichst klimastabile Wald.

Welche Regenmengen müssten fallen, um den Wasserspeicher wieder aufzufüllen?

Im langfristigen Mittel der Jahre 1971 bis 2000 lagen die Niederschläge im Bereich des Forstamts Wehretal zwischen 650 und 800 mm im Jahr, in den Dürrejahren 2018 bis 2020 wurden diese teilweise um 50 Prozent unterschritten, wodurch sich die Wasserspeicher im Boden geleert haben. 2021 hat sich die Situation etwas entspannt, die Niederschläge in der Region lagen im Bereich des langjährigen Mittels. Da insbesondere in der Vegetationszeit reichlich Niederschläge fielen, wurde der Regen sofort von den Pflanzen aufgenommen und drang nicht bis zum Grundwasserspeicher vor.

Ist das realistisch?

Für die Auffüllung der Wasserspeicher wären schneereiche Winter günstig, denn bei der Schneeschmelze sickert das Wasser langsam in den Boden ein und wird nicht sofort von der Vegetation verbraucht. Regen hingegen fließt häufig oberflächlich ab, vor allem bei Starkregenereignissen. Die Auffüllung der Speicher ist also nicht nur abhängig von der Niederschlagsmenge.

Gibt es auch im Werra-Meißner-Kreis regionale Unterschiede im Zustand des Waldes?

Der mehr von Fichtenwäldern geprägte Westen des Werra-Meißner-Kreises ist augenfällig stärker von den Dürreschäden getroffen. Insbesondere im Bereich Eschwege besteht traditionell durch die früher hier ansässige Lederindustrie ein hoher Anteil von Eichenwäldern, die mit Wassermangel besser zurechtgekommen sind.

Welches Problem ist Ihr größtes Sorgenkind im Wald?

Fichte, Buche und Esche. Dass durch die Klimaänderungen mittelfristig die Fichtenbestände leiden und schließlich verschwinden würden, ist schon länger bekannt. Daher wurden diese Wälder durch Vor- und Unterbau mit anderen Baumarten schon seit vielen Jahren langsam in Mischbestände umgebaut. Dass die Fichte so schnell verschwinden würde und unsere Umbaumaßnahmen daher zu langsam waren, hat jedoch keiner vorausgesehen. Sorgen machen uns die Dürreschäden bei den Buchen, die durch nachfolgende Pilzerkrankungen stark geschwächt sind und nun vor allem auf den schlechter mit Wasser versorgten Standorten absterben. Dies gefährdet auch die Waldbesucher. Hinzu kommt das Eschentriebsterben, das durch einen eingeschleppten Pilz verursacht wird sowie die ebenfalls auf einen Pilz zurückgehende Rußrindenkrankheit bei Bergahorn. Dies schränkt die Baumartenwahl bei der Wiederbewaldung zusätzlich ein.

Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen, um den Problemen im Wald gegenzusteuern?

Im Forstamtsbereich sind wir zuständig für rund 7000 Hektar Staatswald, hiervon sind rund 400 Hektar Fichtenbestände in den vergangenen Jahren abgestorben. Bei der Wiederbewaldung pflanzen wir Baumarten, die an die sich ändernden Witterungsbedingungen besser angepasst sind. Bei den Laubhölzern sind dies insbesondere Traubeneichen, aber auch Linden, Elsbeere und wo- möglich Roteichen. Um den Nadelholzanteil langfristig zu sichern, pflanzen wir Tannen und Douglasien. Die Baumarten werden auf der- selben Fläche miteinander gemischt eingebracht, um so die Klimastabilität der Waldbestände zu erhöhen. Aufkommende Naturverjüngung, bspw. von Birke, Buche, Kiefer, Lärche oder auch Fichte wird in die Pflanzungen integriert. In diese Richtung beraten wir auch die privaten und kommunalen Waldbesitzer, deren Wälder wir betreuen. Auch im betreuten Wald sind rund 400 ha Kahlflächen entstanden.

Wie muss ein Umdenken aussehen, um unseren Wald langfristig und nachhaltig stabil zu halten?

Auch der Wald unterliegt ständigem Wandel. Da Wälder längerlebig sind als wir, nehmen wir Menschen das jedoch häufig nicht so wahr. So sind viele Bestände, die nun abgestorben sind, nach dem Zweiten Weltkrieg auf Flächen angepflanzt worden, die durch Reparationshiebe für die Alliierten kahl geschlagen waren. Unsere Vorfahren standen damals ebenfalls vor einer großen Herausforderung und mussten häufig auf Fichten für die Neuanpflanzung zurückgreifen, da andere Pflanzen nicht zu bekommen waren bzw. auf den großen Kahlflächen durch die Frostgefährdung nicht gewachsen wären.

Wird der Wald in 100 Jahren ganz anders aussehen?

Die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt hat auf Grundlage der Prognosen zur Klimaentwicklung Empfehlungen zur Baumartenwahl und -mischung für die verschiedenen Waldstandorte erarbeitet, die jedem Waldbesitzer zugänglich und auch die Grundlage für unsere Wiederbewaldungsbemühungen sind. Die Umsetzung dieser Empfehlungen wird dazu führen, das unsere Enkel und Urenkel andere Wälder, insbesondere Mischwälder, erleben werden.

Ist die Bewirtschaftung des Waldes, wie sie aktuell stattfindet, demnächst noch zeitgemäß?

Auch die Bewirtschaftung des Waldes entwickelt sich ständig weiter und Holz als CO2 neutraler Rohstoff, der nachhaltig und regional erzeugt wird, wird nicht an Bedeutung verlieren, sondern voraussichtlich wichtiger werden. Der im Holz gespeicherte Kohlenstoff wird langfristig der Atmosphäre entzogen, wenn daraus Möbel oder Dachstühle gebaut werden. Dies kann kein anderer Rohstoff leisten. Die nachhaltige Nutzung von Holz ist ein wichtiger Baustein, um die Klimaziele zu erreichen. Das Land Hessen hat zehn Prozent seiner Waldfläche aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen, um u. a. auch die natürliche Dynamik und Entwicklung in unseren Wäldern besser zu verstehen. Die Erkenntnisse, die wir hier in Zukunft gewinnen werden, werden auch Auswirkung auf unser Wirtschaften im Wald haben.

Machen Sie uns Hoffnung: Warum werden unsere Kinder und Kindeskinder noch viel Freude an unseren Wäldern haben?

Das Antlitz des Waldes wird sich wandeln, unsere Nachgeborenen werden jedoch noch Wälder vorfinden, die die Schutz-, Erholungs- und Nutzfunktionen erfüllen werden. Daran arbeiten wir stetig und zuversichtlich.

Der Tag des Waldes

Der 21. März wurde erstmals 1971 von der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) als „Internationaler Tag des Waldes“ proklamiert. Seit 2012 ist dieses Datum offizieller Aktions- und Thementag der Vereinten Nationen. Wälder schützen und nachhaltig nutzen, anstatt sie zu zerstören, lautet seitdem die Botschaft des jährlich überall auf der Welt begangenen Waldtages. Mit der Bedrohung durch den Klimawandel hat er in den letzten Jahren eine weitere wichtige Bedeutungsdimension bekommen.

In Hessen gibt es rund 830 000 Hektar Wald. Im Werra-Meißner-Kreis werden durch die Forstämter in Wehretal und Hessisch Lichtenau knapp 40 000 Hektar Wald betreut. Das entspricht gut 38 Prozent der Gesamtfläche des Kreises. Alleine 5000 Hektar entfallen auf den Gutsbezirk Kaufunger Wald. Er ist ein gemeindefreies Gebiet im Werra-Meißner-Kreis und macht fünf Prozent der Fläche aus. Einwohner gibt es hier keine.

Dietrich Bräuer

ist beim Forstamt Wehretal für die Bereichsleitung zuständig. Das Forstamt Wehretal ist für rund 18 000 Hektar Wald verantwortlich. Diese Fläche ist aufgeteilt in neun Revierförstereien. Insgesamt sind etwa 30 Personen im Forstamt Wehretal beschäftigt.

Von Tobias Stück

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