Misst Stadt mit zweierlei Maß?

Unternehmer aus Hessisch Lichtenau fühlen sich vom Parlament über den Tisch gezogen

Wütend und enttäuscht: Stefan Pacak (von links) und Christine Oppitz stehen mit Harald Franz vor dem Grundstück Am Lohwasser, für dass die Familie aufgrund städtischer Beschlüsse keinen Käufer findet.

Hessisch Lichtenau. Dicke Luft in Hessisch Lichtenau: 300 000 D-Mark hat Familie Pacak, die seit 47 Jahren eine Autowerkstatt und Lackiererei in der Kernstadt betreibt, durch die „Wankelmütigkeit“ der Stadtverodneten vor 25 Jahren in den Sand gesetzt. Damals sollte der Familienbetrieb an der Heinrichstraße umgesiedelt werden: „Unsere Werkstatt lag im Sanierungsgebiet“, erinnert sich Christine Oppitz.

1989 sollten rund um die Stadtmauer Grünflächen entstehen. „Uns wurden 900 000 D-Mark für die Umsiedelung geboten“, sagt Oppitz. Ihr Vater habe daraufhin für 220 000 D-Mark ein Grundstück im Gewerbegebiet Am Lohwasser gekauft und weitere 80 000 D-Mark in die Erschließung gesteckt. Dann kam die Wende und das Sanierungsgebiet um die Stadtmauer geriet in Vergessenheit. Der Betrieb konnte bleiben.

„Ich bin aus allen Wolken gefallen, als ich erfuhr, dass dieselben Stadtverordneten jetzt auf einmal doch einen Supermarkt genehmigen“

„Vor zwölf Jahren bot uns dann ein Investor 850 000 Euro für das Grundstück“, sagt Oppitz. Die Stadt habe das Vorkaufsrecht besessen und eine Veränderungssperre ausgesprochen. Bürgermeister Jürgen Herwig habe damals den Saugrund erschließen wollen und das Grundstück Am Lohwasser für eine zusätzliche Abfahrt von der B 7 nutzen wollen.

2010 habe erneut ein Käufer Interesse signalisiert und 350 000 Euro geboten. Wieder sei eine Veränderungsperre verhängt worden - ein Bebauungsplan lag, der den Bau eines Lebensmittelmarktes ausschließt, gab es in beiden Fällen nicht. Mit Beschluss vom 19. März 2010 sei dieser dann endlich aufgestellt worden - mit dem Vermerk, dass dort kein weiterer Lebensmittelmarkt ansiedeln darf. „Ich bin aus allen Wolken gefallen, als ich erfuhr, dass dieselben Stadtverordneten, jetzt auf einmal doch einen Supermarkt genehmigen“, sagt Oppitz.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Harald Franz, Inhaber des Maschinenhandel Franz, gemacht. „Mir wurden Steine in den Weg gelegt“, sagt er. 1992 habe er am Mühlenweg für 3,5 Millionen D-Mark bauen wollen. „Ich hatte schon Aldi und McDonalds mit im Boot.“ Ihm sei damals eine Absage erteilt worden, weil der Markt zu groß sei und nicht ins Ortsbild passe.

Die Entscheidung für einen Lebensmittelmarkt an der Leipziger Straße habe das Fass zum Überlaufen gebracht: „Ich habe etwa 100 Meter weiter hinter der Esso-Tankstelle 10 000 Quadratmetern Bahnhofsgelände gekauft.“ Am 21. Mai 2013 habe Franz den Antrag für einen Bebauungsplang gestellt - auf Anweisung der Stadt unter Ausschluss eines Lebensmittelmarktes. „Hier geht es einfach ums Prinzip“, sagt Franz.

Auch andere Grundstückseigentümer Am Lohwasser sind laut Franz erbost. Bezüglich des leerstehenden Autohauses habe es seiner Zeit Gespräche mit Edeka gegeben. Der Verkauf des Grundstücks sei durch das Nein der Stadt ebenfalls geplatzt. „Wir fragen uns, ob die Stadt mit zweierlei Maß misst“, sagen Franz und Oppitz.

Von Alia Shuhaiber

Das sagt Bürgermeister Jürgen Herwig

Jürgen Herwig

„Ich möchte die Entscheidungen von damals nicht bewertend kommentieren. Die Stadtverordneten haben immer wieder schwere Entscheidungen treffen müssen. Vor dem Hintergrund der damaligen Situation haben die Abgeordneten damals so entschieden. Ich bedauere die Situation der Abgeordneten aller Fraktionen aus tiefstem Herzen. Auch in den Fraktionen gab es immer zwei Lager. Wenn an der Leipziger Straße unter Umständen ein ansässiges Unternehmen erweitert, könnte das positiv für das Steinweg-Center sein. Zudem ist es eine Wertschätzung unseres Mittelzentrums, dass Investoren zu uns kommen wollen.“ (alh)

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