Unfall

Motorrad-Fahrer schockiert über unterlassene Hilfeleistung - 15 Menschen „einfach vorbeigefahren“

Hier ist das Ehepaar von der Straße abgekommen: Nur vier Meter hinter der Einmündung lagen Klaus-Peter und Kirsten Entzeroth nach ihrem Unfall. Am Straßenrand auf dem Bild steht die Maschine eines befreundeten Motorradfahrers.
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Hier ist das Ehepaar von der Straße abgekommen: Nur vier Meter hinter der Einmündung lagen Klaus-Peter und Kirsten Entzeroth nach ihrem Unfall. Am Straßenrand auf dem Bild steht die Maschine eines befreundeten Motorradfahrers.

Ein Motorradfahrer ist nach einem Unfall schockiert über die unterlassene Hilfeleistung. Viele Personen seien „einfach vorbeigefahren.“

Vockerode/Wanfried – Es ist Wochenende, herrliches Frühlingswetter und ein perfekter Tag für eine gemütliche Motorradtour – eigentlich. Das denken sich auch Klaus-Peter und Kirsten Entzeroth aus Wanfried, als sie zu ihrem Ausflug aufbrechen. 40 Jahre lang fuhr der 58-Jährige unfallfrei. Bis zum vergangenen Sonntagnachmittag, als er seinen ersten Unfall hatte.

Er und seine Frau haben Glück gehabt, sagt er. Erschreckender an diesem Tag sei dagegen die geringe Hilfsbereitschaft der anderen Verkehrsteilnehmer gewesen, aber eins nach dem anderen.

Nach Sturz mit dem Mottorad: Mann übersah Graben im hohen Gras

Während des Motorradausflugs kommt das Ehepaar Entzeroth in einer Linkskurve von Meißner-Vockerode in Richtung Hoher Meißner versehentlich rechts auf die Bankette neben der geteerten Straße. Die weiße BMW-Maschine kommt ins Schlingern. „Ich kann mir nicht erklären, wie ich auf den Schotter gekommen bin. Zum Glück waren wir nicht schnell unterwegs“, sagt er.

Innerhalb einer Millisekunde muss er entscheiden, wie er reagieren muss, um sich und seine Frau möglichst sicher aus der Situation zu steuern. Eine weitere Gefahrenquelle: die Teerkante der Straße, die mehrere Zentimeter hoch ist. „Wenn man als Motorradfahrer versucht, in so einer Situation über diese Kante zu fahren, kann das böse ausgehen“, erklärt er.

So steuert er seine Maschine geradeaus in ein Feld, damit der Boden einen Sturz möglichst weich abfedert. Was er aber durch das hohe Gras nicht sieht: Er fährt direkt auf einen Graben zu. „Der hat uns dann ausgehebelt“, schildert Klaus-Peter Entzeroth ein paar Tage nach dem Unfall.

Motorrad-Unfall am Hohen Meißner: Verletzte lagen nur unweit der Straße und gut sichtbar

Das Motorrad samt Fahrer und Beifahrerin überschlägt sich und landet wenige Meter neben der Straße im Feld. Glück hatten die beiden, da ist er sich sicher. Klaus-Peter Entzeroth kommt mit einigen Prellungen und blauen Flecken davon, doch seine Frau Kirsten erleidet einen Schlüsselbeinbruch. Beide werden später mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht.

Der Unfall selbst erscheint zunächst nicht überaus dramatisch. Aber was danach kommt, findet das Ehepaar enttäuschend und erschreckend. „Wir lagen nur wenige Meter von der Straße entfernt gut sichtbar im Gras. Die Leute sind einfach vorbeigefahren“, erzählt Klaus-Peter Entzeroth. Etwa 15 andere Motorradfahrer und zahlreiche Autofahrer passieren die Stelle, ohne zu fragen, ob alles in Ordnung sei.

Wie Pressesprecher und Kriminalhauptkommissar Jörg Künstler von der Polizeidirektion Werra-Meißner auf Nachfrage erklärt, stellt ein Unterlassen der Hilfeleistung eine Straftat dar. „Jeder ist zur Ersten Hilfe verpflichtet“, sagt er. Könne man diese Unterlassung nachweisen, werde das mit einer Freiheits- oder einer Geldstrafe geahndet.

Nach Unfall: Motorradfahrer und Autofahrerin kamen schließlich zu Hilfe

Es gebe wenige Ausnahmen, etwa wenn Frauen nachts allein unterwegs seien. „Dann muss man aber telefonisch Hilfe rufen.“ „Es war ganz offensichtlich, dass wir einen Unfall hatten. Wir setzen uns doch nicht zum Picknicken an den Straßenrand“, sagt Entzeroth. Er ist sauer. Und das zu Recht. „Die haben zu uns rübergeschaut und sind nicht angehalten. Ich habe sogar gewunken.“

Drei Biker aus Eisenach und eine Autofahrerin aus Hausen kommen schließlich zu Hilfe. Die Frau fährt sogar nach Vockerode, hält am ersten Haus und holt den beiden erst einmal Getränke. Auch ein in der Nähe befindlicher befreundeter Motorradfahrer der Entzeroths kam nach einem Anruf dazu.

„Ich möchte allen Helfern danken“, sagt Entzeroth. Die fehlende Hilfsbereitschaft besonders der anderen Motorradfahrer empfindet er als Armutszeugnis, sagt er. „Von dem viel angepriesenen Zusammenhalt unter Bikern habe ich nicht viel gemerkt.“ Er hofft, dass dies eine Ausnahme war.

Ein Rückgang der Unfälle um knapp mehr als elf Prozent gegenüber 2019 auf insgesamt 2147 und ein Tiefststand an Verletzten (71 Schwer- und 278 Leichtverletzte) prägt den Verkehrsbericht 2020 der Polizei im Werra-Meißner-Kreis. Diese Entwicklungen führen Leiter Rainer Neusüß von der Polizeidirektion in Eschwege und Rainer Grubbe als Leiter des Regionalen Verkehrsdienstes der Direktion insbesondere auf die Corona-Pandemie zurück. (Jessica Sippel)

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