Neue Landrätin Nicole Rathgeber bietet allen die Zusammenarbeit an

Nach Amtseinführung hält Nicole Rathgeber erste Rede vor dem Kreistag Werra-Meißner - Stefan Reuß verabschiedet sich

Landrat des Werra-meißner-Kreises Stefan Reuß und neue Landrätin Nicole Rathgeber kurz nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses am 7. November 2021.
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Landrat des Werra-meißner-Kreises Stefan Reuß und neue Landrätin Nicole Rathgeber kurz nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses am 7. November 2021.

Abschied und Neubeginn: Nach ihrer Amtseinführung hielt die neue Landrätin des Werra-Meißner-Kreises, Nicole Rathgeber, ihre erste Rede vor dem Kreistag und ihr Amtsvorgänger Stefan Reuß verabschiedete sich mit emotionalen Worten.

Werra-Meißner – Sie wolle Traditionen und Altes bewahren und mit neuen Ideen und Innovationen zusammenbringen, „damit die Menschen im Werra-Meißner-Kreis sich wohlfühlen und hierbleiben“, sagte Nicole Rathgeber am Montag vor dem Kreistag, nachdem sie in ihr Amt als Landrätin eingeführt worden war. Sie tritt es am 1. Januar 2022 an.

In ihrer kleinen Antrittsrede vor dem Kreisparlament nannte sie als ihr „festes Ziel“, die Marke von 100 000 Einwohnern wieder zu überschreiten. Für ihr künftiges Engagement für den Kreis will sie eine Weisheit aus Frankreich als Motto übernehmen: „Arbeit, die Freude macht, ist schon zur Hälfte fertig“. Auf „freudige Zusammenarbeit“ lud sie auch alle Fraktionen und Gruppen im Kreistag ein, um die anstehenden Herausforderungen – Stichworte waren Pandemie, Gesundheitslandschaft, Klimawandel, Digitalisierung – gemeinsam anzugehen.

Das hatte der scheidende Landrat Stefan Reuß (SPD) ihr und allen anderen auch schon ans Herz gelegt: Es gelinge, wenn man den gemeinsamen Willen dazu habe, die Heimat voranzubringen. In den kurzen Gratulationsworten der einzelnen Fraktionen war die Antwort auf Rathgebers Angebot schon deutlich zu vernehmen gewesen: Ähnlich wie andere erklärte Grünen-Fraktionssprecherin Sigrid Erfurth, man werde gute Wege zu einer konstruktiven Zusammenarbeit finden. Unterstützung wurde ihr ebenfalls zugesagt, insbesondere von CDU-Fraktionsvorsitzendem Uwe Brückmann. Auch die Kreisverwaltung werde ihr, versicherte Landrat Reuß, „völlig loyal zur Seite stehen“.

Dass es in den wenigen zurückliegenden Wochen, seit Rathgeber die Stichwahl gegen Friedel Lenze mit überzeugenden fast 60 Prozent der Stimmen gewonnen hatte, bereits Kontakte mit den Kreistags-Akteuren gab, war bei der Gratulationscour deutlich zu spüren. Nicht nur Reuß drückte seine Nachfolgerin herzlich, auch von SPD-Fraktionsvorsitzendem Thomas Eckhardt wurde Rathgeber umarmt und mit einem vertrauten „Du“ angeredet. Von einem besonderen Tag sprach Fraktionschef Dr. Claus Wenzel von den Freien Wählern, denen es mit ihrer Kandidatin gelang, dass der Werra-Meißner-Kreis erstmals eine Landrätin hat. Und Fraktionskollege Andreas Hölzel überreichte Rathgeber einen gelben Handball – als Symbol für Teamsport und Fairness.

Anschließend verfolgte Rathgeber die Kreistagssitzung von einem extra Sitzplatz, der nun von Blumen und anderen Willkommenspräsenten vollstand. Hinter ihr saß als Ehrengast Prof. Dr. Jan Hilligardt, Geschäftsführender Direktor des Hessischen Landkreistages, der aus Wiesbaden angereist war. Lediglich der Platz von Regierungspräsident Hermann-Josef Klüber, der sich angekündigt hatte, blieb unbesetzt. (Stefan Forbert)

Reuß wird mit stehenden Ovationen verabschiedet

So emotional hat man Landrat Stefan Reuß selten erlebt. Die letzte Rede vor dem Kreistag, dem er selbst fünf Jahre angehörte, hat ihn sichtlich mitgenommen. Immer wieder stockte die Stimme, musste er mit den Tränen kämpfen, als er seine persönliche Bilanz von 15,5 Jahren als Landrat des Werra-Meißner-Kreises zog, sich an schöne und traurige Momente erinnerte und Weggefährten der vergangenen Jahre seinen Dank aussprach.

Was in seiner Ansprache deutlich wurde: Reuß musste sich seit 2006 als Krisenmanager bewähren. Es ging los mit der Schieflage des Klinikums, das nur durch harte Sparmaßnahmen und Verzicht der Mitarbeiter gerettet werden konnte. Dann kam die Bankenkrise, die auch den Landkreis erwischte. Es schloss sich die Flüchtlingskrise an, jüngst die Corona-Krise.

Im Alter von 17 Jahren habe der Schüler Stefan Reuß nach einem Schulprojekt den Entschluss gefasst, immer gegen rechtes Gedankengut vorzugehen. Das habe ihn auch in seiner Flüchtlingspolitik geleitet, die alle Mitarbeiter der Kreisverwaltung vor große Herausforderungen gestellt habe. Gleiches habe für die Pandemiezeit gegolten. Hier richtete er seinen Dank nicht nur an die Verwaltung, sondern auch an die Mitarbeiter des Klinikums Werra-Meißner, alle Pflegekräfte und das Deutsche Rote Kreuz, das das Impfzentrum betrieben hat.

35 Bürgermeister hatte Reuß seit 2006 kommen und gehen sehen. Er erinnerte sich auch an drei in seiner Amtszeit verstorbene Mitglieder des Kreisausschusses, an den frühen Tod des Regionalmanagers Holger Schach und den politisch motivierten Mord an Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke. Das Internet habe den Weg für Denunziationen von Politikern frei gemacht, was er in den vergangenen zehn Jahren mit Sorge betrachtete. Die ständige Erreichbarkeit führte außerdem dazu, dass er jederzeit Rede und Antwort stehen musste, was eine hohe Belastung gewesen sei, gewährte Reuß Einblicke in sein persönliches Seelenleben. Reuß dankte seinen engsten Mitarbeitern und nicht zuletzt seiner Familie, dass sie ihn immer unterstützt, manchmal auch ausgehalten haben.

Am Ende seiner letzten Rede vor dem Plenum nach mehr als 100 Kreistagssitzungen spendeten alle Anwesenden ausnahmslos stehend Applaus. Lobende Worte richteten nicht nur seine SPD-Fraktion, Koalitionspartner Die Grünen, Ex-Koalitionspartner FDP und Kooperationspartner Die Linke an den scheidenden Landrat, auch die Opposition meldete sich versöhnlich zu Wort. Nur die AfD hatte nichts zu sagen.

Dr. Claus Wenzel (FW) nannte Reuß einen „Landrat aus Leidenschaft“, Uwe Brückmann (CDU) bedankte sich für eine „unaufgeregte, konstruktive Zusammenarbeit“ mit vielen vertrauensvollen Gesprächen.

Der geschäftsführende Direktor des hessischen Landkreistags, Prof. Dr. Jan Hilligardt, sprach von einer Atmosphäre des Respekts und der Fairness im Kreistag Werra-Meißner und sagte über Landrat Stefan Reuß: „Auf ihn ist Verlass.“ (Tobias Stück)

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