Nach dem Auszug nicht allein

Projekt betreut Jugendliche, die Hilfeeinrichtungen verlassen

Drei Mädchen und ein Junge sitzen auf Europaletten-Bänken.
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Sind jetzt Teil von Insight: (von links) Kimberly Chelcey, Lena, Wajiha und Ali hoffen, dass bald daraus ein großes Netzwerk entsteht.

Das Projekt „Insight“ ist eine einrichtungsübergreifende, unabhängige Selbsthilfe-Kontaktstelle, die Jugendliche bei ihrem Schritt in die Selbstständigkeit und aus Hilfeeinrichtungen heraus, begleiteten soll.

Werra-Meißner –Niemand geht zum Elternabend in der Schule, keiner unterstützt beim Umzug oder finanziell beim ersten eigenen WG-Zimmer, der ersten kleinen Wohnung. Keine Tipps für Bewerbungsschreiben, keinerlei Hilfe bei Bank- oder Ämterangelegenheiten. Jugendliche und junge Erwachsene, die außerhalb der Familie in einer Jugendhilfeeinrichtung wie dem Burgenhof der Werraland Lebenswelten leben, haben selten Helfer und Unterstützer, wenn sie die Fürsorge stationärer Jugendhilfe verlassen. Dagegen gibt es jetzt „Insight“ – eine einrichtungsübergreifende, unabhängige Selbsthilfe-Kontaktstelle, die Jugendliche bei ihrem Schritt in die Selbstständigkeit begleitet, unterstützt und vernetzt.

Die Jugendlichen sind sogenannte Care-Leaver, wörtlich übersetzt Fürsorge-Verlasser. Formal endet die Jugendhilfe mit Erreichen der Volljährigkeit. „Endlich 18 – darauf freut sich jeder Jugendliche, der zu Hause aufwächst. Bei Kindern, die in einer Wohngruppe der Jugendhilfe oder in Pflegefamilien leben, ist oft das Gegenteil der Fall“, sagt Sarah Malzfeld. Die Sozialpädagogin leitet das neue Projekt „Insight“ im Werra-Meißner-Kreis.

Angst vor der Zeit danach

Kimberly Chelcey ist eine dieser jungen Erwachsenen. Die 22-Jährige lebt jetzt mit ihrem Freund zusammen. Wenn sie über ihren Auszug aus dem Burgenhof spricht, stockt ihr die Stimme. „Das war ganz schlimm. Die Angst im Vorfeld, die Gewissheit, nach meinem Auszug komplett alleine zu sein. Niemand mehr da, an den ich mich wenden kann – dieses Gefühl, diese Panik ließ mich fast verzweifeln.“

Während das durchschnittliche Auszugsalter aus dem Elternhaus in den vergangenen Jahren weiter angestiegen ist – es liegt mittlerweile bei 24 Jahren für Mädchen und 25 Jahren für Jungen – werden Mädchen wie Wajiha früh auf sich allein gestellt sein. Die 16-Jährige lebt im Burgenhof, besucht in Göttingen das Otto-Hahn-Gymnasium. Ihre Ziele formuliert sie klar: „Ein gutes Abitur machen und danach studieren. Am liebsten Psychologie.“ Wajiha ist selbstbewusst, sie legt großen Wert auf eine gute Kommunikation.

Aus dem Schutz der Jugendhilfe

Wenn sie über Bildungschancen von Heimkindern spricht, wenn sie über ihre Zukunft redet, merkt man, wie Unsicherheit in ihr aufsteigt. Die Unsicherheit, wie es wird, wenn sie an der Reihe ist. Auszug aus dem Burgenhof, den Schutz der Jugendhilfe verlassen. „Bis dahin muss ich lernen, auch alleine sein zu können“, sagt sie.

„Die Angst vorm Alleinsein ist bei vielen Care-Leavern sehr ausgeprägt“, sagt Sarah Malzfeld. Die Wohngruppe sei ihr Zuhause, die Gemeinschaft ihre Familie, die sozialpädagogische Betreuung war ihr Halt. Wenn das wegbreche, verlören sich viele Jugendliche, ihnen breche der Boden unter den Füßen weg. Denn sie haben oft Narben auf der Seele. Narben von dem Erlebten zu Hause, bevor sie in die Obhut des Jugendamtes kamen.

Alleine zu sein, sich auf die Selbstständigkeit vorzubereiten, genau das lernt die 17-jährige Lena zurzeit. Sie zieht im Mai in ein sogenanntes Trainingshaus um. Eine Schnittstelle zwischen Jugendhilfeeinrichtung und der späteren eigenen Wohnung. „Ich bin dann in der Verselbstständigung“, erzählt Lena. Viele Dinge, um die sie sich vorher nicht eigenverantwortlich kümmern musste, nimmt sie zukünftig selbst in die Hand. Einkaufen, kochen, banal erscheinende Dinge des Alltags, an die viele Jugendliche unter dem Dach der Eltern in diesem Alter noch keine Gedanken verschwenden müssen.

Ein neues Zuhause schaffen

Ali ist schon einen Schritt weiter. Der syrische Flüchtlingsjunge lebt jetzt mit seinem Vater zusammen, der nach Jahren des Hoffens und Bangens ein Visum erhalten hat und seinen Sohn endlich wieder in die Arme schließen konnte. Viereinhalb Jahre lebte Ali zuvor im Burgenhof. „Ich freue mich unglaublich, zumindest meinen Vater wieder bei mir zu haben“, sagt der 17-Jährige. Trotzdem sei er auch traurig. „Ich habe die Jugendhilfeeinrichtung nie als Heim gesehen, sondern als Gemeinschaft, als Zuhause“, sagt der angehende Abiturient. Kein Zuhause, aber eine Gemeinschaft – genau dafür stehe „Insight“. „Wir sind für alle Jugendlichen da, die in Jugendhilfeeinrichtungen und Pflegefamilien leben, auch für junge Menschen, die von zu Hause wenig bis keine Unterstützung bekommen“, sagt Sarah Malzfeld.

Ziel sei es, ein Netzwerk aufzubauen, in dem die Jugendlichen für einander da sind und voneinander profitieren. „Der Care-Leaver, der bereits auf eigenen Füßen steht, kann oft wertvolle Tipps und Unterstützung geben für diejenigen, die in naher Zukunft ihr gewohntes Umfeld verlassen oder verlassen haben“, so Malzfeld.

Hier gibt es Hilfe

Angesprochen werden alle Jugendhilfeeinrichtungen im Kreis. „Wir finanzieren das Projekt zwar mit, aber Insight ist keine Sache des Burgenhofs allein. Dafür ist es viel zu wichtig. Wir wollen in Person von Frau Malzfeld alle betroffenen Jugendlichen im Kreis erreichen, damit möglichst viele von ihnen Unterstützung und Hilfe bekommen“, sagt Georg Forchmann. Je größer das Netzwerk wird, je mehr Care Leaver mitmachen und je mehr Helfer wie Sarah Malzfeld unterstützen, umso größer werden die Chancen von ehemaligen Heimkindern im Kreis, ihre individuellen Wünsche der Lebensgestaltung selbstbewusst umzusetzen. red/ts

Kontakt: Sarah Malzfeld, Tel. 01 51 28 88 71 61, E-Mail: sarah.malzfeld@insight-wmk.de, Instagram: insight_careleaver

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