Blick auf die Kinogeschichte

Rückblick: Nach Kino-Boom in den 1950ern waren Witzenhäuser Kinos in der Krise

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Erfolgreichster Film im Jahr 1957: „Der Hauptmann von Köpenick“ mit Heinz Rühmann in derHauptrolle. Unser Bild zeigt Rühmann (in Uniform) mit Regisseur Helmut Käutner (hockend), der bei den Dreharbeiten letzte Anweisungen gibt.

Witzenhausen. Das Capitol-Kino wird in diesem Jahr 90 Jahre alt – aus diesem Grund blickt Stadtarchivar Matthias Roeper für uns zurück in die Witzenhäuser Kinogeschichte. Heute: Die Kassenschlager der 1950er Jahre und der Niedergang des Kino-Booms.

Den Zweiten Weltkrieg hat das Capitol Kino mit allen für die Filmvorführung notwendigen Utensilien ohne Zerstörungen überstanden. Doch was nun sollte gezeigt werden? Die Filme aus der Nazi-Zeit waren diskreditiert und die wenigen deutschen Nachkriegsproduktionen reichten für den Kinobetrieb nicht aus. Hinzu kam, dass sich die Menschen nach Diktatur und Krieg unter dem Motto „Hurra, wir leben noch!“ in Tanzvergnügen stürzten, von den Nazis noch verbotene Musik hörten und feierten. Daher wurden Kinoabende zur Randerscheinung.

Die Zeit des Wirtschaftswunders brachte Witzenhausen das Dahinsiechen des kulturellen Lebens: „Die Kulturvereinigung“ hieß es in deren Jahresbilanz 1955, „machte immer wieder Anstrengungen zur Aufrechterhaltung ihrer Bestrebungen, bis zum Jahresende war ein hinreichender Erfolg nicht erreicht.“ Der Trend ging in Richtung der „leichteren“ Vergnügungen. Berufsarbeit wurde als Vorwand für den Konsum nur noch leichter Kost akzeptiert.

Davon profitierten die „Kronen-Lichtspiele“ und das deutlich größere Capitol-Kino. Thematisch verdrängte der Cowboy den Soldaten, die Zahl der seichten deutschen Komödien und sentimentalen Heimatfilme wuchs. Einige wurden sogar in der Nähe gedreht – etwa die in Göttingen produzierten Heinz-Erhard-Filme. Für dessen Komödie „Witwer mit fünf Töchtern“ (1957) diente Schloss Berlepsch als Drehort. Auch Hollywood-Streifen liefen an der Werra. Dass jedoch nicht immer alle Filme gezeigt wurden, die von Verleihgesellschaften wie Warner Bros., Paramount, Centfox, Columbia, Europa oder Metro-Goldwyn-Meyer (MGM) den Kinos angeboten wurden, zeigt ein Briefwechsel zwischen MGM und der Stadt 1957. Die Verleihfirma fragte, ob der Film „Tempel der Versuchung“ Anfang Juli gelaufen sei. „Nein“, gab die „Vergnügungssteuerstelle“ Auskunft – leider ohne Angabe von Gründen.

In den Folgejahren mussten viele kleine Kinos aufgeben: Gab es 1957 in Deutschland noch über 800 Millionen Kinobesuche, ging ihre Zahl bis Ende der 1960er Jahre auf nur noch 172 Millionen zurück – ein Besuchereinbruch von knapp 80 Prozent. Die Gründe: Der Vormarsch des Fernsehens und die schlechte Qualität vor allem des deutschen Films. In Witzenhausen stellten die „Kronen-Lichtspiele“ in den 1970er Jahren den Betrieb ein. Nachdem „Löwen-Lichtspiele“ und „Kammer-Lichtspiele“ bereits Ende der 1920er Jahre aufgegeben hatten, gab es nur noch das Capitol-Kino. Auch dort gingen die Besucherzahlen trotz der Einrichtung des „Kino 2“ Mitte der 1960er zurück.

1989 wurden bundesweit nur noch 100 Millionen Kinobesuche gezählt. Das Kino in der Mühlstraße versuchte als Teil einer Kino-Kette, die Probleme abzufedern. Darüber bemühte man sich, im studentischen Umfeld neue Besucher zu erschließen – und fand dort seinen Retter in Form von Ralf Schuhmacher.

Von Matthias Roeper

Das Kinojahr 1957 in Zahlen

Mitte der 1950er Jahre erlebte das Capitol-Kino in Witzenhausen eine weitere Blütezeit. Stadtarchivar Matthias Roeper hat anhand von städtischen Steuerunterlagen einmal exemplarisch das Jahr 1957 im Kino unter die Lupe genommen.

1 Mark kostete die günstigste Kino-Karte 1957. Damit konnte man den Film vom zweiten Platz aus verfolgen. Auf dem Rang war man mit 1,80 DM dabei, der Sperrsitz kostete 1,50 DM und der I. Platz 1,30 DM. Die Preise blieben das ganze Jahrzehnt über gleich – erst 1959 gab es einen Zuschlag: So verteuerte sich etwa der Besuch der „Brücke am Kwai“ um 50 Pfennig beim II. Platz, 70 Pfennig beim I. Platz, sowie um 90 Pfennig bei Sperrsitz und Rang.

7 der elf besucherstärksten Filme waren Heimatfilme, darunter „Die Fischerin vom Bodensee“, „Solange noch die Rosen blühn“, „Kaiserball“ und „Salzburger Geschichten“. Diese Streifen wurden im Schnitt von mindestens 1500 Menschen im Jahr gesehen. Lediglich die ähnlich populären Filme „Rose Bernd“, „der Glöckner von Notre Dame“ und „Liane, das Mädchen aus dem Urwald“ fallen nicht in die Kategorie Heimatfilm.

15 Prozent der Einnahmen musste Kinobetreiberin Dina Morth 1957 als Vergnügungssteuer im Jahr 1957 an die Stadt abführen. Die Steuerlast belief sich auf 14 921,55 DM.

407 Plätze hatte das Capitol-Kino im Jahr 1957. Sie teilten sich in Rang (Empore), Sperrsitz sowie I. Platz und II. Platz auf.

3118 Kinokarten verkaufte das Capitol-Kino 1957 für den Film „Der Hauptmann von Köpenick“ – fast doppelt so viele wie bei jedem anderen Film in diesem Jahr. Der Klassiker mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle lief vom 11. bis 17. Januar 1957 in neun Vorstellungen, fünf davon waren ausverkauft. „Damit war der „Hauptmann von Köpenick“ mit weitem Abstand der besucherstärkste Film des Jahres 1957 und – zumindest in Witzenhausen – der erfolgreichste des gesamten Jahrzehnts“, schreibt Matthias Roeper. „Nur der zwei Jahre später gezeigte Monumentalfilm „Die Brücke am Kwai“ konnte mit 2821 Besuchern eine annähernd ähnliche Publikumsresonanz erzielen.“

61 669 Kinobesuche verzeichnen die „Vergnügungssteuerabrechnungen vom Dezember 1949 bis 31.03.1959“, die im Stadtarchiv lagern. Mit dieser Besucherzahl machte das Kino Einnahmen von insgesamt 99 477 Mark. (fst)

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