SONDERGEBIET LOGISTIK Landwirte fangen an zu mulchen

Protest gegen Arbeiten auf dem Acker in Neu-Eichenberg

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Aktivisten aus dem Camp laufen zu einer Mitstreiterin, nachdem diese sich kurz an die Schaufel des Treckers gehangen hatte.

Erneut ist die Situation auf dem geplanten Sondergebiet Logistik in Neu-Eichenberg eskaliert. Landwirte hatten angefangen, das Gelände zu mulchen, Ackerbesetzer versuchten, dies zu verhindern.

Zu hitzigen Diskussionen, aber auch zu Handgreiflichkeiten kam es am Montagnachmittag auf dem Acker. Was war passiert?

„Es wurde ohne Absprache mit der Bewirtschaftung gestartet“, berichtet eine Aktivistin, die sich „Heini“ nennt. Landwirte mulchten mit fünf Treckern den Boden. Sie hätten dies legitimiert, da sie einen Vertrag zur Bewirtschaftung hätten, so „Heini“, und weiter: Eigentlich habe am Dienstag Vogelexperte Wolfram Brauneis zum Acker kommen wollen, um die Vogelwelt zu kartieren. „Das kann er sich sparen“, so „Heini“, die Feldlerchen etwa wären dann weg. Generell sei sie nicht gegen eine Bearbeitung der Fläche, „aber wir wollen Gespräche.“ Versuche dazu habe es bei den Landwirten gegeben, ebenso eine Menschenkette. Zudem waren immer wieder Menschen auf dem Acker unterwegs. Die Traktorfahrer mulchten dennoch weiter. Aufgrund des Metalls im Boden, das gefährlich werden könne, wenn es vom Mulcher hochgeschleudert werde, hatten die Aktivisten laut „Heini“ nicht die zugesicherten 50 Meter rund ums Camp, sondern rund 100 Meter abtrassiert.

Am Nachmittag eskalierte die Situation. Eine Aktivistin hängte sich an die Schaufel eines Treckers, ein weiterer Besetzer sprang vor einen Traktor. „Die hiesigen Landwirte werden daran gehindert, ihre Arbeit zu machen, hier sollen Nahrungsmittel entstehen“, sagte Wolfgang Funke, Landwirt aus Unterrieden, der mit einigen Kollegen das Geschehen auf dem Acker beobachtete und, nachdem sich die junge Frau an die Schaufel gehängt hatte, auf das Areal ging und mit den Aktivisten diskutierte. Zudem kam es zu kleinen Rangeleien. „Die Landwirte und wir sind die beiden Parteien, die gerade hier sind. Wir wollen reden“, erklärte ein Aktivist, der sich „Teo“ nennt. Er kritisierte, dass die Polizei, die am Morgen vermittelnd auf dem Acker war, abgezogen sei. „Das war der Bruchpunkt.“

Es sei ein Affront, so „Teo“, dass einen Tag vor der Kartierung mit den Arbeiten angefangen werde. Ziel der Camper für den Montag sei gewesen, die landwirtschaftlichen Arbeiten zu verschieben, bis der Vogelexperte da gewesen sei. „Das hat nicht funktioniert.“ Zudem stellte er die Forderung auf, dass auf dem Areal keine konventionelle, sondern ökologische Landwirtschaft stattfinden soll.

Indes ist bei der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) eine Anzeige wegen naturschutzrechtlicher Verstöße eingegangen, berichtet Kreissprecher Jörg Klinge auf Anfrage. Umweltdezernent Dr. Rainer Wallmann habe veranlasst, dass diese bearbeitet werde. Weitere Anfragen an die UNB zum Areal würden laut Klinge nicht vorliegen.

Ebenfalls auf Nachfrage berichtet Vogelexperte Wolfram Brauneis, dass er trotz der landwirtschaftlichen Arbeiten am Dienstag, wie geplant, auf dem Acker war. „Durch das Mulchen hat sich die Situation für die Feldlerche noch verbessert“, erklärt er, da die Tiere ungern in die bisher vorhandenen großen Stauden gingen. „Der Lebensraum ist jetzt hervorragend hergestellt.“ Allerdings wäre es schlecht für Vögel und Schmetterlinge, wenn die Erde beackert würde.

Die 15 Prozent Fläche, die als Rückzugsgebiet für Tiere erhalten bleiben soll, hält Brauneis für zu wenig, 25 Prozent wären gut, so der Vogelexperte, der auf dem Acker unter anderem zahlreiche Feldlerchen und auch Graureiher gesehen hat – allerdings keine Rebhühner. „Ich denke, dass da keine sind.“

Reaktionen auf den Vorfall

„Ich finde es traurig“, kommentiert Neu-Eichenbergs Bürgermeister Jens Wilhelm die Situation. Den ortsansässigen Landwirten sei die Möglichkeit gegeben worden, den Acker für vorerst ein Jahr zu bewirtschaften. Zudem sei der Prozess angestoßen worden, nach Alternativen für das Gelände zu suchen. Die Forderung, das Land nur ökologisch zu bearbeiten, könne er nicht nachvollziehen, so Wilhelm. Der Acker sei viele Jahre konventionell bestellt worden. Zudem: „Die Landwirte machen ihren Job, es sind Profis.“

Dass der Acker bewirtschaftet werden soll, habe die Hessische Landgesellschaft (HLG) in einer Pressemitteilung angekündigt (HNA vom 24. Januar), sagt HLG-Prokurist Peter Eschenbacher. Diese Bewirtschaftung werde seit Montagnachmittag „von zum Teil vermummten Aktivisten massiv behindert“. Die HLG werde in den kommenden Tagen über weitere Schritte beraten und stehe dem Gemeindevorstand „bei allen flächenrelevanten Gebietsfragen in Hebenshausen zur Verfügung.“

Eine Streife der Polizeistation Witzenhausen war am Montagmittag vor Ort und der stellvertretende Dienststellenleiter führte in einem „ruhigen und sachlichen Miteinander“ Gespräche mit den Campbewohnern, so Polizeipressesprecher Jörg Künstler. Die Landwirte hätten signalisiert, zeitnah mit der Arbeit aufzuhören, daher seien die Beamten zur Polizeistation zurückgefahren. Danach, so Künstler, habe es zwei Mitteilungen wegen Behinderungen der Arbeit gegeben. Nachdem die Landwirte mitteilten, erst nahe des Camps und dann auch weiter entfernt die Arbeit zu beenden, sei die Polizei nicht erforderlich gewesen.

Sie sei „überrascht von der spontanen Bearbeitung des Ackers“, teilt die Bürgerinitiative für ein lebenswertes Neu-Eichenberg (BI) mit. Im Januar habe es ein Gespräch zwischen Landwirten, BI und Ackerbesetzern gegeben, während dem die Landwirte zugesichert hätten, vor einer Bearbeitung weitere Gespräche folgen zu lassen. Weitere Gespräche auf Augenhöhe hätten auch die Besetzer gefordert, um die Bearbeitung zu dulden. Die habe es laut Simon Arbach nicht gegeben, stattdessen einen „unabgesprochenen Alleingang“ der Landwirte mit Rückendeckung von HLG und Kreisbauernverband. Das sei eine „unnötige Eskalation“.

Der BUND-Ortsverband Witzenhausen/Neu-Eichenberg kritisiert, dass die HLG gegen den Geist des Moratoriums, die Planungen für das Logistikgebiet ruhen zu lassen, verstoße. „Sie hat mit Landwirten Bewirtschaftungsverträge abgeschlossen, damit der Bau des (...) Logistikzentrums im Herbst nicht an Naturschutzargumenten scheitert“, so eine Mitteilung. Die aktuelle Bewirtschaftung sei eine „Baufeldfreimachung“. „Wir stellen daher fest, dass die HLG die Landwirte für ihre eigenen Zwecke instrumentalisiert.“

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