Unikate statt Massenware

Neues Buch von Historiker Kollmann: „Volkskunst auf dem Dach“

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Große und kleine Tulpen: Florale Motive, gern stilisiert, waren einst beliebt.

Werra-Meißner. Der Historiker Dr. Karl Kollmann hat sich mit den verzierten Dachziegeln, die bis vor 100 Jahren noch in der Region hergestellt wurden, befasst.

Herausgekommen ist ein lesenswertes Büchlein. Bis zum Ende des Mittelalters hatten nur die Herrschaften und die gut Betuchten statt Stroh Ziegeln auf den Dächern ihrer Gebäude, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich die Herstellung des Dachziegels nur wenig. Und wenn es auch eine Massenware war, immerhin noch mit den Händen gemacht, so gibt es doch auch besondere Ziegel, beschriftete und verzierte, die sogar von Kunst der Handwerker sprechen lassen. So erklärt sich der Titel des Sonderheftes, den der Geschichtsverein Eschwege jetzt vorgelegt hat: Volkskunst auf dem Dach.

Historiker Dr. Karl Kollmann aus Waldkappel-Bischhausen war jahrelang auf der Suche nach Ziegeln, die anders waren als die Masse - wobei es ihm die sogenannten Feierabendziegeln besonders angetan hatten. Dabei handelt es sich um den letzten Ziegel eines Produktionstages oder eines Brandes, der extra verziert wurde.

Der Autor beschreibt zunächst die Herstellung des Dachziegels, der durchaus unterschiedlich war: Da gibt es Hohlziegel und Falzziegel, Krempziegel und Flachziegel, wobei letztere wieder unterschieden werden in Brettziegeln, Biberschwanz und Schwalbenschwanzziegel. Außerdem geht Kollmann auf die Geschichte der Ziegelherstellung im Werra-Meißner-Kreis ein und listet 45 Orte von Albungen bis Witzenhausen mit Ziegelfabriken, Ziegelhütten und Ziegelbrennern auf.

Auf 42 Seiten wird eine Auswahl von 120 der insgesamt rund 650 verzierten Dachziegel gezeigt, die Kollmann in Museen, Sammlungen und Dachböden aufgestöbert hat und von Klaus Liebeskind (Eschwege) fotografisch dokumentiert wurden. Zuvor geht der Autor noch auf die Verzierungen und Inschriften ein, die durch unterschiedliche Techniken entstanden. Meist mit Fingern und Hilfsmitteln wie Nägeln, Hölzern und Stempeln, selten mit einem Kamm, wurde der geformte Ton vor dem Brand mit Ornamenten und Jahreszahlen und sogar Sprüchen versehen.

In diesem Katalog zu blättern und anzuschauen, welche kleine Schätze einst für die Augen der Öffentlichkeit unsehbar auf den Dächern Wind und Wetter und Sonne ausgesetzt waren, macht richtig Spaß: Da sind viele gestempelte Blumen und andere florale Motive, Hexenbesen und ein Strichmännchen mit Hut, ein Eselchen und ein Bienenkorb, vielleicht sogar ein Brettspiel und zum Abschluss „Gottes Hand“ zu entdecken.

Karl Kollmann: Volkskunst auf dem Dach - Zur Dachziegelherstellung im Gebiet des Werra-Meißner-Kreises; als Sonderheft 1 der Eschweger Geschichtsblätter herausgegeben vom Geschichtsverein Eschwege, 2015; 80 Seiten mit 131 Abbildungen, ISSN 2197-6163, für 10 Euro erhältlich im Eschweger Buchhandel und im Stadtarchiv Eschwege (im Hochzeitshaus).

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