Eingeschränkter Regelbetrieb liefert wenig Entlastung

Nicht alle Kinder im Werra-Meißner-Kreis können ab Dienstag in die Kita

Abstand wäre wichtig in der Corona-Pandemie: Das ist im Kindergarten schwer umzusetzen.
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Abstand wäre wichtig in der Corona-Pandemie: Das ist im Kindergarten schwer umzusetzen.

Am Dienstag, 2. Juni, soll in den hessischen Kindertagesstätten der „eingeschränkte Regelbetrieb“ starten. Im Werra-Meißner-Kreis wird das aber nicht dazu führen, dass tatsächlich überall mehr Kinder in die Kitas können.

Laut einem Info-Blatt des Sozialministeriums soll durch die neue Verordnung ein Angebot für mehr Kinder geschaffen werden als bisher in der Notbetreuung sind.

Die Lage sei kreisweit sehr unterschiedlich, sagt Friedel Lenze, Bürgermeister aus Berkatal und Sprecher seiner Amtskollegen im Landkreis. Je nach Raumgestaltung und Personalsstand können in einigen Kitas im Vergleich zur bisherigen Notbetreuung gar keine weiteren Kinder aufgenommen werden, in anderen deutlich mehr. Wie viele Kinder betroffen sind, kann Lenze aufgrund der Vielzahl der Träger nicht sagen. Martin Weisbecker, Sprecher der Liga der freien Wohlfahrtspflege, zu denen die nicht-kommunalen Kita-Träger gehören, bestätigt die Misere. In vielen Kitas sei das Personal knapp, weil Erzieherinnen aufgrund ihres Alters oder von Vorerkrankungen zur Risikogruppe gehören, so Weisbecker.

Für jede Einrichtung müsse eine eigene Beurteilung erfolgen, jede muss ein eigenes Hygienekonzept erstellen, so Lenze. Die Träger würden die Eltern direkt informieren, ob und in welchem Umfang ihr Kind in die Kita kommen kann, heißt es im Elternbrief der Stadt Witzenhausen.

Gruppen werden halbiert

Mit den Kita-Trägern habe man sich als Faustformel darauf geeinigt, dass Gruppen zunächst nur zur Hälfte belegt werden sollen, um die Hygieneregeln in der Corona-Pandemie einhalten zu können, so Lenze. Das sei bei voller Belegung nicht möglich. Nun stünden in Krippengruppen statt zwölf nur sechs und in Kindergartengruppen statt 25 nur zwölf oder 13 Plätze zur Verfügung. Wenn in der Kita mehr Platz sei, etwa weil Mehrzweck- oder Schlafräume auch als Gruppenräume nutzbar sind, könnten im Einzelfall auch größere Gruppen eingerichtet werden.

Die Bürgermeister bitten, dass nur die Betreuung genutzt wird, die tatsächlich benötigt wird. Nur so könne so vielen Kindern wie möglich einen Kita-Besuch ermöglicht werden. Um den Bedarf schneller ermitteln und Belegungspläne erstellen zu können, bittet Witzenhausens Bürgermeister Daniel Herz alle Eltern, auch selbstständig ihren Bedarf zu melden.

Eltern brauchen Klarheit

"Der Frust bei den Eltern ist groß“, sagt Friedel Lenze. Der Berkataler Bürgermeister hat zuletzt unzählige Gespräche mit Eltern geführt. Seit elf Wochen gibt es wegen der Corona-Pandemie nur eine Notbetreuung in den Kitas. Der „eingeschränkten Regelbetrieb“ ab kommender Woche wird vielen Familien keine Entlastung verschaffen. „Diese Verordnung ermöglicht nicht wesentlich mehr als die erweiterte Notbetreuung“, bilanziert eine Mitteilung der nicht-kommunalen Kita-Träger im Landkreis (Liga der freien Wohlfahrtspflege). 

Nicht alle haben Recht auf Betreuungsplatz

Anrecht auf einen Betreuungsplatz haben Eltern in systemrelevanten Berufen – neuerdings aber nur noch, wenn beide Eltern einen sozialversicherungspflichtigen Job haben. „Es kann sein, dass durch diese Änderung Kinder ihren Platz in der Notbetreuung verlieren“, so Witzenhausens Bürgermeister Daniel Herz. Auch Studierende und Alleinerziehende haben einen Anspruch. „Kindern, deren Kindeswohl gefährdet ist, kann das Jugendamt einen Betreuungsplatz zuweisen“, teilen die freien Träger mit. Betreut werden neuerdings zudem Kinder mit Integrationsbedarf und – in Einverständnis mit dem Jugendamt – besondere Härtefälle. Herz hofft, dass über diese Regelung auch die künftigen Schulanfänger in die Kita kommen können. Erst wenn all diese Familien berücksichtigt wurden und dann noch Plätze übrig sind, können mehr Kinder aufgenommen werden, so Herz. Welche das sind, müssten die Kitas entscheiden, bemängelt Lenze. „Das ist sozialer Sprengstoff.“ 

Keine Gebühren im Juni

Zahlen müssen indes nur Eltern, die einen Betreuungsplatz nutzen, von allen anderen werden laut Herz die Kita-Gebühren kreisweit im Juni nicht erhoben. Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ist noch ausgesetzt, schreibt die Kreisverwaltung an die Träger. 

Liest man die Hygieneempfehlungen des Landes, werden die Abläufe im Kita-Alltag streng sein: Eltern dürfen die Kita nicht betreten, die Erzieher übernehmen die Kinder am Eingang. Nur gesunde Kinder dürfen die Kitas besuchen, dort wird viel Wert auf Hygiene gelegt. Die verkleinerten Gruppen dürfen sich nicht mischen, um die Zahl der Kontakte zu reduzieren und nachvollziehbar zu machen. Zudem sollen die Gruppen stets die gleichen Räume nutzen. Die Träger prüfen nun, ob weitere Räume im Kita-Gebäude für Gruppen genutzt werden können, sagt Lenze. Das Ausweichen auf Dorfgemeinschaftshäuser sei theoretisch möglich – aber nur wenn genügend Personal da sei und das Hygienekonzept eingehalten werden könne. Man müsse etwa bedenken, dass Toiletten und Waschbecken in DGHs nicht in einer kindgerechten Höhe angebracht seien, so Lenze. 

Land will flexible Lösungen erleichtern

Bürgermeister und Kita-Träger im Kreis sind enttäuscht, dass das Land keine konkreteren Rahmen vorgegeben hat. Es wälze Verantwortung ab, finden sie. „Wenn das Land alle 4300 Kitas über einen Kamm scheren und starre Gruppengrößen vorgeben oder genaue Vorgaben zum Einsatz des Personals machen würde, stünden noch weniger Plätze zur Verfügung und es käme zu noch stärkeren Konflikten“, wiegelt das Sozialministerium ab und wirbt für flexible Lösungen vor Ort.Die aktuelle Verordnung des Landes gilt bis 5. Juli.

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