INTERVIEW

Werra-Meißner: Kreisschülersprecher über Schule in Coronazeiten

Kreisschülersprecher Jan-Hendrik Schaadt des Werra-Meißner-Kreises
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Kreisschülersprecher Jan-Hendrik Schaadt besucht zur Zeit die gymnasiale Oberstufe der Adam-von-Trott-Schule in Sontra. 2021 macht er sein Abitur. Neben seinem Ehrenamt engagiert er sich noch privat parteipolitisch. Zu seinen Interessen zählt er Fotografie und Filme.

Schule und Corona: Kreisschülersprecher Jan-Hendrik Schaadt berichtet von Erfahrungen mit Homeschooling, digitalem Unterricht und Lockdowns. 

Werra-Meißner – Heute würden in Hessen eigentlich die Weihnachtsferien enden. Doch der coronabedingte Lockdown wurde verlängert. Präsenzunterricht ist nur für Abschlussklassen vorgesehen. Darüber und über die Erfahrungen mit digitalem Unterricht haben wir mit dem Kreisschülersprecher Jan Hendrik Schaadt gesprochen.

Herr Schaadt, ist es für Abiturienten wie Sie wichtig, jetzt zum Präsenzunterricht zu dürfen?

Das ist für uns sehr wichtig. Vor allem, um möglichst im Unterricht zu sein und vor Ort den Kontakt zu den Lehrern haben zu können – natürlich unter den Aha-Regeln. Es ist noch mal etwas anderes, im persönlichen Gespräch Fragen und Wünsche zu klären, als online im Chat. Vor allem mit Blick auf die Prüfungsvorbereitungen. Es ist zwar eine schwierige Lage, kurz vor dem Abitur diese Situation zu erleben, aber es ist nicht unmöglich.

Andere Klassen sind davon „befreit“. Welchen Eindruck vermittelt das?

Die Klassen eins bis sechs von der Präsenzpflicht auszuschließen ist ein falsches Signal. Es ist wichtig, dass die Eltern nicht alleinegelassen werden, wenn sie es nicht leisten können, ihre Kinder zu betreuen, weil sie arbeiten müssen oder alleinerziehend sind. Deshalb halte ich es für wichtig, dass man eine Notbetreuung bereithält. Für mich ist die Aufhebung der Präsenzpflicht aber keine Notbetreuung, weil sie im Prinzip nur heißt: möglichst das Kind nicht in die Schule schicken, aber jeder kann es. Es müsste vielmehr heißen: Wer immer kann, behält sein Kind daheim. Aber wer das nicht gewährleisten kann, für den steht die Notbetreuung bereit.

Wie ist der Unterricht unter den erwähnten Aha-Regeln?

Für die höheren Jahrgangsstufen ist es kein größeres Problem. Manchmal geht dadurch aber die Kreativität im Unterricht unter, man kann nur auf Frontalunterricht setzen und muss an seinem Platz bleiben. Die Lehrinhalte können uns aber dennoch vermittelt werden. Für jüngere Jahrgänge, gerade für die Grundschulen, wo Lernen oft durch soziale Interaktion entsteht, ist es wirklich schwer.

Seit 10 Monaten ist kein normaler Unterricht möglich. Wie ist das für die Schüler?

Am Anfang haben sich viele gefreut, erst einmal keine Schule zu haben. Recht schnell hat sich aber bei vielen die Meinung eingestellt, dass man wieder zurück in den normalen Unterricht möchte.

Wieso?

Den Ort Schule muss man auch als sozialen Interaktionspunkt sehen. Wo man auch Freunde treffen und sich persönlich austauschen kann. Das ist durch Corona selbst im Privaten gerade kaum möglich. Von daher war es für viele schwer, das über die lange Zeit voll durchzuhalten. Für manche ist es auch wichtig, in Gruppen lernen zu können. Das hat sich jetzt alles ins Digitale und ins Homeschooling verlagert.

Wie sind die Erfahrungen in Sachen Homeschooling?

Ich kann nicht sagen, dass es reibungslos funktioniert hat. Es gab durchaus Startschwierigkeiten. Aber die will ich nicht weiter bemängeln. Wir wurden alle in eine Situation geworfen, die wir nicht kannten und für uns neu war. Allerdings muss man auch sagen, dass man die letzten Jahre in der Schuldigitalisierung hätte mehr tun können, um sich generell besser auf digitales Lernen einzustellen. Das hätte es leichter gemacht, in der Krise zu reagieren.

Wie war der Kontakt zu den Lehrern?

An manchen Schulen ist der Kontakt zu einzelnen Lehrkräften ganz weggebrochen. Die haben sich gar nicht gemeldet. Aber der Großteil hat sich sehr bemüht. Selbst Lehrkräfte, die mit digitaler Technik nicht so viel zu tun haben. Und bei denen, die digital fit waren, lief es reibungslos. Es war nicht alles perfekt, aber wir haben alle versucht, gemeinsam das Beste daraus zu machen.

Haben sich Schüler auch alleingelassen gefühlt?

Man war eher von dieser ungewohnten Eigenverantwortung überwältigt, weil man plötzlich so viel selber von daheim aus leisten musste. Aber alleingelassen sollte sich hoffentlich niemand gefühlt haben. Denn solange die Lehrer als Ansprechpartner zur Verfügung standen und Fragen beantwortet haben, konnte man auch jedes Problem auf Distanz lösen.

Es kann aber nicht jeder die technischen Voraussetzungen leisten, die das Homeschooling fordert.

Es gab vereinzelt Probleme, etwa wenn es um Distanzunterricht per Videochat geht, wo man sich online zu normalen Unterrichtszeiten trifft. Es gibt im Kreis noch immer Orte, an denen man Probleme hat, eine stabile Internetverbindung herzustellen. Ich denke, die Materialien waren weniger das Problem. Der Kreis hat sich stark bemüht, digitale Endgeräte bereitzustellen. Es wäre in Zukunft hilfreich, immer ein gewisses Kontingent an digitalen Endgeräten für jede Schule zur Verfügung haben. Dann kann jeder – zumindest was die Ausstattung angeht – unter den gleichen Bedingungen lernen.

Ließ sich der Stoff zu Hause gut aufarbeiten?

Ich kann von Erfahrungen berichten, dass der Stoff manchmal einfach zu viel war. Aber ich denke, in den meisten Fällen hat ein klärendes Gespräch mit den Lehrern geholfen. Gleichzeitig hat man gedacht, wenn man daheim sitzt, kann man andere Dinge machen. Oder Familienmitglieder haben sich andere Aufgaben für einen überlegt, weil man ja zu Hause ist. Dann kommt man schnell in Bedrängnis.

Hat man da genug Ruhe zum Lernen? Nicht jeder hat ein eigenes Zimmer.

Das ist die größte Herausforderung des Lockdowns, weil wir nicht mit gleichen Verhältnissen bei allen Schülern rechnen können. Für viele ist es leider so, dass die Schule der einzige Ort ist, wo sie sicher und in Ruhe lernen können. Manche hingen schon vor Corona hinterher. Das hat verschiedene Gründe, die durch die jetzige Situation teils noch verstärkt werden.

Wer leidet noch darunter?

Vor allem die Jüngeren. Je älter man wird, umso eher ist es möglich, selbstständig zu arbeiten. Aber vor allem für die Grundschüler aber auch noch für die fünften, sechsten und siebten Klassen ist es nicht immer gegeben, dass sie selbstständig und ohne Hilfe lernen können. In der Schule ersetzt das die Lehrkraft, die Rückfragen beantwortet und auch ein Auge auf Lernfortschritte wirft.

Hier sollen nun die Eltern einspringen.

Das können nicht alle gewährleisten. Das liegt nicht unbedingt an den Aufgaben, sondern eher am zeitlichen Umfang. Wenn man sich um mehrere Kinder kümmern, den Beruf mit der Familie vereinbaren und dann noch Lehrer sein soll, stoßen viele Eltern an ihre Grenzen oder gehen darüber hinaus.

Was kann man aus der Krise lernen?

Dass die Digitalisierung in den letzten Jahren nicht ausreichend war. In den Bereichen, wo es noch mangelt, sollte man versuchen, besser voranzukommen. Als Schüler war man dazu gezwungen, viel Eigenverantwortung zu übernehmen. Außerdem kann man aus der Krise ziehen, dass es nicht immer einfach ist zusammenzuarbeiten, dass es aber immer Wege gibt, gemeinsam schwierige Situationen auch auf Distanz zu meistern. (Von Jessica Sippel)

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