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Unterhaltsamer Abend mit Kurzgeschichten eines nachdenklichen Matthias Sadowsky

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Von: Kristin Weber

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Lesung im Bürgerhaus in Reichensachsen: Matthias Sadowsky liest aus seinem Buch mit Kurzgeschichten.
Lesung im Bürgerhaus in Reichensachsen: Matthias Sadowsky ließ auch ernste Töne erklingen. © Kristin Weber

In diesen Zeiten lustige Geschichten zu erzählen, fällt auch dem Autor Matthias Sadowsky, dem Meister der amüsanten Kurzgeschichte, schwer. Auf seiner Lesung im Bürgerhaus in Reichsachsen ließ der Jurist und ehemalige Stadtkämmerer von Eschwege deshalb zunächst ernstere Töne erklingen.

Reichensachsen - Das Bündnis für Familie hatte zu der Veranstaltung in Präsenz eingeladen. Autoren aus der Region sollen die Möglichkeit erhalten, sich Publikum zu präsentieren.

Eine Krise jagt die nächste

Jetzt, da die Infektionszahlen wieder sinken, sollte es auch eine Gelegenheit sein, der Krise endlich den Rücken zu kehren. Doch dieser Tage jagt eine Krise die nächste, und mit jeder scheint es schlimmer zu werden. Die Blicke der Welt sind gerade gen Osten gerichtet, und so begann auch Matthias Sadowsky genau dort, im Baltikum, der Heimat seiner Familie, mit einem nostalgischen Stadtspaziergang durch das hanseatisch geprägte Riga auf den Spuren seiner Eltern. „Kann man sich an Dinge erinnern, die man selbst gar nicht erlebt hat?“, fragte der Autor.

Der Tod des Bruders

1945 zog die Familie mit einem Pferdewagen gen Westen, von Polen ins besiegte Deutschland. Und gleich die nächste Tragödie: 1951 hatten beide Sadowsky-Brüder Scharlach und kamen in ein Quarantänekrankenhaus in Lenin in der DDR, das in einer gotischen Klosteranlage untergebracht war. Der kleine Matthias mit seinen sieben Jahren hörte abends die Schwestern singen „Nun ruhen alle Wälder“ und dachte sich, wie schön es ist, wenn es draußen dunkel wird und alles gut ist. Doch gut wurde es nicht. Der 12-jährige Bruder starb an der Krankheit. Er hätte gerettet werden können, wenn man in der DDR zu dieser Zeit an Penicillin hätte kommen können. Auch eine Mahnung an uns Heutige: Bei unseren heutigen Möglichkeiten können wir mit so wenig so viel erreichen. Und wie kurz ist der Weg zur Tragödie, wenn wir nichts tun (können). „Ich hatte als Kind keine Vorstellung vom Tod, von der Leere, die er zurücklässt.“ Unaufgeregt trägt Matthias Sadowsky diese emotionalen Geschichten vor, in denen auch immer etwas Lehrreiches steckt.

Nach der Pause werden Geschichten heiterer

Und nach der Pause darf dann auch endlich gelacht werden, die Geschichten werden heiterer. Jetzt erzählt er die Geschichte zweier junger Soldaten in der Grundausbildung, der eine kann weder lesen noch schreiben, und so muss der andere für ihn Liebesbriefe an dessen Freundin schreiben und wird unweigerlich tiefer in die Beziehung hineingezogen. Eine liebenswerte ménage à troi. Und schließlich entlässt der Autor seine Zuhörer mit einem witzig überdrehten Ausflug in die Welt der Werbung, denn wie viele Slogans prägen als geflügelte Worte bereits unseren Alltag, wie viele unterschiedliche Pizzasorten kann man im Supermarkt kaufen (90!) und wie viele Werbespots haben sich mit ihren immer gleichen Botschaften bereits in unseren Gehörgängen eingenistet, bevor die Tagesschau beginnt? Mit viel Applaus in Präsenz klang ein nachdenklicher Abend unter besonderen Umständen aus.

Von Kristin Weber

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