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Interview mit Festivalchef Alexander Feiertag über das 36. Open Flair

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Von: Tobias Stück

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An der Werra gelegen: Auf dem Werdchen steht die Radio Bob! Bühne, links ist der Sportplatz mit Kinderprogramm und rechts (gelbes Haus) befindet sich das E-Werk. Bei dem Rundflug über das Festivalgelände am Sonntagnachmittag waren schon einige Flair-Besucher abgereist.
An der Werra gelegen: Auf dem Werdchen steht die Radio Bob! Bühne, links ist der Sportplatz mit Kinderprogramm und rechts (gelbes Haus) befindet sich das E-Werk. Bei dem Rundflug über das Festivalgelände am Sonntagnachmittag waren schon einige Flair-Besucher abgereist. © Lorenz Schöggl

Eschwege – Die Büroräume des Arbeitskreises Open Flair gleichen in diesen Tagen einer Einsatzzentrale und einem Bienenschwarm gleichermaßen. Mittendrin Festivalchef Alexander Feiertag, der per Telefon, Funk und in der persönlichen Ansprache während unseres Gesprächs ständig angespielt wird.

Mit dem Organisator der ersten Stunden sprachen wir über die besonderen Herausforderungen dieses 36. Open Flairs.

Herr Feiertag, wie oft wurden Sie in diesen Tagen mit Fragen konfrontiert?

Das kann ich nicht mehr zählen. Ständig ist etwas. Da fällt eine Band aus, ein Banner in der Brückenstraße ist verrutscht oder es gibt etwas anderes zu organisieren. Aber ich habe ein gutes Team um mich, das viel Anfragen abfängt, sodass ich das Telefon auch mal durchläuten lassen kann, weil die Anrufe umgeleitet werden und wir miteinander sprechen können.

Was ist in diesem Jahr – nach zwei Jahren Pandemiepause – anders?

Die Stimmung ist schon eine andere. Sie ist von großer Wiedersehensfreude geprägt. Die Leute haben lange auf soziale Kontakte verzichtet. Es dürstet sie das nachzuholen. Es gab viele Wiedersehensfeiern, einige haben das Open Flair genutzt, um endlich ihren Liebsten zu heiraten oder einen Antrag zu machen.

Soziale Kontakte sind das Stichwort: Wenige Wochen vor dem Festival hatte der Werra-Meißner-Kreis die höchste Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland. Hat man da nicht Bedenken so eine Großveranstaltung mit
20.000 Menschen durchzuziehen?

Wir haben die Nachrichten genau begleitet und auf die Zahlen geachtet – gerade, als sie nach dem Johannisfest so schnell gestiegen sind. Dazu haben wir uns mit den Ärzten in unserem Team besprochen. Unser Fazit: Das Virus bleibt, wir werden mit ihm Leben müssen. Die aktuelle Variantenart ist gut einschätzbar, die Krankenhausbelegung ist nicht dramatisch. Außerdem haben Befragungen in den vergangenen beiden Jahren gezeigt, dass unser Publikum zu 90 Prozent geimpft ist.

Trotzdem wurden auf Tauschbörsen und auf Social-Media-Kanälen vermehrt Tickets zurückgegeben. Hat das mit dem Virus zu tun?

Ich glaube nicht, dass Corona der Auslöser dafür ist. Kurz vor dem Festival wurden immer Tickets angeboten. In diesem Jahr scheint es mehr zu sein, weil sich die Lebensumstände der Menschen in drei Jahren verändern. Wer 2019 eine Karte gekauft hat, hat 2022 vielleicht ein Baby, einen neuen Job oder lebt im Ausland.

Das betrifft ja auch die Lebensumstände der ehrenamtlichen Helfer. Welche Herausforderungen hat die Pandemie noch mit sich gebracht?

Wir hatten zu Beginn sicherlich finanzielle Sorgen und wussten nicht, ob das Open Flair die Pandemie übersteht. Dadurch mussten wir uns was einfallen lassen, unsere Komfortzone verlassen und sind kreativ geworden.

Was habt ihr gemacht?

Naja, wir haben beispielsweise das Insel-Flair aus der Taufe gehoben, den Biergarten aufgebaut und viele kleine Veranstaltungen angeboten. Insgesamt haben wir in den zwei Jahren Pandemie 96 Veranstaltungen durchgezogen. Außerdem gab es Fördermittel durch die Aktion ‘Ins Freie’. Insgesamt haben wir wegen diesem Bündel an Maßnahmen die Pandemie gut überstanden.

Gibt es bei der Organisation Unterschiede zu den bisherigen Festivals?

Im Großen und Ganzen ist es so wie immer. Schwierigkeiten kurzfristig lösen müssen wir jedes Jahr. In diesem Jahr mussten wir aber gefühlt jede Schraube herbeidiskutieren.

Woran liegt das?

Natürlich an den üblichen Problemen wie Lieferengpässe und Rohstoffmangel. Aber auch daran, dass viele ausgefallene Veranstaltungen genau in diesem Sommer nachgeholt werden. Für Großveranstaltungen wie unsere gibt es nur drei Vorlieferanten weltweit, wir haben umdisponiert.

Inwiefern?

Unsere Tontechnik kommt in diesem Jahr aus Südafrika. Im Juni wurde die Technik in Überseecontainern verschifft.

Es gab keine Anbieter vor Ort?

Natürlich gibt es Anbieter vor Ort. Die konnten unsere Bedürfnisse aber nicht vollumfänglich erfüllen. Alle haben ja die gleichen Probleme mit den Vorlieferanten.

Welche Bedeutung hat ein finanziell erfolgreiches Open Flair für weitere Festivals?

Das ist wichtig. Wir werden sehen müssen, ob wir bei unserer schwarzen null herauskommen, wenn bis Jahresende alle Rechnungen eingetrudelt sind. Wir haben ja schon jetzt versucht neue Einnahmequellen zu generieren, um finanziell handlungsfähig zu bleiben. Wir haben die alte Idee des Förderkreises wiederbelebt, der sich fast 130 Menschen angeschlossen haben. Außerdem wurden unsere VIP-Bändchen teurer, Einlassbändchen für Kinder gab es nicht mehr umsonst und auch die Senioren, die freien Eintritt haben, haben wir um eine Spende gebeten. Im September findet unserer Nachbesprechung statt, dann werden wir sehen, welche Neuerungen wir für 2023 angehen und wie sich der Förderkreis einbringen kann.

Welche könnten das sein?

Die Themen Energie und Nachhaltigkeit beschäftigen uns. Auf dem Campingplatz können wir sicherlich nachlegen, die Beleuchtung beispielsweise auf LED umrüsten oder uns von den Dixi-Toiletten verabschieden. Bei Essen und Trinken wollen wir versuchen von den Einwegmaterialien wegzukommen. Das müssen wir mit den Caterern besprechen. Glas wird weiterhin auf dem Platz nicht erlaubt sein. Wir haben da massive Gedankenspiele, die wir besprechen wollen.

Nach dem Festival ist vor dem Festival: Worauf dürfen sich die Besucher 2023 freuen?

Wir haben bereits sechs Headliner für 2023 verpflichtet.

Welche?

Das dürfen wir aus vertraglichen Gründen natürlich noch nicht verkünden. Im November gibt es erste Namen. Montag 0 Uhr startet aber der Vorverkauf für die Dauerkarten. Dennoch denken wir über neue Veranstaltungsorte und neue Musikrichtungen nach. Wir müssen schauen, dass wir für jeden Besucher etwas im Programm haben, damit es ein erfolgreiches Festival wird.

Die Kapazität wird aber nicht erhöht?

Wir haben mit unserer Innenstadtlage kein Alleinstellungsmerkmal, aber ein gutes Pfund. Die Besucher schätzen es, auch in die Innenstadt gehen zu können. Das wollen wir nicht aufgeben. Dadurch sind wir aber in unserer Kapazität eingeschränkt. Ein Open Flair irgendwo außerhalb auf der grünen Wiese wird es deswegen aber nicht geben.

Zur Person

Alexander Feiertag (58) ist der Geschäftsführer des Arbeitskreises Open Flair, gehört von der ersten Stunde an zu den Machern und war maßgeblich an der Entwicklung und am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt. Studiert hat er Stadt- und Landschaftsplanung in Kassel. Sein erster Festivalbesuch war in Mainz das Open-Ohr-Festival. Zu seinen Hobbys zählt er das Züchten von Hühnern. Feiertag ist verheiratet und Vater von drei Kindern. 

Von Tobias Stück

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