Seltener zum Arzt

Weniger melden sich krank: Gründe dafür auch in Kurzarbeit und Homeoffice

Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung: Aufgrund von Kurzarbeit und Homeoffice sind weniger der gelben Zettel in diesem Jahr auf den Tischen der Arbeitgeber gelandet.
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Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung: Aufgrund von Kurzarbeit und Homeoffice sind weniger der gelben Zettel in diesem Jahr auf den Tischen der Arbeitgeber gelandet.

Im Vergleich zum Vorjahr haben sich seit Mai weniger Menschen krankgemeldet. Diese deutschlandweite Entwicklung ist auch für den Werra-Meißner-Kreis feststellbar.

Sammelten die 21 000 BKK-Versicherten im Kreis im Mai 2019 noch 16 575 Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage), so belief sich die Zahl im Mai 2020 auf nur 12 418, hatte sich also um ein gutes Viertel reduziert. Diese Entwicklung ist bis zu den jüngsten Zahlen aus dem September zu beobachten: Waren es 2019 noch 18 607 AU-Tage, lag die Zahl 2020 bei 12 028 und war somit um gut 35 Prozentpunkte niedriger. Die Krankheitsdauer ist im Mai hingegen leicht gestiegen: Lag sie im vergangenen Jahr bei durchschnittlich 7,08 Tagen, stieg sie in diesem Mai auf 8,81 Tage. In den Folgemonaten lag sie immer minimal über dem Vorjahresmonat. Erst im September sank sie mit 6,91 unter den Wert des Vorjahresmonats (7,58).

Harald Klement vom Vorstand der BKK Werra-Meißner begründet dies mit einem Zusammenspiel aus mehreren Faktoren: Aus Angst vor Ansteckung mit Corona gingen die Menschen seltener zum Arzt – und verzichteten entweder gänzlich auf eine Krankmeldung oder griffen verstärkt auf die Drei-Tage-Regelung zurück, die in vielen Verträgen eine dokumentierte Arbeitsunfähigkeit erst ab dem vierten Krankheitstag erforderlich mache.

Allerdings könne man auch davon ausgehen, dass aufgrund von Schließung oder Kurzarbeit in den Firmen seltener die Notwendigkeit bestand, sich krankzumelden. Zudem seien viele Beschäftigte mit dem Lockdown aufgefordert worden, ihren Jahresurlaub zu nehmen. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes habe vermutlich auch dazu geführt, dass der ein oder andere gearbeitet habe, obwohl er sich krank fühlte.

Dies sei vermutlich auch bei der verstärkten Arbeit im Homeoffice der Fall, denn über die so vorangetriebenen digitalen Arbeitsweisen könne man auch krank niemanden anstecken. Nicht zuletzt hat laut Klement aber sicherlich auch die „temporäre Entschleunigung der Arbeitswelt“, ohne Überstunden oder Dienstreisen, dazu beigetragen, dass die Menschen weniger erkrankten.

Krankschreibung per Telefon wieder möglich

Seit 19. Oktober gilt erneut die Sonderregelung des Gemeinsamen Bundesausschusses: Bei einer Erkältung erhält der Patient nach telefonischer Anamnese für sieben Tage eine Krankschreibung, die telefonisch einmalig um dieselbe Dauer verlängert werden kann. Diese Möglichkeit wurde zwischenzeitlich ausgesetzt. „Wir halten eine Rückkehr zu dieser Regelung zur Infektionsprävention für sinnvoll“, sagt Karl Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. (gsk/waq)

Verschobene Operationen: Kosten kommen erst im Jahr 2021

Wer sich angesichts der gesunkenen Fehlzeiten schon darüber freut, dass im nächsten Jahr voraussichtlich die Krankenkassenbeiträge sinken, hat sich zu früh gefreut: Zwar hätten die gesetzlichen Krankenkassen coronabedingt im ersten Halbjahr 2020 bereits Überschüsse erwirtschaftet, allerdings liege das in erster Linie an den im Frühjahr verschobenen Operationen, erklärt Harald Klement vom Vorstand der BKK Werra-Meißner.

„In den ersten sechs Wochen Krankheit fallen für die Versicherungen nicht viele Kosten an.“ Sowohl die verschriebene Medizin als auch die Arztbesuche, die mittlerweile pauschal abgerechnet würden, fielen finanziell nicht groß ins Gewicht.

Allerdings habe es auch weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle gegeben. „Da muss man in den nächsten Monaten analysieren, woran das lag, ob die Betroffenen eher zuhause gestorben sind“, sagt Klement. Denn in den ersten Monaten des Jahres habe es massive Ausgabensteigerungen durch Krankenhausfahrten gegeben. Hier habe man offenbar noch rechtzeitig den Arzt aufgesucht, welcher im Notfall unverzüglich gehandelt habe.

„Ein kurzfristiger Effekt ist da, aber von ,Gewinner Krankenkasse’ kann man nicht sprechen“, sagt Klement. Durch die vorerst abgesagten Operationen gebe es jedoch viel eher einen Verschleppungseffekt: Die Operationen müssten nachgeholt werden, was sich vermutlich insbesondere im nächsten Jahr niederschlagen werde. „Die Krankenhäuser sind immer noch nicht wieder auf 100 Prozent.“

Erschwerend hinzu komme der Plan von Gesundheitsminister Jens Spahn, zugunsten der Finanzierung des Gesundheitssystems in das Vermögen der Krankenkassen einzugreifen und Geld abzuführen. Dieser Eingriff in die Autonomie der Krankenkassen werde derzeit politisch heftig diskutiert. „Dann wird es 2022 zu massiven Steigerungen bei den Beiträgen kommen“, warnt Klement. Die Krankenkassen hätten bereits finanziell für Testungen, Schutzausrüstungen und die Schaffung von Intensivbetten in den Krankenhäusern aufkommen müssen. „Denn die werden ja auch für leer stehende Betten bezahlt.“ (Gudrun Skupio)

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