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Aggressive Patienten: „Praxisteams arbeiten bis zur Belastungsgrenze“

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Von: Nicole Demmer

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90 Prozent der Corona-Infizierten werden beim Hausarzt behandelt. (Symbolbild)
90 Prozent der Corona-Infizierten werden beim Hausarzt behandelt. (Symbolbild) © Monika Skolimowska/dpa

90 Prozent der Corona-Infizierten werden durch Hausarzt-Praxen betreut. Die sind an der Belastungsgrenze und klagen über aggressive Patienten.

Werra-Meißner – Unfreundlich und fordernd – so beschreibt Dr. Klaudia Ress, Sprecherin des Ärztebündnisses Werra-Meißner, das Verhalten einiger Patienten, seitdem die Corona-Pandemie seit mittlerweile rund zweieinhalb Jahren in Deutschland grassiert.

Streitpunkt seien meistens Termine für die Sprechstunde und PCR-Tests, etwa nach positivem Schnelltests in der Hochphase der Infektion. „Die Patienten sahen oft nicht ein, einen Termin aus Infektionsgründen außerhalb der Sprechstundenzeiten mit genauer Uhrzeit zu erhalten.“ Auf Unverständnis sei auch die Notwendigkeit gestoßen, im Vorfeld einen Schnelltest zu machen. Im Herbst/Winter habe bei einigen Patienten für aggressives Verhalten gesorgt, dass Impftermine nur für eine bestimmte Anzahl an Patienten und nach vorhandenem Impfstoff vergeben werden konnten. Auch hätten Patienten nicht verstanden, warum Vorsorgeuntersuchungen nicht kurzfristig durchgeführt werden konnten, so Ress.

Corona-Maßnahmen in den Kliniken sorgten für Unmut

Vor allem die Corona-Maßnahmen sind es, die in den Kliniken im Werra-Meißner-Kreis für Unmut bei Patienten und Besuchern sorgen. Beispielhaft führt Florian Künemund, Sprechers des Klinikums Werra-Meißner, die administrative Patientenaufnahme und das Besuchermanagement am Einlass an. „Meistens wurden die Wartezeiten und die im Haus geltenden Corona-Regelungen, zumeist basierend auf den zum jeweiligen Zeitpunkt vorgegebenen Regeln vom Land Hessen, kritisiert.“ Beispiele seien hier, dass Besucher keinen Test aus einem offiziellen Zentrum dabei hatten, mehr als ein Besucher pro Tag kommen wollten oder über die Maskenpflicht diskutiert wurde.

Auch in der Orthopädischen Klinik Hessisch Lichtenau gibt es bei dem einen oder anderen Patienten Kritik an diesen Sicherheitsmaßnahmen, berichten Dr. Marion Saur, Ärztliche Direktorin, und Hygienefachkraft Melanie Steinhauer. „Jedoch konnte unser Screeningpersonal die meisten Patienten mit unserer Vorgehensweise und der damit verbundenen Patientensicherheit überzeugen.“

Aggressive Patienten in der Corona-Zeit – Fachkräfte an der Belastungsgrenze

Zuerst versucht das Praxisteam, Patienten mit Geduld und Freundlichkeit zu beruhigen, berichtet Ress, sie habe aber auch schon Patienten gebeten, zu gehen. Im Klinikum Werra-Meißner musste bisher kein Patient hinausgebeten werden, so Künemund, ein Patient war es in der Orthopädischen Klinik, weil er sich nicht testen lassen wollte, so Saur und Steinhauer. 

Seit Beginn der Corona-Pandemie arbeiten medizinische Fachkräfte nicht nur an ihrer Belastungsgrenze, hinzu kommt, dass einige Patienten zunehmend gereizt reagieren. „Die lange Dauer von Corona, die Angst vor Infektion, Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes, Angst vor Mangel an Konsumgütern führt bei den Patienten zu angestauter Wut, die sich irgendwie entladen muss“, sagt Dr. Klaudia Ress, Sprecherin des Ärztebündnisses Werra-Meißner.

„Die Medizinischen Fachangestellten sowie alle Praxismitarbeiter arbeiten seit März 2020 bis an ihre Belastungsgrenze ohne Würdigung durch die Gesellschaft, da ja laut Politik und Medien nur die Kliniken und Altenheime belastet sind, obwohl 90 Prozent der corona-positiven Menschen ambulant durch die Hausarztpraxen betreut werden“, kritisiert Ress. Dazu sei auch in den Praxen durch tägliche Schnelltests beim Personal und hohem Krankenstand der Medizinischen Fachangestellten die Toleranzgrenze der Mitarbeiter gesenkt.

Aggressive Patienten in der Arztpraxis: Übersteigerte Erwartungshaltung der Patienten

Dennoch bleibe das Team ruhig, wenn ein Patient aggressiv oder ungehalten wird. Das sei schwer, „aber Aufbrausen von der Teamseite führt nur zur Konfrontation und verschlechtert die Situation. Es ist schwer für das Team, die Ruhe zu wahren trotz hohem Patientenaufkommen und übersteigerter Erwartungshaltung der Patienten“, so Ress. Auch die Kliniken im Kreis setzen auf Ruhe und Höflichkeit. Im Klinikum Werra-Meißner seien oftmals Beleidigungen und Beschimpfungen direkt im Eingangsbereich gefallen, sodass auch Patienten oder Besucher dies mitbekamen, berichtet Kliniksprecher Florian Künemund. „Ebenso kam es zu Drohungen, sich an die Zeitung zu wenden oder Ärgernisse anderweitig publik zu machen.“ Konkrete Maßnahmen zu ergreifen, gestalte sich hier schwierig, so Künemund. Die Mitarbeiter blieben dennoch höflich und versuchten, an die Vernunft der jeweiligen Person zu appellieren. Sie seien bestrebt, die Situation zu erklären und weisen darauf hin, dass das Klinikum sich an Vorgaben des Landes halte.

In der Orthopädischen Klinik Hessisch Lichtenau werde stets versucht, alle Wünsche der Besucher und Patienten zu erfüllen, „jedoch sind wir an die Verordnungen des Landes gebunden“, erklären Ärztliche Direktorin Dr. Marion Saur und Hygienefachkraft Melanie Steinhauer.

Bezüglich der Hygienerichtlinien können Ausnahme zugelassen werden. „Trotzdem versuchen wir stets, individuelle Lösungen zu finden, damit jeder zufrieden ist und auch jeder behandelt werden kann.“ (nde)

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