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Prostatakarzinom: Schonende Therapie seit Kurzem in Deutschland zugelassen

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Von: Stefanie Salzmann

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MOSCOW, RUSSIA - SEPTEMBER 27, 2022: A man takes a picture by the Moskva River. Thick fog has been seen over western dis
Hat Alternative gesucht und gefunden: Heute ist Ludwig Grumpkow von seinem Prostatakarzinom geheilt (Symbolbild)  © Mihail

Ein Mann erhält die Diagnose Protatakarzinom. Eine vollständige Entfernung der Drüse lehnt er ab und macht sich auf die Suche nach Alternativen. Er entdeckt die Brachy-Therapie und ist heute komplett geheilt.

Werra-Meißner – Ludwig Grumbkow ist 59 Jahre alt, hat eben ein neues Leben angefangen, ist gerade ein bisschen verliebt und steckt voller Ideen. Und weil trotzdem sein 60. Geburtstag irgendwie bevorsteht, sucht er einen Arzt auf, um eine Krebsvorsorgeuntersuchung zu machen. Nach mehreren Untersuchungen – Tasten, Ultraschall, Blutuntersuchung, MRT und einer Biopsie – bekommt er die Diagnose bösartiges Prostatakarzinom. Ein Schicksal, das etwa 60 000 Männer jedes Jahr in Deutschland trifft.

Dass Grumbkow (Name von der Redaktion geändert) heute zweieinhalb Jahre nach seiner Krebsdiagnose vollständig geheilt ist, seine Prostata noch ebenso unversehrt besitzt wie seine Sexualität und auch wegen Inkontinenz keine Einlagen tragen muss, ist seiner unermüdlichen und hartnäckigen Recherche im Internet, den unzähligen Telefonaten mit Urologen, Strahlenmedizinern, Chirurgen und Wunderheilern zu verdanken, aber vor allem seinem Mut, sich nach dieser Schockdiagnose, die Zeit zu nehmen, um seine Krankheit, die Diagnostik und Therapien kennenzulernen und nach Alternativen zu suchen.

Radikale Ektomie

Die Ärzte empfehlen Grumbkow nachdem die Diagnose feststeht, zur Therapie das Standardverfahren: die sogenannte radikale Entfernung der Prostata und der Samenblase. Dabei wird mit der Prostata ein Stück der Harnröhre entfernt, entsprechend der Länge der Prostata. Das können bis zu vier Zentimetern sein. Die beiden Stümpfe der Harnröhre (am Blasenhals und zum Penis hin) werden dann wieder zusammengenäht. Dabei geht der innere Schließmuskel, der unmittelbar hinter der Blase liegt, und den Urinfluss steuert, verloren. Auch der Schwellkörper des Penis geht dahin.

Zunächst durchläuft Grumbkow das übliche Verfahren. Nach der Biopsie, die eine Entzündung nach sich zieht, kann er wochenlang kein Wasser lassen, hat Schmerzen und braucht einen Blasenkatheter. Danach entscheidet er sich zunächst gegen die radikale Ektomie und stattdessen für eine Strahlentherapie. Bei dieser wird die Prostata über zehn Wochen etwa 50-mal gezielt bestrahlt. Parallel beginnt er eine alternative Mistelbehandlung.

Die Strahlentherapie

Er hat bereits einen Termin zum Markersetzen und dann kommt die Coronapandemie mit voller Wucht, er sieht die Bilder der überfüllten Kranken- und Leichenhäuser in Italien und sagt ab. Es ist ihm zu riskant.

„Ich wusste, dass ich Zeit habe, weil Prostatakarzinome langsam wachsen“, sagt Grumbkow. Und er beginnt nach Alternativen zu suchen, recherchiert. Dabei wird ihm eins immer klarer: Die Schäden, die Ektomie, aber auch die äußere Strahlentherapie hinterlassen, kommen für ihn nicht infrage. „Wenn etwas Falsches in einem Gefäß ist, warum das nicht rausnehmen, anstatt das ganze Gefäß wegzuwerfen?“

Ein Urologe an einer deutschen Uniklinik versteht Grumbkows Zweifel nicht. Und führt ihm vor Augen, dass alle alternativen Behandlungsmethoden experimentelle Verfahren sind.

„Mein ganzes Leben ist ein experimentelles Verfahren“, sagt Grumbkow, der als jungen Mann Beamter bei der Bundespost war und sich gegen ein sicheres Leben und für seine Leidenschaft und Kreativität entschied und Straßenmusiker und dann Schauspieler wurde. „Ich wollte mich nicht kastrieren lassen“, sagt er damals wie heute. „Ich atme zwar dann noch, aber das bin nicht mehr ich.“

Das Hifu-Verfahren

Bei seinen Recherchen stößt er auf das sogenannte Hifu-Verfahren, was für „Hochintensiver fokussierter Ultraschall“ steht. Dabei wird das Karzinom von außen mit energiereichen gebündelten Ultraschallwellen beschossen, die den Tumor zerstören, ohne das umliegende Gewebe zu schädigen.

Wieder telefoniert er mehrere Stunden mit einer auf das Verfahren spezialisierten Ärztin in einer anderen Uniklinik in Deutschland, die aber zurückhaltend bleibt. Irgendwann fragt er sie: „Können Sie das?“ Als sie bejaht, fragt er sie: „Warum retten Sie dann nicht mein Leben?“ Mit dieser Frage kann er sie überzeugen und sie sagt zu, den Eingriff zu machen. Vorher soll er aber noch eine Ausschabung der Prostata machen lassen, die das Verfahren voraussetzt.

Er hat in Göttingen einen Termin dafür, den die Klinik aber zu Hochzeiten der Pandemie aus Bettenmangel absagt. Heute sagt Grumbkow: „Das war ein Glücksfall für mich.“

Die Brachy-Therapie

Denn ein Freund ruft ihn an und erzählt ihm von der Brachy-Therapie – einem Verfahren, das seit 25 Jahren erfolgreich in der USA und Israel bei der Behandlung von Prostatakarzinomen angewendet wird und im November 2021 gerade Mal seit acht Wochen in Deutschland eine Kassenzulassung hatte.

Dabei wird ein mit geringer radioaktiver Strahlung geladenes Metallteil von der Größe eines Reiskornes (Seed) über eine Hohlnadel direkt in den Tumor eingeführt, wo es dann für zirka ein halbes Jahr strahlt und dabei das Karzinom zerstört. Ist das Karzinom größer, werden die Seeds um den Tumor verteilt.

Wieder recherchiert er im Netz und stößt auf ein Diskussionsforum, wo Urologen und Strahlenmediziner das Thema diskutieren. Er notiert sich alle Namen der Urologen und nimmt Kontakt auf. In einer wieder anderen Großstadt in Deutschland trifft er einen Arzt, der ihm nach einem dreistündigen persönlichem Gespräche zusagt, Grumbkow mit der Brachy-Therapie zu behandeln.

Die Behandlung

Nach einem MRT war auch klar, dass Grumbkow jetzt handeln musste. „Das Karzinom war gewachsen. Es wurde Zeit.“ Bei einem ersten Termin injizieren ihm die Ärzte ein Gel, das seine Organe schützen soll, nach drei Wochen findet der erste Behandlungsteil statt. Zweieinhalb Stunden setzen die Mediziner die Seeds um das Karzinom, dann folgt für 30 Sekunden Bestrahlung. Die Behandlung wird noch zweimal im Abstand von zirka vier Wochen wiederholt. Die letzte Behandlung ist am 26. April dieses Jahres.

Am 9. Mai, also knapp zwei Wochen später und gute zwei Jahre nach der Diagnose, sucht Grumbkow seinen Urologen im Landkreis auf, erzählt ihm von seiner Odyssee und ihrem Ausgang. Der Arzt ist neugierig und bittet Grumbkow, einen Ultraschall machen zu dürfen, und ist erstaunt. „Es ist alles weg“, bescheinigt er seinem Patienten.

Die Zeit

Obwohl Grumbkow, der jetzt 62 ist, auch in diesen beiden zurückliegenden Jahren viel beruflich auf die Beine stellt, ist er angespannt, er fühlt sich nicht wirklich krank und vor allem ist er nicht mutlos. „Und ich war in der Zeit ein völlig asexuelles Wesen“, sagt er. Seit dem Frühsommer nehmen seine Lebensenergie und sein Esprit wieder enorm an Fahrt auf. Er hat Pläne beruflich und privat und verliebt ist Grumbkow auch gerade wieder. (Stefanie Salzmann)

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