437 000 Euro erschwindelt

Prozess gegen Ex-Sparkassenberater der Sparkasse Werra-Meißner gestern vor Landgericht Kassel eröffnet

Symbolbild der Justizia mit verbundenen Augen
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Ein Sparkassenmitarbeiter soll 437 000 Euro ergaunert haben.

Gold und Bargeld im Wert von 437 600 Euro soll sich ein 44 Jahre alter ehemaliger Privatkundenberater der Sparkasse Werra-Meißner von seinen durchweg hochbetagten Kunden erschwindelt haben (wir berichteten).

Kassel - Wegen Betruges und Urkundenfälschung muss sich der Mann seit gestern vor der Wirtschaftsstrafkammer des Kasseler Landgerichts verantworten.

Gestern wurde lediglich die Anklage durch die Staatsanwaltschaft verlesen. Die Verteidigung kündigte allerdings an, dass sich der Angeklagte am nächsten Verhandlungstag zu den Vorwürfen äußern werde. Vor den Ermittlungsbehörden habe er die Taten bereits eingeräumt.

Laut Anklage war der 44-Jährige seit 2001 bei der Eschweger Sparkasse als Kundenberater beschäftigt. In dieser Zeit habe er sich ein besonderes Vertrauensverhältnis zu seinen Kundinnen und Kunden aufgebaut, zu denen besonders viele hochvermögende Klienten zählten. Dieses Vertrauen soll sich der Mann ab 2014 über einen Zeitraum von fast fünf Jahren zunutze gemacht haben, um sich Vermögenswerte von insgesamt fast 438 000 Euro anzueignen. 31 Straftaten wirft ihm die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage vor.

Im Auftrag einer zuletzt 88-jährigen Kundin soll er laut Anklage zwischen 2013 und 2019 zahlreiche Goldgeschäfte im Gesamtumfang von 196 000 Euro getätigt haben. Bei der Hessischen Landesbank (Helaba) bestellte er Goldbarren und Krüger-Rand-Goldmünzen, die an die Eschweger Sparkasse geliefert wurden. Den Kollegen dort spielte der Mann laut Anklage vor, das Gold an die Kundin ausliefern zu wollen, und bekam das Edelmetall daraufhin ausgehändigt. Von der Kundin wiederum ließ er sich Empfangsquittungen unterschreiben und gab ihr gegenüber an, das Gold in der Sparkasse zu verwahren. Der Schaden der betagten Frau war sogar noch um rund 19 000 Euro höher, jedoch war diese Tat aus dem Jahr 2013 bereits verjährt. Gleichwohl bekam die Kundin ihr Geld ebenso wie die anderen Betrogenen komplett zurück, wie die Sparkasse mitteilte (siehe Hintergrund).

Auf die gleiche Art und Weise soll der Angeklagte das Konto der Tochter dieser Kundin um weitere knapp 74 000 Euro erleichtert haben. Am nächsten Verhandlungstag, dem kommenden Freitag, sollen zwei der Seniorinnen – aus Rücksicht auf ihr Alter – im Amtsgericht Eschwege gehört werden.

Statt Gold waren es später auch 70 000 Euro in bar

Auch für einen 83-jährigen Kunden der Sparkasse Werra-Meißner soll der Angeklagte Gold bei der Helaba bestellt haben, obwohl er dazu gar keinen Auftrag hatte. Das Bestellformular ließ er sich bei einem Beratungsgespräch unterschreiben, wobei der Senior unwissend und im Vertrauen auf seinen langjährigen Berater die Unterschrift leistete.

Das Gold im Wert von knapp 99 000 Euro ließ sich der Angeklagte wieder von Kollegen aushändigen und behielt es für sich. Das Gold wurde von ihm offenbar weiter verkauft. Ausgegeben wurde das Geld für private Zwecke und seinen Fußballverein aus dem Kreisgebiet.

Im November 2018 ersparte sich der Angeklagte den Umweg über das Edelmetall. Vom Konto einer 79-jährigen Kundin ließ er sich Bargeldbeträge von 30 000 und 40 000 Euro auszahlen und ließ die gutgläubige Frau den Empfang quittieren.

Um vor einem Kunden zu verbergen, dass dessen Konto nach den Betrügereien nur noch ein Guthaben von 1400 Euro aufwies, soll der Angeklagte die Portfolioübersicht bei einer Depotbank derart gefälscht haben, dass es ein Guthaben von 639 000 Euro zeigte. Diesen Auszug legte er dem Kunden vor.

Gegenüber einem Wettanbieter soll der ehemalige Kundenberater der Sparkasse zudem seine eigenen Vermögensverhältnisse so gefälscht haben, dass sein Konto angeblich ein Guthaben von 140 000 Euro aufwies. So wollte er seine scheinbar geordneten Vermögensverhältnisse dokumentieren. Tatsächlich, so die Staatsanwaltschaft, könne der Angeklagte keine Wiedergutmachung des Schadens leisten, weil das Geld weg ist.

Zum Auftakt der Verhandlung der 3. Strafkammer vor dem Gericht in Kassel zeigte sich der sportliche und seriös gekleidete Angeklagte ruhig und gefasst, murmelte nur ein paar Worte bei Fragen von Richterin Dölle zu seinen Personalien.

Verhandlung wird Freitag in Eschwege fortgesetzt

Wegen des hohen Alters der Zeuginnen wird die Verhandlung am Freitag um 10 Uhr im Eschweger Amtsgericht fortgesetzt. Um die betagten Menschen vor Corona zu schützen, wird die 3G-Regel angewandt. Eventuell wird die Öffentlichkeit eingeschränkt.

Kunden von Kreissparkasse entschädigt

Als bislang einzigartigen und „ärgerlichen Vorgang“ hat die Sparkasse Werra-Meißner den Betrug ihres ehemaligen Mitarbeiters bezeichnet. Der Umfang des Schadens sei schnell ermittelt worden und die betroffenen Kundinnen und Kunden hätten in vollem Umfang entschädigt werden können. Die Regulierung sei inzwischen abgeschlossen. Die Prüfung der internen Abläufe hätte ergeben, dass keinem anderen Mitarbeitenden ein Fehlverhalten vorzuwerfen sei. (Thomas Stier)

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