MONTAGSINTERVIEW über die Quartierssanierung im Werra-Meißner-Kreis

Wohnen im Alter: „Barrieren können alle betreffen“

Treppen können zum unüberwindbaren Hindernis werden: Mirijam Holzhauer schaut sich die Gegebenheiten vor Ort an und berät die Kunden. So wie hier vor dem Lockdown.
+
Treppen können zum unüberwindbaren Hindernis werden: Mirijam Holzhauer schaut sich die Gegebenheiten vor Ort an und berät die Kunden. So wie hier vor dem Lockdown.

Was tun, wenn die Treppe zum Hindernis wird und das Waschen im Badezimmer zur Qual? Die Wohnung altersgerecht umbauen, rät Mirijam Holzhauer von der Kreisverwaltung. Sie ist Mitarbeiterin im Projekt energetische Quartierssanierung und berät die Menschen im Werra-Meißner-Kreis zum Wohnen im Alter.

Werra-Meißner -Wann mit der Sanierung in den eigenen vier Wänden angefangen werden sollte und was energetische Quartierssanierung mit Wohnen im Alter zu tun hat, darüber sprachen wir mit Diplom-Architektin und Enegie- und Wohnberaterin Mirijam Holzhauer.

Frau Holzhauer, wann ist es zu spät für altersgerechtes Wohnen?

Es ist nie zu spät. Die Barrierefreiheit beginnt in den Köpfen der Menschen. Und Barrieren können uns früher oder später alle betreffen.

Welche früheren Modeerscheinungen machen heute Wohnen im eigenen Heim besonders schwer?

Unterschiedliche Ebenen, halbe Treppen mit ein, zwei Stufen – das sind Sachen, die im Alter unüberwindbar sind. Oder tiefe Duschtassen. Die waren früher beliebt, weil die kleinen Kinder wassersparend baden konnten. Das war auch mal vorteilhaft, aber im Alter oder auch in jungen Jahren, wenn Einschränkungen vorhanden sind, komme ich in so eine tiefe Duschtasse nicht mehr rein.

Sie sind mit der Beratung im Projekt energetische Quartierssanierung angesiedelt: Was hat das mit Wohnen im Alter zu tun?

Beide sind zukunftsorientiert. Die energetische Sanierung in Bezug auf den Klimawandel. Barrierefreiheit ermöglicht den Menschen, lange zu Hause wohnen zu bleiben. In Beratungen – auch in den energetischen – kommen wir immer auf die Barrierefreiheit zu sprechen. Sei es, weil die Menschen älter sind oder weil die Eltern mit im Haus wohnen.

In welchem Alter sollten Haus- und Wohnungseigentümer eine entsprechende Sanierung angehen?

Das ist ganz individuell. Die einen brauchen das ab 60, die anderen ab 50 und manche auch erst ab 90. Ich kann anfangen, wenn ich Einschränkungen habe. Dann muss alles ganz schnell gehen. Fange ich vorher an, dann kann ich überlegen: Ist mein Bad ausreichend groß, kann ich das auch mit Rollator oder Rollstuhl benutzen? Barrierefreiheit ist eine Generationenaufgabe und jeder von uns sollte damit beginnen.

Zu welchem Zeitpunkt ist es besonders wichtig?

Das ist immer dann ganz wichtig, wenn sich die Menschen im Bad nicht mehr selber waschen und die Körperpflege nicht mehr selbstständig durchführen können. Dann wird das erste Mal über einen Umzug ins Pflegeheim nachgedacht. Wenn aber barrierefrei umgebaut wird, kann das hinausgezögert werden. Eine gute Gelegenheit bietet sich auch dann, wenn das Bad sowieso erneuert werden soll.

Welche Umgestaltungen sind im Alter essenziell?

Das Badezimmer hat für mich eine Schlüsselfunktion. Deswegen steht es an erster Stelle. Etwa mit einer bodengleichen Dusche ohne Kante, die zum unüberwindbaren Hindernis werden kann. Die Abdichtung unterhalb der Fliesen sollte von einem Fachbetrieb ausgeführt werden, um langfristige Schäden am Gebäude zu vermeiden. Dann muss ich gucken, wie ich Treppen überwinden und Platz für Laufwege schaffen kann. Viele Wohnungen sind vollgestellt. Außerdem können Stolperfallen einfach beseitigt werden, indem Kabel gebündelt und hinter Schränken entlanggeführt und Teppiche rutschfest gemacht werden.

Wann hilft eine Sanierung nicht oder ist vielleicht sogar unmöglich?

Bei Fachwerkhäusern wird es schwierig. Die sind meist sehr verwinkelt, klein und haben viele Höhenunterschiede. Auch bei Altbauten bekommen wir in den wenigsten Fällen eine Barrierefreiheit, die nach DIN-Normen geregelt ist, hin. Hier können Barrieren reduziert werden. Da ergeben sich auch oft gute Lösungen, denn nicht jeder braucht Barrierefreiheit.

Wann bleibt nur noch der Auszug?

Wenn die Räume, die Bäder oder die Treppen so schmal und eng sind, dass man nicht mehr durchkommt und keinen Treppenlift einbauen kann. Dann stoßen wir an Grenzen.

Wie wird das Beratungsangebot zum Wohnen im Alter angenommen?

Es wird nicht nur in den sechs Quartieren sehr gut angenommen. Angelaufen ist das Projekt energetische Quartierssanierung Ende 2019. Eigentlich wollten wir unser Projekt im April mit einer Veranstaltung vorstellen. Da hat uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir sind dann mit einer Online-Veranstaltung an den Start gegangen und bieten auch heute online Webinare und Quartierstalkrunden an. Zudem gibt es Informationen auf unserer Homepage und wir sind natürlich telefonisch erreichbar.

Woran liegt es, dass die Beratungen so gut angenommen werden?

Wir gucken uns die Situation vor Ort an, beraten neutral, sind anbieterunabhängig und erstellen einen Modernisierungsfahrplan. Das heißt, wir sagen, welche Änderungen sinnvoll sind und erstellen einen Ablaufplan. Wir begleiten die Menschen, die jederzeit mit Fragen zu uns kommen können.

Was bringt ein Modernisierungsfahrplan?

Die Menschen haben etwas in der Hand, an dem sie sich orientieren können und auf dessen Basis sie sich bei Firmen ein Angebot einholen können.

Sanierungen kosten immer Geld, wie lässt sich das bezahlen?

Es gibt Fördermittel. Dazu beraten wir und zeigen den Menschen auf, wo sie Fördermittel beantragen können.

Sie sagten: Quartierssanierung ist zukunftsorientiert. Ist es dann nicht auch zukunftsorientiert, aus einem großen Haus in eine Wohnung zu ziehen und Platz für junge Familien zu schaffen?

Ja klar, das wäre ein guter Ansatz und bei Umzug in eine barrierefreie Wohnung auch eine optimale Lösung. Viele wollen aber natürlich auch bis zum Schluss im eigenen Haus wohnen bleiben.

Energetische Quartierssanierung _ Wärmewende im Werra-meißner-Kreis: Das Wohnen der Zukunft

Den Energieverbrauch in Gebäuden senken, dieses Ziel verfolgt die energetische Quartierssanierung. Sie ist eines der beiden Modellvorhaben, mit denen der Werra-Meißner-Kreis unter dem Titel „Wärmewende Werra-Meißner-Kreis“ an dem Projekt „Klimaaktive Kommune 2018“ teilnimmt. Das zweite Vorhaben nennt sich „Holzige Biomasse“. Die Quartierssanierung beschäftigt sich neben den energetischen Aspekten auch mit Themen wie Demografie, Wohnen im Alter und Gebäudeleerständen. Die Umsetzung erfolgt als interkommunales Sanierungsmanagement. Teilnehmen können private, gewerbliche und kommunale Gebäudeeigentümer. Es werden kostenlose Beratungen angeboten und individuelle Sanierungsfahrpläne. Bau- und Fördermittelberatung für Immobilienbesitzer stehen im Vordergrund. Mit dabei sind Eschwege, Herleshausen, Großalmerode, Witzenhausen, Germerode und Netra.

Von Hanna Maiterth

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.