Interview

Interview: Rainer Janisch kandidiert für die Freien Wähler für den Bundestag

Rainer Janisch aus Weißenborn will für die Freien Wähler in den Bundestag.
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Rainer Janisch aus Weißenborn will für die Freien Wähler in den Bundestag.

Für den Werra-Meißner-Kreis und den Kreis Hersfeld-Rotenburg kandidiert der Weißenbörner Rainer Janisch für die Freien Wähler für den Bundestag.

Weißenborn – Er lebt schon sein Leben lang in Hessens kleinster Gemeinde Weißenborn, ist dort seit 15 Jahren Kommunalpolitiker und nun in seiner zweiten Periode als Erster Beigeordneter. Jetzt will Rainer Janisch für die Freien Wähler und den Wahlkreis 169 in den Bundestag starten. Wir sprachen mit ihm über seine Kandidatur.

Herr Janisch, Sie stammen aus Hessens kleinster Gemeinde Weißenborn. Ist das ein Vor- oder Nachteil für den Bundestag?

Es ist ein Vorteil. Denn ich kenne ganz genau die Sorgen und Nöte der Menschen, die hier leben. Politik wird zu sehr für die Großstädte gemacht. Ich komme von der Basis, bin im Kleinen aufgewachsen, vielen Politikern fehlt dagegen diese Bürgernähe. Ich kenne aber nicht nur das Landleben. Durch meine Bank- und Dozententätigkeit bin ich auch in Städten herumgekommen. Ich will in den Regierungen aufzeigen, wie die Menschen an der Basis die Dinge sehen.

Was sind die Sorgen und Nöte der Menschen hier?

Wer ein Leben lang gearbeitet hat, muss auch eine Rente beziehen, die auskömmlich ist. Man muss aber früher ansetzen: Wer arbeitet, muss auch vernünftig entlohnt werden und davon leben können. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist zu groß und wächst weiter. Wer in der Mittelschicht Schicksale wie Arbeitslosigkeit oder Krankheit erlebt, rutscht zu schnell in die Armut ab.

Wie kann man dem entgegenwirken?

Unser Rentensystem muss modernisiert werden. Das ist lange überflüssig. Und das geht nicht, so wie der Kollege Merz sagt, mit Aktienoptionen. Das ist staatlich finanzierbar, man muss es nur wollen. Und beim Thema Arbeit muss man die Unternehmen mit ins Boot holen und dafür sorgen, dass sie einen vernünftigen Lohn zahlen. Mit Gesetzen.

Zum Beispiel?

Der Anteil der Teilzeitarbeit und der 450-Euro-Jobs ist zu hoch. Das muss man ändern. Wer zum Beispiel 1000 Leute beschäftigt, sollte mindestens 40 Prozent einen festen Arbeitsplatz anbieten. Da kann man einiges schaffen, ohne zu sehr in die Unternehmensfreiheiten einzugreifen.

In Ihrem Wahlprogramm geht es darum, die medizinische Versorgung und Digitalisierung auf dem Land zu gewährleisten. Wie?

Wenn jemand Medizin studiert, sollte es eine Regelung geben, dass derjenige hier auf dem Land ein paar Jahre in einer Arztpraxis arbeitet. So können wir die Leute aufs Land holen. Man könnte sich an den skandinavischen Ländern ein Beispiel nehmen, wo die medizinische Versorgung vorbildlich ist. Und die Digitalisierung ist aus meiner Sicht eine Bundesangelegenheit. Da muss auf die Tube gedrückt werden – auch finanziell. Die Coronapandemie hat verdeutlicht, wie schwerfällig unsere Schulen teilweise vorbereitet waren.

Hier wurde auch soziale Ungerechtigkeit deutlich.

Was in Deutschland passiert ist nicht sozial gerecht. Kindergarten, Schule, Studium, Ausbildung – da muss jeder die gleichen Chancen haben – auch abseits von Corona. Wer in einer wohlhabenderen Familie groß wird, hat in der heute bessere Chancen auf Förderungen und technische Ausstattung. Aber das können nicht alle Familien leisten.

Sie wollen sich gegen Radikalisierung einsetzen und „Ruhe“ einbringen. Kann man mit demokratiefeindlichen Parteien überhaupt zusammenarbeiten?

Nein. Das Problem, dass immer mehr Menschen und sogar Parteien die Demokratie angreifen, ist nur mittel- oder langfristig mit Ausstiegsprogrammen aus dem rechten Spektrum zu lösen. Der Zutritt zu diesen Gruppen muss zudem von vorneherein verhindert werden. Aber natürlich sind nicht nur Protestwähler, sondern auch radikale Gruppen darunter. Mit denen wollen wir nichts zu tun haben.

Weder im Bundestag noch im hessischen Landtag sind die Freien Wähler bisher vertreten. Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?

Ich bin ehrlich: Wir haben ein gutes Programm und ich glaube, dass wir viel erreichen können. Aber ich bin auch ein Realist – ich bin ja bei der Bank (lacht). Bundestag wird schwierig, keine Frage. Es kommt auf die Wähler an, ob sie das Bisherige wollen, mit dem sie vielleicht unzufrieden sind, oder ob sie etwas Neues ausprobieren. Ich weiß noch, wie die Grünen um Joschka Fischer damals belächelt wurden. Die haben sich nun gut positioniert.

Was ärgert Sie an der Politik?

Die Skandale sind ein Unding. Mit Wirecard wurden 1,9 Milliarden Euro einfach in den Sand gesetzt. Das ist die Größe der Sparkasse Werra-Meißner. Oder die Maskenaffäre. Man ist es einfach leid, sich nur mit Politikern auseinanderzusetzen, die nur ihr eigenes Ego im Vordergrund sehen. Ein Politiker hat sich dem Gemeinwohl des Staates zu unterwerfen und sollte keine Nebeneinkünfte haben.

Finden Sie, dass Politiker zu viel Geld bekommen oder ist die Bezahlung angemessen, damit sie unbestechlich bleiben?

Gemessen an gut verdienenden Fußballern und Managern, könnten Politiker aufgrund ihrer Verantwortung auch mehr bekommen – aber ohne sonstige Nebeneinkünfte. Und sie sollen sich vernünftig um den Staat kümmern. Wenn sie auch Leistung vorweisen können, habe ich kein Problem damit. Das müsste an Erfolg gebunden sein. Und jeder Politiker sollte bereits ein paar Jahre gearbeitet haben, damit er weiß, wovon er eigentlich spricht. Das fehlt vielen Berufspolitikern. Wer von der Wiese spricht, muss wenigstens mal eine Wiese gesehen haben.

Sie wollen viele Baustellen lösen. Wie unterscheidet Sie das von den anderen Kandidaten, die den ländlichen Raum ebenfalls „stärken“ wollen?

Diese vielen Baustellen muss man nach und nach angehen. Die kann man auch nicht alle auf einmal lösen. Aber es sind alles Punkte, wo Nachholbedarf besteht. Das sind aber auch Dinge, die seit Jahren gepredigt werden. Bislang wurde hier nichts getan. Die Freien Wähler sind bisher noch nicht angetreten, wollen diese Aufgaben aber jetzt übernehmen und frischen Wind einbringen.

Von Jessica Sippel

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