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Nachtfieber: Das „Red Movie“ in Herleshausen

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Von: Emily Spanel

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Proppevoll: Die Tanzfläche des „Memory“, ehemals Red Movie. Regelmäßig wurden Künstler für Auftritte gewonnen, darunter Andy Anderson und Peter Griffin. Proppevoll: Die Tanzfläche des „Memory“, ehemals Red Movie. Regelmäßig wurden Künstler für Auftritte gewonnen, darunter Andy Anderson und Peter Griffin.
Proppevoll: Die Tanzfläche des „Memory“, ehemals Red Movie. Regelmäßig wurden Künstler für Auftritte gewonnen, darunter Andy Anderson und Peter Griffin. Proppevoll: Die Tanzfläche des „Memory“, ehemals Red Movie. Regelmäßig wurden Künstler für Auftritte gewonnen, darunter Andy Anderson und Peter Griffin. © Privat

Winterzeit ist Discozeit, zumindest früher einmal. 50 Jahre bestimmten die Tanzschuppen die Abendgestaltung. Heute gibt es keine einzige mehr in der Region. Wir erinnern uns an ehemalige Discos.

Herleshausen – Es war 1979, kurz vor Weihnachten, und alle waren da, und es war toll. Rock, Funk, Disco-Glamour, seltsame Hosen, unten weiter als oben. Es war 1979, als wieder Leben einzog in Engels alten Saal mitten in Herleshausen. Lothar Eisenberg, Schwiegersohn des Gastgeber-Ehepaars Engel, eröffnete hier eine Discothek und nannte sie Red Movie.

„Red“, rot, bezog sich auf die unverkennbare Wandfarbe des Saals, der als einstiger Austragungsort dörflicher Geselligkeiten in den Jahrzehnten zuvor unentbehrlich war. Unter anderem Kinofilme, „movies“, wurden hier gezeigt. Bis 1968 wurde hier auch die Saalkirmes gefeiert, Treffen von Vereinen oder politischen Gruppen, Bälle, Hochzeiten, Tischtennisspiele und andere Ereignisse standen auf der Tagesordnung, selbst ein Pferd hat mal die steile Treppe hinauf in den Schankraum gefunden – Mythos Gasthaus Engel.

Die Bee Gees waren als Poster mit dabei: Ein Bild aus den Anfangstagen des Red Movie im Saal des Gasthauses Engel. Alle
Die Bee Gees waren als Poster mit dabei: Ein Bild aus den Anfangstagen des Red Movie im Saal des Gasthauses Engel. Alle © Herbert Klingspohn

Rock, Funk, Disco-Glamour: „Red Movie“ in Herleshausen

In den 1970er-Jahren aber tat sich hier nicht mehr viel. Bis, ja bis Lothar Eisenberg die Zeichen der Zeit erkannte und das Red Movie, von den Herleshäusern bald nur „Moviesbuden“ genannt, etablierte. Die Herleshäuser Discothek mauserte sich rasch zu einer ständigen Vertretung der Nachtschwärmer, mitten in der Mitte. Eine Anlaufstelle zum Auftanken und Abtauchen, für alle Generationen, ungeachtet der verschiedenen Musikvorlieben – im Red Movie waren sie alle willkommen. Rocker, Funker, Discoqueens, Schlagerfreunde. Red Movie, das ging immer. Auch das Tanzen, irgendwie, im alten Saal vor der Bühne, 150 Quadratmeter groß und zu besten Zeiten mit 300 Menschen bevölkert.

In den Jahren vor 1979 hatte noch regelmäßig die Familie Bach zur Disco nach Unhausen geladen, und in Nesselröden zog das „Black & White“ die Jugend mit heißen Rhythmen an. Doch nun war das neue Angebot in Herleshausen auf Anhieb das Maß aller Dinge.

Achim Wilutzky, Stammgast in den Moviesbuden, erinnert sich noch gut an die Abende des Weihnachtsfestes 1979, als er erstmals die gerade eröffneten, proppevollen Räume sah. Die Idee, im Saal des Gasthauses Engel eine Discothek einzurichten, funktionierte von Anfang an. „Es war im nächsten Jahrzehnt genau das richtige Angebot für die vielen in den 1960er-Jahren und davor geborenen Jugendlichen.“

Herleshausen: Auf der Tanzfläche des „Red Movie“ war jeder willkommen

Im Epizentrum des Herleshäuser Nachtlebens, dem Ort an der innerdeutschen Grenze, gab es keine Teilung in den Köpfen: Hier mischte sich alles, Aktuelles mit Altem, Leises mit Lautem, Kunst mit Kitsch. Und so mischte sich auch im Publikum zu späterer Stunde bald alles: Alternative und Rocker, Junge und Alte, Einheimische und Gäste, Schüler und Ehemalige.

Für die Musik war nicht ganz von Anfang an, aber ab rund einem Jahr nach der Eröffnung Herbert Klingspohn verantwortlich, besser bekannt als DJ Lupo. Er löste das erste Discjockey-Trio, bestehend aus Ludwig Fehr, Sohn des Herleshäuser Bürgermeisters, Wilhelm-Ernst Kühn und Axel Brill ab.

Herbert Klingspohn, er ist die wohl prägendste Person der Moviesbuden. Die Leidenschaft für Musik im Blut, ausgestattet mit dem unfehlbaren Fingerspitzengefühl für das Publikum, formte er die Herleshäuser Diescothek zu einem Magneten auch für Partylustige aus dem Ringgau, Wehretal und Sontra. Diese winzige, oft absurd überfüllte Discothek hatte einfach so viel mehr zu bieten als viele andere Läden: so etwas wie eine Seele. Der Charakter dieses Ortes war immer geprägt durch eine freundliche Anarchie. Die unausgesprochene Vereinbarung lautete: Hier ist alles gut.

Markenzeichen: Die roten Lippen des DJ-Pults, aufgenommen kurz vor dem Abriss 2008.
Markenzeichen: Die roten Lippen des DJ-Pults, aufgenommen kurz vor dem Abriss 2008. © Achim Wilutzky

Nachtfieber: Wir erinnern uns ans „Red Movie“ in Herleshausen

1985 schließlich pachtete Herbert Klingspohn das Red Movie; zu Beginn noch gemeinsam mit Holger Börner, der an der Theke alles im Griff hatte. Überlegt oder gar gezögert hatten beide nicht lange, und einen Plan im Kopf noch dazu: „Discomäßiger“ sollten die Moviesbuden nach einem Umbau des Saals optisch daherkommen, und mit einem neuen Namen an den Start gehen: „Memory“. Mittwochs, freitags und samstags, zu besten Zeiten auch noch sonntags, wurde getanzt, gefeiert und gegen die dabei entstehende Dehydrierung angekämpft. Whiskey-Cola gab es zur „Billig-Time“ jeden Freitag für eine Mark. Wer bei den samstäglichen „Hitparaden international“ Glück hatte, gewann eine Flasche Whiskey, eine Flasche Wein oder eine Flasche Sekt. Gespielt wurde weiterhin so gut wie jede Musikrichtung, von Disco-Fox über Kirmes- und Blasmusik bis hin zur Rockmusik. Nur ein Titel hatte striktes Verbot: Baba O’Riley von The Who, geschrieben vom Gitarristen der britischen Band, Pete Townshend – der, bis heute legendär, bei Auftritten einen spektakulären Luftsprung mit seiner Gitarre absolvierte. Die stampfenden Sprünge der Tanzenden in Herleshausen nun, die dem Vorbild Pete Townsend nacheiferten, ließen die Nadel auf der Schallplatte kreischend hüpfen. Die ausgelassene, so unbeschwerte Zeit des Memory in Herleshausen, in der nie Türsteher oder Regularien gebraucht wurden, in der nie mehr als eine symbolische Mark Eintritt genommen wurde, ging zu Beginn der 1990er-Jahre langsam zu Ende. Das Gebäude, ehemals Gaststätte Engel, wurde verkauft; Herbert Klingspohn orientierte sich beruflich um.

Proppevoll: Die Tanzfläche des „Memory“, ehemals Red Movie. Regelmäßig wurden Künstler für Auftritte gewonnen, darunter Andy Anderson und Peter Griffin. Proppevoll: Die Tanzfläche des „Memory“, ehemals Red Movie. Regelmäßig wurden Künstler für Auftritte gewonnen, darunter Andy Anderson und Peter Griffin.
Proppevoll: Die Tanzfläche des „Memory“, ehemals Red Movie. Regelmäßig wurden Künstler für Auftritte gewonnen, darunter Andy Anderson und Peter Griffin. Proppevoll: Die Tanzfläche des „Memory“, ehemals Red Movie. Regelmäßig wurden Künstler für Auftritte gewonnen, darunter Andy Anderson und Peter Griffin. © Privat

Heute erinnert so gut wie nichts mehr an die glorreichen Herleshäuser Disco-Zeiten. Der Gebäudekomplex wurde abgerissen, auch der ehemalige Saal Engel ist einem Parkplatz gewichen. Es bleiben allein die Erinnerungen, ein Memorial an eine Zeit, in der man sich die Begleitung für die Restnacht noch ertanzen konnte, anstatt zu wummernden Bässen einsam mit dem Kopf zu wackeln. Eine Zeit, in der die Suche nach der Zukunft nicht nur den DJ verrückt machte, weil er sich zwischen Rock und Schlager entscheiden musste, sondern eine ganze Generation prägte. (Emily Hartmann)

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