Roller und Laufrad?

Erst mit sechs Jahren kann ein Kind ein Fahrrad sicher beherrschen

Da sie beide dieselben Anforderungen an das Kind haben, reicht es, seinem Kind entweder einen Roller oder ein Laufrad zu kaufen.
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Da sie beide dieselben Anforderungen an das Kind haben, reicht es, seinem Kind entweder einen Roller oder ein Laufrad zu kaufen.

Ob mit Auto, Rad, Flugzeug oder Zug: Die Menschen sind viel und ständig unterwegs. In unserer Herbstserie „Mobilität“ berichten wir über alle Facetten rund um dieses Thema.

Reichensachsen – Bobbycar, Dreirad, Laufrad, Roller, Fahrrad – das Angebot rund um die Mobilität von Kindern wächst stetig. Doch braucht mein Kind tatsächlich die gesamte Palette? Wir geben einen Überblick:

Beim Kauf eines Fahrzeugs hat die Qualität oberste Priorität. Statt auf Billigprodukte aus China, sollte man auf Markenprodukte zurückgreifen – insbesondere, wenn das Kind noch sehr jung ist. „Da kann man davon ausgehen, dass TÜV- und Sicherheitssiegel gegeben sind“, sagt Katharina Menne-Vogler, Ergotherapeutin aus Wehretal-Reichensachsen. Außerdem sollte das Fahrzeug altersgerecht sein, den individuellen Fähigkeiten des Kindes entsprechen, die Funktionalität erfüllen, und dem Kind nicht zuletzt auch Spaß bereiten.

  • Mit einer Schaukelrutschwippe oder einem Pezzi-Hüpfpferd können das Sitzen, die Aufrichtung des Oberkörpers und das Gleichgewicht ab dem neunten Lebensmonat gefördert werden. „Um Körperdeformationen oder Schädigungen zu vermeiden, ist es von elementarer Wichtigkeit, zu beachten, dass der Knochen- und Muskelapparat eine entsprechende Stabilität und altersgemäße Reifung aufweist“, sagt Menne-Vogler.
  • Hat das Kind zwischen dem 12. und 14. Lebensmonat den festen Stand erreicht, gibt es den Lauflernwagen. „Das kann ein Puppenwagen oder ein Schiebefahrzeug sein.“ So kann das Kind Spielzeug transportieren und die Umgebung um sich herum entdecken. Dabei wird die Aufrichtung gegen die Schwerkraft geübt und zudem werden die Rotationsbewegungen der Hüften und des Beckens geschult. Parallel werden die ersten visuomotorischen Eindrücke (Koordination von visueller Wahrnehmung und Bewegung) gesammelt. Das Kind lernt beispielsweise, wann es seinen Körper bremsen muss.
  • Zwischen dem 12. und 15. Lebensmonat kann das Kind erste Erfahrungen mit dem Bobby-Car sammeln. Es fördert die Koordination von Ober- und Unterkörper: Das Kind lernt, durch das Festhalten am Lenkrad seine Kraft einzuschätzen und zu steuern, sowie das Fahrzeug visuomotorisch zu lenken. Zeitgleich versucht es, durch das Strecken und Heranziehen der Beine und durch das Abstoßen der Füße vorwärtszukommen. Dreirädrige Rutschfahrzeuge, bei denen das Kind höher sitzt, haben dieselben motorischen Anforderungen, sind aber weniger effektiv, da das Kind aufgrund der höheren Position weniger Schwung holen muss.
  • Das klassische Dreirad kommt ab dem zweiten Lebensjahr zum Einsatz. Drei Räder vermitteln Sicherheit und Stabilität. Die Kombination aus kräftigem Treten, der Aufrichtung im Sitzen, dem Lenken, erstem Vorwärtsfahren und dem Balancehalten stellt eine hohe Koordinationsleistung dar und setzt einige motorische Fähigkeiten voraus. Trettrecker und Kettcar besitzen dieselben Anforderungen und werden von Jungen meist bevorzugt. Mit Anhängern entdecken Kinder nicht nur das Transportieren, sondern schulen zusätzlich die Drehung des Oberkörpers entgegen dem Unterkörper. Wenn sich diese Drehbewegung früh im Nervensystem automatisiert, fällt später das Lesen und Schreiben von links nach rechts einfacher.
  • Der Roller erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Ein gutes Einstiegsalter liegt im dritten Lebensjahr. Ein Roller ist eine sinnvolle Anschaffung, denn er fördert die Motorik des Kindes, das Erlernen des Gleichgewichtssinns und die Koordination von Bewegungsabläufen. Zudem spielen Spaßfaktor und Selbstständigkeit eine große Rolle. Der Roller hat dieselben Anforderungen wie das Laufrad, das größentechnisch schon ab dem zweiten Lebensjahr gefahren werden kann. Hierbei ist eine hohe Leistung der Gleichgewichtsregulation und -anpassung und der Körperkoordination gefragt. Der Umgang mit Laufrad oder Roller – es reicht, eins der Fahrzeuge zu kaufen – kann ein gutes Grundgerüst für das Erlernen des Fahrradfahrens sein.
  • Fährt das Kind sicher und gewandt Roller und/oder Laufrad und interessiert sich dafür, kann auf das Fahrrad umgestiegen werden. Mit sechs Jahren ist das Kind in der Lage, es motorisch sicher zu beherrschen: Gleichgewicht halten, auf- und absteigen, abbiegen, bremsen, lenken, Kurven fahren. Im Vorschulalter sind diese kognitiv-motorischen Fähigkeiten noch ungenügend ausgeprägt. „Deshalb sollten Eltern ihr Kind nicht zu früh aufs Fahrrad lassen – frühestens mit dreieinhalb Jahren.“

Hilfsmittel für Eltern sind oft kontraproduktiv für die Kindsentwicklung

Die körperliche Betätigung an der frischen Luft fördert laut Ergotherapeutin Katharina Menne-Vogler nicht nur die Hirnreifung, sondern auch Kondition, Ausdauer und körperliche Gesundheit. Allerdings sind viele Hilfsmittel für Eltern dabei kontraproduktiv: Durch die Nutzung von Mitfahrboards wird das Kind nicht gefordert. Zudem besteht auch die Gefahr, dass es durch die Vibration müde wird und einschläft. „Ein Kind muss auch mal über seine Grenzen hinaus gehen und weiterlaufen“, sagt Menne-Vogler.

Auch die Schiebe- oder Schubstange für Bobby-Car und Dreirad dienen zwar der Entlastung der Eltern, sind jedoch nicht sinnvoll für die Entwicklung des Kindes. „Nur durch eigenständige, wiederholte und integrierte Handlungs- und Bewegungsabläufe besteht die Option einer neuromuskulären Vernetzung bis hin zur Automatisierung.“ Dies zeige sich dann darin, dass das Kind mit Freude ohne Unterstützung zügig auf seinem Fahrzeug unterwegs sei.

Das Gleiche gelte für Stützräder am Fahrrad. „Das Kind erlebt ein völlig falsches Fahr- und Gleichgewichtsgefühl.“ Sobald sich ein Kind auf so etwas verlasse, verliere es das eigene Körpergefühl. Der Übergang zum Fahrradfahren ohne Stützräder falle dann besonders schwer. Bei Schlaglöchern oder an der Bordsteinkante stellten Stützräder zudem eine erhebliche Sturzgefahr dar. Auch Fahrräder zum Anhängen, solche mit elektrischer Motor-Unterstützung und Elektroautos seien für Kinder nicht geeignet.

Generell warnt die Expertin vor Reizüberflutung und deren Folgen, wie Hyperaktivität. Grundsätzlich sollte das Kind aus seinen eigenen Fähigkeiten heraus, mit Motivation und Freude das jeweilige Fahrzeug erlernen wollen und nicht, um „etwas zu ehrgeizigen“ Eltern zu gefallen. Sonst könnten sich unter anderem Ängste und Unsicherheiten entwickeln“, warnt Menne-Vogler. 

(Gudrun Skupio)

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