Sabine Scheunert ist seit Mai neue Citroën-Chefin in China

Sie stammt aus Witzenhausen, arbeitete lange in Paris und ist seit Mai Chefin von Citroën in Shanghai: Sabine Scheunert, 40 Jahre, hat es in der männerdominierten Automobilbranche weit gebracht: Sie ist die erste Frau, die eine europäische Marke in China vertritt.

Wir sprachen mit ihr über das Leben als Karrierefrau und Mutter, über die neue Kultur, das Klima, Mückenstiche und chinesische Nannys.

In Shanghai ist es früh am Morgen, als Sabine Scheunert eine SMS an ihren Vater Peter in Witzenhausen schickt. „35 Grad, 87 Prozent Luftfeuchtigkeit, hohe Ozonwerte. Wir kommen heute nicht raus“, steht da. Eine Dunstglocke aus Verkehrsabgasen liegt auf der Millionenstadt. Die Mischung aus Smog und Schwüle ist ungewohnt und belastend.

Auf Henri und Sabine Scheunert wartet ein Tag in klimatisierten Räumen. Riesige Anlagen - drei mal 2,50 groß - rattern den ganzen Tag, um die Temperatur in der topmodernen, 130 Quadratmeter großen Wohnung angenehm zu halten. Mückennetze fehlen noch, Arme und Beine zerstochen. Alles ist anders - und irgendwie doch nicht. Vertraute Ikea-Schränke stehen im neuen Domizil, der schwedische Möbelriese ist in China ganz groß. Sabine Scheunert hat vor Ort eingekauft. „Als wäre man in Kassel shoppen. Das gleiche Sortiment. Nur mit chinesischer Schrift.“

Die neue Frau an der Spitze von Citroën in China ist in ihrem neuen Zuhause angekommen. Von ihrem Fenster im 6. Stock schaut sie auf andere Hochhäuser und einen kleinen Supermarkt, in dem man Vieles kaufen kann, und manch’ wirklich Wichtiges nicht: Milchpulver und Zwieback für Henri zum Beispiel.

Verstehen sich ohne Worte: Henri und sein neuer chinesischer Freund unterwegs mit Rutsch-Auto und Dreirad.

Der Einjährige kann sich nicht so schnell auf all das Neue einstellen. Sabine Scheunert war es deshalb wichtig, Vertrautes von zu Hause mitzubringen, damit ihr Sohn sich in China wohl fühlt. Dazu gehört auch das komplette Kinderzimmer, das momentan im Container eines Frachtschiffes über den Ozean bis nach Shanghai reist. Stofftiere, Spielzeug, Kleidung, Flaschenwärmer, Baby-Shampoo, aber auch Geschirr, Töpfe, Wasserkocher, Hygieneartikel und vieles mehr hat sie bereits auf früheren Dienstreisen in diversen Koffern mitgebracht. „Und außerdem müssen alle Bekannten, die aktuell nach China reisen, mir eine Tasche voller Dinge mitbringen, die ich hier nicht besorgen kann!“

In der neuen Position als China-Chefin eines großen Automobilkonzerns ist die 40-Jährige gut angekommen. „China ist eine Leistungsgesellschaft. Karrierefrauen werden hier hoch geschätzt“, sagt sie. Ihr Arbeitsalltag beginnt um neun Uhr. Das Ende ist offen, je nachdem, was anliegt. Ein persönlicher Fahrer bringt sie durchs Verkehrsgetümmel - oft auch zum Flughafen, denn Dienstreisen stehen häufig im Terminkalender der Citroën-Chefin.

Zurzeit kümmert sich Oma Mechthild um ihren Enkel. Sie und ihr Mann Peter sind nach Shanghai gereist, um der Tochter den Start zu erleichtern. Auch bei der Suche nach einer Tagesmutter hilft sie mit. Zwölf Nannys haben sich schon vorgestellt, doch keine hat den Job bekommen. „Die Vorstellung von Erziehung ist hier anders als bei uns“, sagt Sabine Scheunert. „Die Chinesinnen sind strenger und der Ton etwas barsch. Auch die Sprache ist ein Problem. Viele sprechen nicht einmal englisch.“ Die Suche geht weiter, denn erst ab November kann Henri in den internationalen Kindergarten gehen.

Eine Mischung aus Abenteuer, Entdecken von Neuem und Respekt vor dem Unbekannten“, so fasst Sabine Scheunert die neue Situation zusammen. Der Alltag in China sei in keiner Weise mit dem in Europa vergleichbar: Alle seien freundlich und geschäftig, Straßen und Wege übervoll mit Menschen, Autos und Mopeds. Es werde viel organisiert, aber oft mit viel Gerede und wenig Ergebnis. „Im Vergleich zu Shanghai war Paris geradezu gemütlich und verträumt. Ich kenne keinen Ort der Welt, wo so viele Kulturen auf einem Fleck versammelt sind, wie in Shanghai.“

Henri macht derweil kulturelle Erfahrungen der anderen Art. Er hat Kontakt zu chinesischen Kindern geknüpft und flitzt mit ihnen per Rutsch-Auto übers Pflaster. Bis ihnen eine Motorradwerkstatt in die Quere kommt - mitten auf dem Bürgersteig. Aber das ist ebenso normal wie vier Personen, die auf einem Moped fahren. Jedenfalls in China.

Von Kathrin Bretzler und Peter Scheunert

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