MONTAGSINTERVIEW

„Schuljahre sind nicht verloren“: Schulpsychologin zu Corona und Distanzunterricht

Mehr als ein Jahr Coronapandemie, Einschränkungen und Distanzunterricht liegt hinter den Schülern: Darüber sprachen wir mit der Schulpsychologin Birgit Reppmanm.
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Mehr als ein Jahr Coronapandemie, Einschränkungen und Distanzunterricht liegt hinter den Schülern: Darüber sprachen wir mit der Schulpsychologin Birgit Reppmanm.

Ein Jahr Pandemie - die Nerven liegen bei Schülern, Eltern und Lehrern blank. Wir haben mit der Schulpsychologin Birgit Reppmann vom Schulamt gesprochen.

Bebra – Nach mehr als einem Jahr Pandemie liegen die Nerven bei einigen Schülern, Eltern und auch Lehrern blank. Wir haben mit der Schulpsychologin am Staatlichen Schulamt der Kreise Hersfeld-Rotenburg und Werra-Meißner, Birgit Reppmann, darüber gesprochen, wie sich ihre Arbeit im vergangenen Jahr verändert hat, welche Probleme sie in ihrer Arbeit beschäftigen und welche Auswirkungen die Pandemie auf die Schüler haben wird,

Seit über einem Jahr befinden sich die Schüler in alternativen Unterrichtsformen. Sind das eigentlich zwei verlorene Schuljahre?

Das sehe ich nicht so. Es gibt zwar Studien, die besagen, dass man im Distanzunterricht bis zu 20 Prozent weniger lernt, das wird aber durch engagierte Lehrer wieder aufgefangen. Außerdem befinden sich nicht alle Schüler im Homeschooling. Natürlich gibt es auch Verlierer, vor allem Schüler, die sich zurückgezogen haben. Hier liegt die große Aufgabe, alle gleichermaßen zu motivieren, wenn sie in die Schule zurückkehren.

Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die Schulkarriere unserer Kinder?

Schüler der Abschlussklassen machen sich natürlich Sorgen um ihre Zukunft. ,Wozu mache ich das überhaupt’, fragen sie sich. Deswegen war es eine gute Entscheidung, dass die Abschlussklassen im Präsenzunterricht geblieben sind.

Und bei den jüngeren Schülern?

Auf die Siebt-, Acht- und Neuntklässler muss man in Zukunft genau schauen, damit die Schere im Wissensstand nicht zu weit auseinandergeht. Sie waren seit Mitte Dezember nicht mehr in der Schule. Die Gefahr, dass sie für Lehrer und Eltern nicht mehr „sichtbar“ sind, ist gegeben. Ob die vergangenen Monate negative Auswirkungen haben, lässt sich jetzt aber noch nicht beantworten. Es ist dabei aber besonders wichtig, nicht nur den Leistungsstand, sondern vor allem die psychosoziale Lage der Schüler in den Blick zu nehmen.

Wo liegt die besondere Gefahr in diesem Alter?

Die Schüler der Mittelstufe befinden sich gerade zu Beginn oder mitten in der Pubertät. Eigentlich sollen sie sich momentan gerade von der Familie lösen. Außerdem entwickeln sich in diesem Alter auch Freundschaften fürs Leben. Wenn man immer nur zu Hause ist und auch privat nichts unternehmen darf, wird man natürlich in seinen Entwicklungsmöglichkeiten gehemmt. ,Alles, was uns Spaß macht, dürfen wir gerade nicht’, sagen viele. Das frustriert natürlich.

Wodurch ergeben sich besondere Probleme, wenn man viel zu Hause ist?

Viele Belastungen der Schüler werden durch den Schulbesuch mit der damit verbundenen Tagesstruktur und vielfältigen Hilfsangeboten aufgefangen. Jetzt verfestigen sich psychische Gefährdungslagen leicht durch den Wegfall dieser Unterstützung. Nicht einfach ist es auch für die Grundschüler. Manche kennen Schule nur in Krisenzeiten. Ein normaler Schulalltag ist ihnen unbekannt.

Gibt es auch Profiteure des Distanzunterrichts?

Ja, die gibt es. Diejenigen, die strukturiert sind und sich selbstständig organisieren können, profitieren. Sie können ungestört von der Gruppe arbeiten. Stillere Schüler blühen im Homeoffice auf, trauen sich mehr zu. Das ist insgesamt eher die Ausnahme. Aber daraus kann man lernen, Schüler individuell zu fördern.

Das schwächste Glied in der Kette sind die Lehrer. Sie müssen versuchen, alle Schüler im Blick zu behalten und bekommen den Frust der Eltern ungefiltert ab. Wie gehen sie mit der Situation um?

Grundsätzlich muss man sagen, dass das Gros der Lehrer einen richtig guten Job macht. Sie zeigen viel Einsatz für ihre Schüler und versuchen, das zu kompensieren, was ohne Präsenzunterricht verloren geht. Das erkennen mittlerweile auch viele Eltern an.

Trotzdem müssen die Lehrer momentan durch die Pandemie besonders viel Druck aushalten?

Wir befinden uns ja momentan alle in einer Krisenlage. Wir sitzen alle in einem Boot, befinden uns aber in unterschiedlichen Kabinen und sehen durch unsere Fenster andere Dinge. Wichtig ist, dass die Lehrer die Kritik der ebenfalls unter Druck stehenden Eltern nicht persönlich nehmen. Die Lehrer sind ja nicht die Verursacher der Situation, sondern vielmehr in aller Regel kompetente Krisenmanager.

Ist das digitale Arbeiten inzwischen bei den Lehrkräften angekommen?

Wenn überhaupt, gab es hier nur einen kurzfristigen Widerwillen gegen das digitale Arbeiten. Viele sehen die Digitalisierung positiv, eher als Chance. Was belastet, ist der ständige Wechsel zwischen Präsenz- und Distanzunterricht. Wir beobachten, dass seit Beginn beispielsweise mehr Fortbildungen angenommen werden. Die Hemmschwelle und lange Fahrzeiten fallen durch die Onlineangebote weg.

Hat sich in der Arbeit der Schulpsychologen etwas verändert?

Schon im vergangenen Jahr wurde das Team um eine weitere Stelle ergänzt. Das macht sich jetzt in dieser besonderen Coronasituation bezahlt. Das Mehr an Arbeit können wir auch durch wegfallende Fahrzeiten kompensieren, weil wir vermehrt digital arbeiten. Per E-Mail sind wir jetzt besser erreichbar.

Kann die Onlineberatung das persönliche Gespräch vor Ort ersetzen?

Das kommt auf den Fall an. Oft ist der persönliche Kontakt immens wichtig. Zu etwa 75 Prozent beraten wir noch in Präsenz. Für die Beratung per Telefon- oder Videokonferenz wurden wir zusätzlich geschult. (Von Tobias Stück)

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