Corona-Regeln werden gelockert

Senioren in Pflegeheimen im Werra-Meißner-Kreis dürfen mehr Besuch empfangen

26.06.2020, Hessen, Kassel: Bewohnerin Gisela Bossecker (l) spricht vom Balkon des AWO Altenzentrum "Käthe-Richter-Haus" aus mit ihrer Tochter Monika Nehrig. Seit einer Woche dürfen Bewohner von Alten- und Pflegeheimen wieder mehr Besuch bekommen. (zu dpa "Mehr Besucher in Heimen: Segen und Risikofaktor") Foto: Swen Pförtner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Mehr als nur Gespräche am Fenster: Senioren in Hessen dürfen in Pflegeheimen nun wieder mehrmals pro Woche Besuch empfangen.

Senioren, die in einer Pflegeeinrichtung leben, dürfen wieder mehr Besuch empfangen. Nach einer entsprechenden Lockerung der Regeln durch das Land Hessen öffnen auch die Einrichtungen im Werra-Meißner-Kreis wieder ihre Türen.

Seit 22. Juni dürfen Bewohner bis zu drei Mal pro Woche Besuch von je einer Person bekommen – egal ob Familie, Freunde oder Bekannte, sagt Torsten Rost von der Diacom Altenhilfe. Wie eine Umfrage im Kreis ergab, ist zumeist eine Terminabsprache nötig. Jeder Besucher muss sich in Anwesenheitslisten eintragen, Sicherheitsabstände einhalten und einen Mund-Nase-Schutz tragen. 

Um ein Einschleppen des Coronavirus zu verhindern, ist in vielen Heimen ein Besuch im Bewohnerzimmer nur bei bettlägerigen Menschen möglich, – und auch nur, wenn im Raum 1,5 Meter Abstand gehalten werden kann. Bewohner, die noch mobil sind, können in Extra-Räumen, im Eingangsbereich oder im Garten Besuch empfangen. Andere Heime desinfizieren die Bewohnerzimmer nach jedem Besuch, etwa das Haus Kammersberg in Hessisch Lichtenau.

Für die Heime ist der Aufwand immens: Sie mussten Schutzkonzepte ausarbeiten und bei der Heimaufsicht vorlegen – deshalb starten viele erst in dieser Woche mit den erweiterten Besuchszeiten. 15 bis 20 Minuten dauert die Betreuung jedes Besuchers, hat ein Testlauf im Haus Kammersberg ergeben. Denn die Besucher müssen schriftlich registriert und in die Schutzmaßnahmen eingewiesen, mögliche Symptome abgefragt werden. Nach der Händedesinfektion werden die Besucher zu den Bewohnern gebracht und später wieder hinausbegleitet, sagt Pflegedienstleiterin Susanne Appel-Grundmann.

Die Diacom Altenhilfe und das Geriatrie-Zentrum Rhenanus in Bad Sooden-Allendorf haben bereits eine Woche lang Erfahrungen mit den neuen Regeln gesammelt. Ihre Bilanz: Es funktioniert – mit hohem Aufwand. In beiden Fällen übernehmen Mitarbeiter der sozialen Betreuung die Begleitung. „Man muss Prioritäten setzen“, so Helena Klässig vom Geriatrie-Zentrum. „Die Stimmung bei Bewohnern und Angehörigen ist deutlich besser geworden."

Kritik an Landesregierung

"Wie können wir Bewohnern, Angehörigen und Personal so noch gerecht werden?“, fragt Pflegedienstleiterin Susanne Appel-Grundmann. Die Heime würden von der Politik allein gelassen: Das Land habe ohne Vorwarnung am Donnerstag die Ausweitung der Besuchsregeln verkündet, die am Montag starten sollte, Schutzkonzept inklusive. Zusatz-Personal für den immensen Aufwand gebe es nicht. Eine Einmalzahlung sei zwar nett, verbessere aber nicht den Pflegenotstand.

Erleichterung und Sorge

Die Lockerung der Besuche war für das Wohlbefinden der Bewohner dringend nötig – da sind sich die Betreiber verschiedener Seniorenheime im Werra-Meißner-Kreis einig. Auch, dass die Bewohner die Heime nun wieder für Spaziergänge und Besuche verlassen dürfen, kommt bei den meisten gut an. Viele Bewohner hätten unter dem Besuchsverbot gelitten und sich zurückgezogen, berichtet etwa Corinna Sprung, Leiterin von Haus Salem in Witzenhausen. „Die Geduld geht langsam zu Ende.“ Doch auch sonst bekomme nicht jeder Bewohner viel Besuch, etwa wenn die Familie weit weg wohnt, weiß Torsten Rost. Die Einrichtungen seiner Diacom Altenhilfe haben, wie viele andere, gute Erfahrungen mit Videotelefonie gemacht. Eine Möglichkeit, aber nicht für alle ein guter Ersatz für den Besuch von Angehörigen, schränkt Corinna Sprung ein. 

Auch wenn grundsätzlich die Freude für die Ausweitung der Besuche groß ist, bleiben die Reaktionen von Bewohnern und Angehörigen gespalten, hat Sprung beobachtet: „Die einen können es nicht abwarten, die anderen haben Angst vor einer Ansteckung.“ Bei den Mitarbeitern, die vielerorts durch die zusätzlichen Schutzmaßnahmen in der Pandemie bis zur Erschöpfung arbeiten, ist die Sorge groß, dass das Virus durch die Lockerungen eingeschleppt wird. „Wir sind so stolz, dass wir bis jetzt keinen Fall hatten“, sagt Stefanie Frese, Leiterin von Haus Kammersberg. „Das soll so bleiben.“ Im Geriatrie-Zentrum Rhenanus habe es vereinzelte Covid-Fälle gegeben, Helena Klässig bleibt dennoch positiv: „Wir haben daraus gelernt und wissen nun, wie wir das bewältigen können.“

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