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Werra-Meißner: Wie arbeitet ein Notfallseelsorger? Wir haben nachgefragt

Ralph Beyer hat das Netzwerk der Notfallseelsorger vor 25 Jahren mit ins Leben gerufen, um Menschen in schweren Zeiten eine Stütze zu geben.
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Ralph Beyer hat das Netzwerk der Notfallseelsorger vor 25 Jahren mit ins Leben gerufen, um Menschen in schweren Zeiten eine Stütze zu geben.

Wie arbeiten eigentlich Notfallseelsorger im Werra-Meißner-Kreis? Wir haben mit Ralph Beyer über seine Arbeit gesprochen.

Werra-Meißner - Wenn Ralph Beyer und seine Kollegen eine Nachricht auf ihre Pieper bekommen, wissen sie, dass ein Mensch gestorben ist. Dann muss alles ganz schnell gehen. Ralph Beyer setzt sich in sein Auto und fährt zum Einsatzort, wo Polizei oder der Rettungsdienst schon auf ihn warten.

„Die Einsatzleiter erklären uns vor Ort, was passiert ist und in welcher Lage sich die Angehörigen befinden“, erklärt er. Ralph Beyer ist einer von 43 Notfallseelsorgern für den Landkreis Werra-Meißner.

Menschen, die gerade die Mutter, den Bruder oder andere Familienmitglieder verloren haben, reagierten mit Aggression und Zerstörungswut bis hin zu Verschlossenheit und Suizidgedanken, weiß Beyer aus Erfahrung. „Ich nehme dann Kontakt zu den Trauernden auf und wir versuchen, das Unfassbare zu fassen“, sagt er.

Versuchen, das Unfassbare zu fassen

Dabei spiele es keine Rolle, ob die Trauenden gläubig seien oder nicht. „Wenn wir zu einem Einsatz kommen, bedeutet das nicht, dass wir einfach die Bibel aufschlagen und daraus rezitieren“, sagt der Pfarrer. Stattdessen schaue er, was die Angehörigen bräuchten. Er spreche dann ein Vaterunser, sie zünden gemeinsam eine Kerze an oder Beyer hört einfach nur zu. „Die Arbeit als Notfallseelsorger hat ganz viel mit Aushalten zu tun.“

Er und seine Kollegen geben nicht nur den Angehörigen Halt. Auch die Einsatzkräfte können sich nach schweren Unfällen und belastenden Erlebnissen an die Notfallseelsorger wenden. Ralph Beyer erinnert sich noch gut an einen Fall, bei dem die Einsatzabteilung der Feuerwehr selbst seelische Unterstützung benötigt habe: „Bei einem schweren Verkehrsunfall im Werra-Meißner-Kreis war ein junger Mann gestorben und das war ein Feuerwehrkamerad“, berichtet Beyer.

Ziel der Hilfe für Einsatzkräfte und Angehörige sei es, nicht zuzulassen, dass sich das Trauma verfestige, sagt er. „Das Erlebte soll nicht verdrängt, sondern verarbeitet werden.“

Jeden Tag und jede Stunde in Bereitschaft

Um schnelle Hilfe leisten zu können, sind die Notfallseelsorger jeden Tag und jede Stunde im Jahr in Bereitschaft. Immer eine Woche am Stück ließen die diensthabenden Pfarrer alles Stehen und Liegen, wenn ein Notfall gemeldet werde. „Im Jahresdurchschnitt sind wir alle sieben bis zehn Tage im Einsatz“, sagt der Notfallseelsorger.

Drei Viertel aller Fälle passierten im häuslichen Bereich. Die Helfer in der Not begleiten die Polizei, wenn diese Todesnachrichten überbringen muss oder betreut die Hinterbliebenen nach Selbstmorden oder erfolglosen Wiederbelebungen. „Besonders schwer ist für uns Notfallseelsorger ein plötzlicher Kindstod“, sagt Beyer.

Die Seelsorger-Guppe aus dem Werra-Meißner-Kreis kommt auch bei „großen Szenarien“ zum Einsatz. „Als der Amoklauf 2002 an einer Erfurter Schule passierte, war nicht klar, wie lange das dauern würde, deshalb hat uns das Land Thüringen um Amtshilfe gebeten“, erinnert sich Beyer.

„Man muss auch auf sich achten“

Dauern die traumatisierenden Erlebnisse über mehrere Tage an, arbeiten die Seelsorger im Schichteinsatz. Um das Erlebte für sich verarbeiten zu können, treffen sich die Notfallseelsorger in Supervisionen und besprechen ihre Fälle. „Man muss auch auf sich achten, damit Leib und Seele wieder zusammenfinden“, sagt der 56-Jährige.

Denn nur wer stabil im Leben stehe, könne eine starke Hilfe für andere sein. Deshalb rät Beyer sowohl Rettungskräften, als auch Seelsorgern, nur dann aktiv mitzuhelfen, wenn die Helfer nicht gerade selbst in einer Krise steckten.

Wie das Team der Notfallseelsorge sich in den ersten Momenten nach einem Todesfall verhalten muss und wie Trost richtig gespendet werden kann, lernen sie während der Ausbildung. Dass die Hilfe vor Ort sofort und zu jeder Zeit möglich ist, dafür hat sich Ralph Beyer vor 25 Jahren eingesetzt und die Notfallseelsorge mit Dr. Thomas Zippert gegründet. (Kim Hornickel)

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