BLICKPUNKT WERRA-MEISSNER

Immer mit der Nase am Wind - So arbeitet die Rettungshundestaffel Werra-Meißner

Ganz fein gemacht: Anja Horche (rechts) lobt den aufgeregten Magyarvizslar-Rüden namens Leo von Imke Drescher (Mitte), der gerade eine vermisste Person im Wald gefunden hat. Links im Bild Tatjana Biertümpfel.
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Ganz fein gemacht: Anja Horche (rechts) lobt den aufgeregten Magyarvizslar-Rüden namens Leo von Imke Drescher (Mitte), der gerade eine vermisste Person im Wald gefunden hat. Links im Bild Tatjana Biertümpfel.

Meistens sind es demente Menschen, Suizidgefährdete, manchmal auch Kinder – werden sie vermisst, kommen oft Suchhunde zum Einsatz. Dafür bildet die Rettungshundestaffel hocheffiziente Teams aus. Ein nachmittag beim Training der Staffel.

Werra-Meißner – Klirrender Frost, glitzernder Schnee, vier Frauen, vier Hunde – Trainingszeit für die Rettungshundestaffel Werra-Meißner. Bei Niederhone treffen sich Anja Horche, Tatjana Biertümpfel, Andrea Kuß und Imke Drescher. Die Autos parken an einem tief verschneiten Feldweg und die Hunde Flash, Fritzi, Charlie und Leo schauen ungeduldig und voller aufgeregter Erwartung aus den Autofenstern – wissend, dass es gleich ans Arbeiten geht.

Flash, der Schäferhundmischling von Anja Horche, darf heute zuerst los. Die anderen Hunde müssen erst mal warten. „Es arbeitet immer nur ein Hund“, erklärt Anja Horche, die die Ausbildungsleiterin der Rettungshundestaffel ist. „Während des Trainings haben wir Schwerpunkte, im Einsatz laufen die Hunde natürlich parallel.“

Flash ist ein sogenannter Flächensuchhund – seine Aufgabe heute: Er soll Imke Drescher und Andrea Kuß im Wald finden. Die beiden Frauen haben sich versteckt. Anja Horche legt ihrem Hund ein Geschirr in Signalfarben und mit Aufschrift „Rettungshund“ sowie ein GPS-Halsband an.

 „Windstille ist nicht einfach für die Hunde, weil die ausschließlich über ihre Nasenwitterung mit dem Wind suchen.“

Tatjana Biertümfel, Erste Vorsitzende der Rettungshundestaffel

Dann heißt es „Such!“ und Flash stürmt los, um Menschen im Gelände zu finden, mit der Nase im Wind. Doch der ist an diesem sonnigen Wintertag kaum spürbar. „Windstille ist nicht einfach für die Hunde, weil die ausschließlich über ihre Nasenwitterung mit dem Wind suchen“, sagt Tatjana Biertümpfel, Vorsitzende des Vereins. Deshalb findet Flash zwar Andrea Kuß ziemlich flott, gibt „Anzeige“ – das heißt, er bellt in einer bestimmten Tonlage, um seiner Hundeführerin zu signalisieren, dass er einen Menschen gefunden hat. Doch bei der Suche nach der zweiten Frau muss Flash einige große Runden im Wald drehen, bis ihm ein Windlüftchen ihre Witterung zuträgt und er sie endlich entdeckt. Anja Horche folgt ihm zum Fundort und dann gibt es viel, viel Lob und Zärtlichkeiten für Flash.

Verein bildet Flächensuchhunde und Mantrailer für Städte aus

Ausgebildet werden die sogenannten Flächensuchhunde, um vermisste Menschen in Wald und Flur zu finden. „Die Hunde suchen nicht spezifisch nach einem bestimmten Menschen, sondern spüren generell lebende Menschen auf“, sagt Tatjana Biertümpel. Anders als die sogenannten Mantrailer, die über eine Geruchsprobe den dazu gehörenden Menschen suchen. „Diese Hunde werden bei der Vermisstensuche in Städten eingesetzt“, so Tatjana Biertümpfel. Die Suche nach Toten trainiert die Rettungshundestaffel gar nicht. „Das liegt daran, dass Hunde bei der Suche in Trümmern zum Beispiel wirklich nur lebende Menschen anzeigen sollen.“

Als Nächstes darf sich an diesem Nachmittag die Golden-Retriever-Hündin Fritzi ans Werk machen. Tatjana Biertümpfel versteckt sich hinter einem dichten Gehölz auf einer Waldlichtung und Fritzi hat sie schnell entdeckt. Doch anders als Flash nimmt sie ein sogenanntes Bringsel, das um ihren Hals hängt, ins Maul und läuft zu ihrer Herrin Andrea Kuß zurück. Damit zeigt die Hündin ihr an, dass sie einen Menschen gefunden hat. Fritzi führt ihre Führerin zum Fundort und dort wird der Hund dann wieder reichlich belohnt.

Hunde sind mit mit GPS ausgestattet - aus mehreren Gründen

Beim zweiten Versuch – auch hier versteckt sich Tatjana Biertümpfel – geht es allerdings schief. Die Golden-Retriever-Hündin entdeckt sie zwar, meldet ihren „Fund“ aber nicht und dreht stattdessen kurz vor dem Versteck wieder ab und stellt stattdessen einen Wanderer, der zufällig durch den Wald kommt. Keine Einfalt des Hundes. „Der hat gemerkt, dass er mich ja schon mal gefunden hat und ich nicht mehr interessant bin“, erklärt die Vorsitzende das Verhalten des Tieres. Während des Trainings, aber natürlich auch bei Einsätzen, sind die Hunde mit einem GPS-Halsband versehen. „Damit weiß man nicht nur, wo sie gerade sind, sondern kann anhand der Karten nachverfolgen, welche Bereiche sie bereits abgesucht haben“, sagt Tatjana Biertümpfel.

Trainiert wird immer an unterschiedlichen Orten

Das Training organisiert der Verein so, dass fast immer neue Orte aufgesucht werden. „Die Hunde sollen sich nicht an ein bestimmtes Gelände gewöhnen“, so Anja Horche. Denn im Ernstfall kennen sie die Gegend auch nicht. Trainiert werden auch nicht nur die Hunde, sondern auch der dazugehörige Mensch hat viel zu lernen. „Hund und Hundeführer sind ein Team, das auch als solches gemeinsam ausgebildet wird“, sagt Tatjana Biertümpfel.

Ausbildung dauert mindestens zwei Jahre

Bis die Teams tatsächlich zum Einsatz dürfen, dauert es mindestens zwei Jahre. Fünf Prüfungen sind zu bestehen – angefangen mit der Begleithundeprüfung und einer Geräteprüfung, bei der die Gehorsamkeit und Fähigkeiten wie zum Beispiel durch Tunnel zu laufen oder eine Wippe zu bewältigen, geprüft werden. Dann folgen verschiedene spezifische Prüfung unter simulierten Einsatzbedingungen. „Erst, wenn das alles funktioniert, lassen wir unsere Hunde zum Einsatz.“ Neben der anspruchsvollen Ausbildung und den mindestens einmal wöchentlichen Trainingsstunden sind die Mitglieder der Rettungshundestaffel auch so ein eingeschworenes Team. „Wir sind eine verrückte Horde und wir können uns toll aufeinander verlassen“, sagt Anja Horche, die zu den Gründungsmitgliedern des Vereins gehört. „Das ist ein bisschen wie Familie.“

Truppe ist wie eine Familie

Jede der vier Frauen, die sich an diesem Nachmittag zum Trainieren getroffen haben, hatte andere Gründe, sich der Rettungshundestaffel anzuschließen. Bei Tatjana Biertümpfel war es der nicht zu bändigende Familienhund, der nicht nur Blumenbeete in seine organischen Bestandteile zerlegte, Rasensprenger fraß und ganze Tafeln Schokolade verdrückte. „Jetzt, nach ein paar Jahren Rettungshundetraining, ist er tiefenentspannt“, sagt sie. „Jetzt frisst er nur noch die halbe Tafel Schokolade.“

Zum Rettungshund eignen sich die meisten Gebrauchshunde

Die Rettungshundestaffel Werra-Meißner ist ein Verein mit derzeit 28 aktiven Mitgliedern und 19 Flächensuchhunden. Derzeit werden sechs Hunde als Mantrailer ausgebildet, die zur Suche nach vermissten Menschen in Städten eingesetzt werden. Die Hundestaffel ist organisiert unter dem Bundesverband der Rettungshunde (BRH), den es seit 1976 gibt. Mit über 70 unter seinem Dach aktiven Rettungshundestaffeln ist der BRH der größte Dachverband in Deutschland auf dem Gebiet.

Für die Ausbildung zum Rettungshund eignet sich laut der Vereinsvorsitzenden Tatjana Biertümpfel fast jeder Hund. Wer Interesse an der Arbeit hat, kann sich gern an den Verein wenden, unter anderem über die Homepage rhs-werra-meissner.de. Für seine Trainingseinsätze sucht der Verein immer wieder neue, geeignete Areale wie zum Beispiel Firmengelände, welche am Wochenende nicht genutzt wird, aber auch andere Gebiete mit wenigstens 3000 Quadratmetern Fläche. salz

Von Stefanie Salzmann

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