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So funktioniert das neue Foodsharingangebot in Eschwege

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Ein bis zwei Portionen Obst sollten während der Strunz-Diät auch auf dem täglichen Plan stehen.
Teilen statt wegwerfen: Das ist die Idee von Foodsharing. © imago

Seit Oktober diesen Jahres bietet sich auch den Eschwegern die Möglichkeit des sogenannten Foodsharings. Wir haben mit den Initiatorinnen gesprochen.

Eschwege - Laut der Welthungerhilfe werden weltweit rund 17 Prozent aller Lebensmittel weggeworfen. Nach dem „Food Index Report 2021“ entspricht das schätzungsweise 931 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr. Damit sich diese Zahlen reduzieren wurde 2012 der Verein Foodsharing in Berlin gegründet. Eine gemeinschaftliche, nachhaltige und wertschätzende Initiative, die sich darum kümmert, dass Lebensmittel nicht unnötig weggeschmissen werden.

In der Evangelischen Familienbildungsstätte-Mehrgenerationenhaus in Eschwege steht nämlich ein „Fair“-Teiler. Dabei handelt es sich um einen Kühlschrank für überschüssige Lebensmittel. Wir haben mit Gudrun Lang (Leitung) und Birgit Elbracht (stellv. Leitung) der Familienbildungsstätte in Eschwege sowie mit der Botschafterin von Foodsharing, Dorte Kodron, gesprochen:

Dorte Kodron, Botschafterin von foodsharing.de freut sich sehr über einen „Fair“-Teiler in Eschwege.
Dorte Kodron, Botschafterin von foodsharing.de freut sich sehr über einen „Fair“-Teiler in Eschwege. © Felix Rockenkamm

Frau Kodron, was steckt hinter foodsharing.de?

Kodron: Foodsharing.de ist eine Organisation mit dem Ziel die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, das heißt, dass wir noch essbare Lebensmittel vor der Tonne retten wollen. Das kann beim Erzeuger, beim Händler oder eben im Privathaushalt sein. Gut zu wissen ist zum Beispiel, dass ein überschrittenes Mindesthaltbarkeitsdatum, eine runzelige Haut oder eine Beschädigung in der Verpackung noch lang kein Grund dafür sind, Lebensmittel zu entsorgen.

Wer kann bei foodsharing.de mitmachen?

Kodron: Bei foodsharing.de kann jeder mitmachen, egal ob Privatperson oder Unternehmen. Privatpersonen können jederzeit Lebensmittel, die sie nicht mehr verwenden in einen „Fairteiler“ bringen - meist ein Regal und/oder ein Kühlschrank - in der Nähe. Hier gilt die Devise: „Nichts an andere weitergeben, was man selbst nicht mehr essen würde.“ Zusätzlich können sie sich auf foodsharing.de registrieren und ein Quiz zum „Foodsaver“ machen und dann bei kooperierenden Unternehmen im Bezirk Lebensmittel retten. Unternehmen, die Lebensmittel abzugeben haben, können eine Mail an eschwege.bsa@foodsharing.network schreiben oder unter 0 56 51/ 9 91 99 78 anrufen.

Und im Prinzip macht auch jede Person mit, die Produkte mit nach Hause nimmt und diese verzehrt oder auch so zu planen, dass zuhause nichts weggeworfen wird, auch wenn wir diese nicht als Helfer zählen. Aber retten allein langt nicht, wenn nicht auch Menschen da sind, die die geretteten Lebensmittel dann auch verbrauchen.

Welche Lebensmittel dürfen denn abgegeben werden?

Kodron: Eigentlich darf alles abgegeben werden. Wenn ein Kühlschrank vorhanden ist, können sogar gekühlte Produkte überbracht werden. Darunter fallen beispielsweise Milchprodukte, Obst und Gemüse, aber auch Nudel, Reis sowie Backware. Nicht abgegeben werden sollten: belegte Brote, zubereitete Speisen, Hackfleisch, Fisch, unerhitzte Milchprodukte und Produkte aus rohem Ei.

Wie ist foodsharing.de im Werra-Meißner-Kreis aufgebaut?

Kodron: Foodsharing ist bundesweit in Bezirke eingeteilt. Im Bezirk Eschwege/Bad Sooden Allendorf sind wir ein kleines, aber stetig wachsendes Team mit unterschiedlichen Aufgaben. Es gibt ein Botschafterteam, das den Bezirk repräsentiert. Dann gibt es Betriebsverantwortliche und Foodsaver. Letztere retten Lebensmittel bei kooperierenden Betrieben, während Betriebsverantwortliche als Ansprechpartner für Betriebe dienen und auch nach Rücksprache neue Betriebe ansprechen dürfen.

Wie sieht die aktuelle Situation speziell im Werra-Meißner-Kreis aus?

Kodron: Wir freuen uns sehr, dass die Evangelische Familienbildungsstätte im Zentrum von Eschwege eine Abholstation eingerichtet hat. Daher sind wir aktuell auf der Suche nach weiteren Ehrenamtlichen: sowohl für die Abholungen, aber eben auch für die Pflege der neuen Abholstation. Umso mehr Helfende wir für die Bezirke Eschwege /BSA und für Witzenhausen haben, desto mehr Unternehmen können wir ansprechen. Der Einsatz bei uns ist frei einteilbar, das heißt, man verpflichtet sich nicht fest oder dazu immer und jederzeit abrufbar zu sein, sondern bestimmt selbst wie viel man sich einbringen will und kann, ob regelmäßiger oder sporadisch.

Gudrun Lang, Leitung FBS-MGH (links) und Birgit Elbracht, stellv. Leitung FBS-MGH sind froh über das neue Foodsharing-Angebot in Eschwege.
Gudrun Lang, Leitung FBS-MGH (links) und Birgit Elbracht, stellv. Leitung FBS-MGH sind froh über das neue Foodsharing-Angebot in Eschwege. © Felix Rockenkamm

Frau Lang und Frau Elbracht, wie kam denn die Zusammenarbeit zwischen der FBS und foodsharing zustande?

Lang: Wir als FBS-MGH wollen uns zum Thema Nachhaltigkeit immer weiterentwickeln und möchten schon länger den Menschen, die in die FBS kommen, gerettete Lebensmittel zur Verfügung stellen.

Elbracht: Der Kontakt kam ganz einfach zustande: Eine Kollegin von uns kannte das Foodsharing Angebot in Grebendorf und hat den Kontakt zu den Aktiven hergestellt.

Was fasziniert Sie an dem Konzept von foodsharing.de?

Lang: Durch das Foodsharing können wir als soziale Einrichtung einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass Lebensmittel, die eigentlich vernichtet würden noch verzehrt werden. Foodsharing rettet noch gute Lebensmittel vor dem Müll.

Was ist Ihre Motivation hinter dieser Zusammenarbeit?

Lang: Als soziale Einrichtung beschäftigen wir uns schon länger mit dem Thema Ressourcenknappheit und möchten die Welt nicht nur sozialer, sondern auch ökologisch etwas besser machen.

Elbracht: Für unsere Arbeit sind Kooperationen sehr sinnvoll. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir mehr, für die Menschen vor Ort, erreichen und bewegen können, wenn sich Institutionen und Vereine zusammenschließen.

Wer darf sich denn die Lebensmittel aus dem Fair-Teiler in der FBS holen?

Lang: Alle Menschen sind eingeladen in die Familienbildungsstätte zu kommen, um sich Lebensmittel aus der Kühltheke zu nehmen. Die Theke steht im Flur (Erdgeschoss) und ist frei zugänglich, sodass jeder sich einfach bedienen kann.

Wann können Lebensmittel abgeholt werden?

Elbracht: Die Lebensmittel können zu den Öffnungszeiten der FBS abgeholt werden. Dies ist in der Regel zwischen 8 und 17 Uhr. An vielen Tagen haben wir aber auch bis in die Abendstunden geöffnet.

Handelt es sich bei dem Angebot um ein Tauschgeschäft, also darf ich nur etwas nehmen, wenn ich auch im Gegenzug etwas dort lasse?

Lang: Nein, es ist kein reines Tauschgeschäft. Es können auch Lebensmittel weggenommen werden, ohne im Gegenzug Lebensmittel dort zu lassen. Zusätzlich ist das Angebot auch kostenlos. Die Lebensmittel können also einfach so aus dem Kühlschrank entnommen werden, ohne eine Gegenleistung zu erbringen.

Wie ist denn die bisherige Resonanz?

Elbracht: Die Reaktionen waren hier in Eschwege bisher sehr positiv. Bei uns gehen täglich sehr viele Menschen ein und aus, sodass die Lebensmittel schnell neue Abnehmer finden. Wir sind gerade aber noch in der Aufbauphase. Dazu benötigen wir noch dringend weitere Helfende, die bereit sind, Lebensmittel von Einkaufsmärkten abzuholen.

Lang: Je mehr wir bekommen, desto mehr können wir eben verteilen und den Menschen eine Freude machen, die weniger Geld für Lebensmittel aufbringen können oder denen, die einfach einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz leisten wollen.

Jetzt gibt es natürlich schon ein ähnliches Angebot von der Tafel. Sind foodsharing.de und die Tafel Konkurrenten?

Lang: Ganz klar Nein! Auf Bundesebene gibt es eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Bundesverband der Deutschen Tafeln und Foodsharing. Durch die Vernetzung beider Organisationen kommen alle dem gemeinsamen Ziel, Lebensmittelverschwendung zu stoppen, einen großen Schritt näher. Was auf Bundesebene beschlossen wurde, haben wir hier in Eschwege auch umgesetzt. Wir stehen in engem Austausch und in guter Kooperation zur Tafel.

Elbracht: Es gibt sowieso den Grundsatz, dass die Tafeln Vorrang haben. Ganz konkret heißt das, dass der erste Vorsitzende der Tafel Eschwege uns gesagt hat, in welchen Märkten die Tafel keine Lebensmittel abholt und wo wir Lebensmittel abholen können. Es ist auch schon vorgekommen, dass wir Produkte, die die Tafel zu viel hatte, erhielten und in der FBS ausgegeben haben.

Gibt es denn bisher schon Spenden aus regionalen Supermärkten?

Lang: Wir benötigen zuerst noch mehr ehrenamtliche Helfer und Helferinnen, die sich bereit erklären, Lebensmittel aus Märkten abzuholen. Erst wenn wir genügend Engagierte gefunden haben, werden wir auf Supermärkte zugehen.

Das Thema Nachhaltigkeit wird bei der Ev. Familienbildungsstätte großgeschrieben: Welche Angebote haben Sie denn zusätzlich noch?

Elbracht: Zum einen haben wir den Geschenketisch. Hier können gut erhaltene Gegenstände hingelegt und auch mitgenommen werden. So haben schon sehr viele Dinge neue Besitzer gefunden zum Beispiel Bilder, Dekoartikel, Bücher, Haushaltsgegenstände und manchmal auch ein Schmuckstück. Da sind die tollsten Sachen zu finden.

Lang: Dann haben wir noch das Angebot „Bunt gedeckt“. Es wird kein „Profigeschirr“ verliehen, sondern wir verleihen zusammen gewürfelte Teller, Tassen, Untertassen und Besteck für Feiern. Wir geben das Geschirr kostenlos weiter. Es muss nur bei der Rückgabe sauber sein.

Wenn ich jetzt interessiert bin, aber noch zögere. Wo bekomme ich mehr Infos her?

Kodron: Ganz allgemeine Infos gibt es unter foodsharing.de. Spezifisch zu dem Angebot hier vor Ort kann man bis Weihnachten immer mittwochs um 14 Uhr in der FBS bekommen. Da informiere ich und stehe Rede und Antwort. Zusätzlich gibt es ein Abendangebot am 13. Dezember um 19 Uhr, ebenfalls in der FBS. Wer da jeweils nicht kann, aber Infos möchte, kann sich in der FBS melden und seine Kontaktdaten hinterlegen. Ich melde mich dann. Und natürlich kann man sich jederzeit die Fairteiler ansehen.

Service: Adressen und Informationen findet unter foodsharing.de. (Felix Rockenkamm)

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