Logistik für Tüftler

So funktioniert der Umzug einer Zahnarztpraxis: Mehr als nur Kisten schleppen

Passgenau messen Sergej Friesen (links) und Nikolai Paul alles für den Einbau der Behandlungseinheit aus.
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Passgenau messen Sergej Friesen (links) und Nikolai Paul alles für den Einbau der Behandlungseinheit aus.

Wenn man in eine neue Wohnung zieht, ist das echte Plackerei: Da werden Stühle geschleppt, die Waschmaschine angeschlossen, Türen renoviert. Das ist beim Umzug einer Zahnarztpraxis ähnlich – doch ganz so einfach ist es nicht.

So erlebt das Team der Praxis „Hartung + Hartung“ seinen Umzug in Witzenhausen.

Die Baustelle

Sie haben armdicke Löcher gebohrt: Horst Schmidt (links) und Stefan Rühling von der Firma Niemeier zeigen Bohrkerne aus der Decke, durch die Leitungen ein Stockwerk höher in die Praxis verlegt werden. 

Anfang März ist es kaum zu glauben, dass zwei Stockwerke über der Sparkasse ab Dienstag, 2. Juni, Zähne gezogen und Karies bekämpft werden soll. Noch ist alles im Rohbau: Die Sparkassen-Mitarbeiter haben die Büros im ersten Stock geräumt, damit Handwerker wie Horst Schmidt und Stefan Rühling von der Firma Niemeier Leitungen für die Praxis durch die Decke nach oben verlegen können. Bohrkerne aus Beton stapeln sich auf dem Boden.

„Vor 35 Jahren habe ich als Lehrling beim Einbau der alten Zahnarztpraxis geholfen“, sagt Schmidt. Jetzt bereitet er den Umzug vor, der nötig wurde, weil die VR-Bank Mitte die alten Räume an der Wickfeldtstraße nun selbst braucht. Nach langem Suchen fanden Dr. Dieter Hartung und seine Tochter und Praxisnachfolgerin Jana Hartung die Räume an der Walburger Straße. Praxis und Sparkasse als Vermieter investieren je eine sechsstellige Summe in den Umbau, sagt Jana Hartung.

Durch die Löcher in der Decke schlängeln sich armdicke Stränge aus Strom- und Netzwerkkabeln nach oben – insgesamt werden 3,5 Kilometer Kabel verlegt. Zudem Wasserleitungen, Leitungen für die Druckluft- und die Absauganlage, deren Filter Amalgamreste aus dem Spülwasser fischen kann. Die Abluftleitung allein ist 100 Meter lang.

Die vier Behandlungszimmer sind nicht die einzigen Spezialräume der Zahnarztpraxis: Es gibt einen Raum zur Sterilisation der Geräte, einen „Maschinenraum“ für den Druckluft-Kompressor sowie für den Server für das Computersystem und das digitale Archiv. Es braucht Platz für die Waschmaschine mit Desinfektionsfunktion und für die neue CNC-Fräse für die Herstellung von Zahnkronen. Sie muss zudem stoßarm aufgestellt werden. Der Röntgenraum hat eine bleibeschichtete Spezialtür, um das Team vor der Strahlung zu schützen. 30 000 Euro kostet allein die Röntgen-Ausstattung – die alte musste nach 34 Jahren ersetzt werden. Auch für die neuen Behandlungsstühle werden jeweils 30 000 Euro fällig.

Der Umzug

Ende Mai sieht man schon, dass hier bald behandelt wird. Der Empfangstresen steht. Neue Möbel und die Ausstattung, die aus der alten Praxis übernommen wird, wurden gebracht.

Während des Besuchs messen Sergej Friesen und Nikolai Paul von der Firma Pluradent genau aus, wo die Behandlungseinheit namens „Anthos“ positioniert wird. Im Gegensatz zu den alten Praxisräumen soll so viel Platz sein, dass der Zahnarzt auch hinter dem Stuhl, „von 12 Uhr aus“, wie Dr. Dieter Hartung es nennt, arbeiten kann. Das sei ergonomisch besser, erklärt er. Außerdem habe der Arzt dann direkte Sicht auf den Unterkiefer.

120 statt 20 Sicherungen: Dr. Dieter Hartung am neuen Stromunterverteiler.

Der Hygienefußboden liegt und auch die Klimaanlage mit Virenfilter ist installiert. „Wir wollen während der Behandlung kein Fenster aufmachen“, erklärt Jana Hartung die Investition.

Eine Woche gibt sich das Team für den Umzug der Praxis für zwei Zahnärzte, 13 Mitarbeiterinnen und jede Menge Dentaltechnik. Den haben Hartungs koordiniert. Hier galt es zum Beispiel, die verschiedenen Firmen für Möbelbau, Technik und den Umzug an sich in Einklang zu bringen.

Los gingen die Bauarbeiten am 2. Januar. Mit besonderem Augenmerk auf Digitalisierung, erklären die beiden Zahnärzte. Zum Beispiel kann aus dem großen Behandlungszimmer bald eine OP live in den Sozial- und Vortragsraum übertragen werden. Die Technik hierfür nimmt Platz in Anspruch. Die IT-Leitung etwa, an der Christian Persch arbeitet, kann von zwei Händen nicht umschlossen werden. Hatte die Stromunterverteilung bisher 20 Sicherungen, so sind es nun 120.

Wie viel Zeit in der Logistik steckt, vermag Dr. Dieter Hartung nicht zu sagen. So habe er sich zum Beispiel nachts Gedanken darüber gemacht, eine zwei Meter langes Kabel-Gebinde in die Rezeption einzuarbeiten. Denn: „Wenn sie steht, dann steht sie.“ Ein bisschen hat auch die aktuelle Corona-Pandemie bei der Planung mitgeholfen. Es blieb mehr Zeit für die Planung. „Ein sehr kreativer Prozess, der Spaß macht“, wie der Seniorchef es beschreibt.

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