Hinter den Kulissen auf dem Bauernhof

So geht‘s hinter den Kulissen eines Hühnermobils ab

Steht in der Rangordnung noch über dem Hahn: Landwirt Ramon Menthe (25) aus Grebendorf inmitten einer seiner beiden Hühnerherden. Insgesamt hat er 800 Legehennen in zwei mobilen Hühnerställen.
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Steht in der Rangordnung noch über dem Hahn: Landwirt Ramon Menthe (25) aus Grebendorf inmitten einer seiner beiden Hühnerherden. Insgesamt hat er 800 Legehennen in zwei mobilen Hühnerställen.

Es gibt Orte in unserer Umgebung, da kommt man als Normalsterblicher nicht hin. Umso interessanter sind sie. In unserer Serie „Hinter den Kulissen“ stellen wir diese Orte vor.

Grebendorf – Bevor Ramon Menthe in seinem mobilen Hühnerstall die Stahltür, die vom Vorraum in den eigentlich Wohn-Stall seiner 450 Hennen öffnet, klopft er vorsichtig an. „Das ist wichtig“, sagt er, „die Damen sind sehr schreckhaft.“ Dabei grinst der 25-jährige Landwirt zwar, meint es aber ernst.

Mit derselben Zugewandtheit verwendet Ramon Menthe jeden Tag viel Zeit darauf, zu schauen, wie es in seiner Hühnerherde gerade gesundheitlich und sozial läuft und ob es allen gut geht. Dafür schnappt er sich täglich 15 bis 20 seiner Hennen, um Gefieder, Kamm, Füße, Mageninhalt und Kloake zu inspizieren – dort lassen sich Indizien finden für Krankheiten oder gesellschaftliche Probleme in der streng hierarchischen Hühnergemeinde. Das Huhn, das er gerade im Arm hält, hat glänzendes Gefieder, einen niedlichen, puscheligen Po, roten Kamm und weiche Füße – alles gut. „Meine Hühner sind eben glückliche Hühner.“

Ein Tag im Hühnermobil muss Struktur haben

Und das obwohl, oder gerade deshalb, das Hühnerleben im mobilen Hühnerstall auf die Minute durchstrukturiert ist. Damit die Hennen, die ja eigentlich Waldbewohner sind, ganzjährig Eier legen, brauchen sie 16 Stunden Licht am Tag. Deshalb gehen im mobilen Hühnerstall morgens um vier die Lampen an – LEDs, die Tageslicht simulieren. „Es darf nicht flackern, das stresst die Tiere“, erklärt Ramon Menthe.

Hennen im Hühnermobil legen jeden Tag ein Ei

Dann fahren sich automatisch die Legenester (sogenannte Abrollnester), die mit Teppich und Vorhang ausgestattet sind, runter und die Damen können einsteigen, um das wichtigste Geschäft des Tages zu erledigen: ein Ei legen. Die ranghöchsten Hennen dürfen zuerst, die anderen stellen sich brav an und warten, bis das nächste Nest wieder frei wird. „Jedes Huhn braucht so seine Zeit“, sagt Ramon Menthe.

Die Eier des Tages werden über ein Förderband antransportiert und müssen eingesammelt werden.

Der kleine Vorhang vorm Nesteingang sorgt nicht nur für wohlige Dunkelheit, die Hühner mögen, sondern verhindert auch, dass sie sich an dem Ei noch zu schaffen machen. Denn das rollt auf der leicht abschüssigen Fläche hinter den Vorhang auf ein weiches Förderband. Das setzt Ramon Menthe dann abends in Gang und lässt sich die Eier in den Vorraum liefern, wo er sie gemütlich einsammeln kann.

Scharren und Picken ist elementare Beschäftigung für Hühner

Ist das Morgengeschäft erledigt – irgendwann am Vormittag haben es die meisten geschafft – öffnet sich die Klappe nach draußen, wo die 450 Hennen sich auf großzügigem Wiesenland tummeln können. Hier scharren, picken und baden sie im Staub. Das Staubbad, das im Moment aus trockener Erde unter dem Wagen besteht, braucht es für die Gefiederpflege.

Das Scharren und Picken ist elementarer Teil der Beschäftigung, ohne die Hühner psychische Probleme bekommen. Und hier geht es nicht um Kleinkram. „Ein Huhn macht am Tag zwischen 12 000 und 15 000 Picks“, weiß der Landwirt. Deshalb gibt es auch zusätzlich zum normalen Futter Kartoffeln, Rüben und Steinchen, damit keine Langeweile aufkommt. Die haben übrigens auch die paar Hähne der Herde nicht – auf jeden kommen traumhafte 50 Hennen. Dafür dürfen sie Chef und Wohltäter zugleich sein. „Manche Hähne warten abends so lange draußen, bis auch die letzte Dame in den Stall gegangen ist“, erzählt Ramon Menthe. Alle zwei bis drei Wochen wird der mobile Hühnerstall an einen Schlepper gehängt und umgesetzt – das Gras soll ja immer schön frisch sein. Ob die Hühner rausgehen oder nicht, entscheiden sie selbst.

Für Getränke ist ganztägig gesorgt

Die tägliche Versorgung der Herde ist vollautomatisch organisiert. Siebenmal am Tag setzt sich eine Futterschnecke in Bewegung, in der eine Art Mehl – bestehend aus verschiedenen grob geschroteten Getreidesorten – gereicht wird. Für Getränke ist ganztägig gesorgt, die Bar immer geöffnet. Am Gestänge baumeln eine Vielzahl kleiner roter Näpfchen, die stets mit frischen Wasser gefüllt sind. Nebenbei wird gegackert.

Die Bar ist ganztägig geöffnet: Hier wird nicht nur viel getrunken, sondern auch ausgiebig gegackert und Klatsch und Tratsch ausgetauscht.

Befüllt werden die Trinkgefäße über zwei integrierte Tanks mit einem Fassungsvermögen von 650 Litern. So wie die Wasser- und Futterversorgung funktioniert der gesamte Hühnerstall nicht nur automatisch, sondern auch autark – der Strom für Licht und Geräte stammt aus einer Fotovoltaikanlage auf dem Dach des fahrbaren Hühnerhauses.

Sauberkeit muss sein: Im Hühnermobil stinkt es nicht beißend

Den lieben langen Tag sind die Hühner entweder drinnen oder draußen. Manche wollen nie raus, andere trauen sich nicht rein, weil auch hier gibt’s das eine oder andere Mobbingopfer. Im Inneren des Wagens spazieren sie auf dem mit Strohpellets ausgelegten Boden rum oder auf den Gittern, unter denen sich auch die Schalen für den Kot befinden. „Die Hühner kacken beim Fressen“, sagt Ramon Menthe. Der Kot wird über ein Fließband auf einen Trecker befördert und abgefahren. „Deshalb stinkt es im Stall auch nicht beißend nach Ammoniak, so wie früher bei Omas Hühnern.“

Nachts zurück in den Stall

Wenn es draußen dunkel wird, kommen die meisten Hennen von selbst ins Haus. In dem wird das Licht von unten nach oben stufenweise abgeschaltet, damit die Hühner sich auf die in Augenhöhe angebrachten Sitzstangen zum Schlafen begeben. Das müssen sie lernen und das hält den Landwirt bei Neuzugängen anfänglich ganz schön in Atem. „Das dauert schon ein paar Stunden, wenn man mehrere Hundert Hühner abends auf die Stange setzen muss“, sagt er.

Rein oder raus: Die Hühner können entscheiden.

Nach zirka eineinhalb Jahren neigt sich auch das schönste Hühnerleben seinem Ende zu und wird zu einem Suppenhuhn. (Stefanie Salzmann)

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