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So hart ist der Job als Altenpflegerin wirklich

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Von: Jessica Sippel

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Eine Pflegekraft hält in einem Seniorenheim die Hand einer Bewohnerin.
Eine Pflegekraft hält in einem Seniorenheim die Hand einer Bewohnerin: Jobs in der Altenpflege sind körperlich sehr anstregenden - diesem Druck hält nicht der stand. © Daniel Reinhard/dpa

Es ist ein Klischee, dass Pflegekräfte nur fürs Waschen und Anziehen zuständig sind. Hier berichtet eine Pflegekraft darüber, wie hart der Job wirklich ist.

Der Beruf ist vielfältiger, als viele glauben, sagt Pflegefachkraft Inge Schneider (Name geändert) aus dem Werra-Meißner-Kreis. Sie hat 20 Jahre Berufserfahrung und erklärt, welche Anforderungen die Altenpflege verlangt und warum die Arbeit so wertvoll ist:

„Ich wusste vor der Ausbildung nicht, ob ich so körpernah arbeiten kann und wie ich mit den Menschen umgehen soll. Ich hatte keine Erfahrungen in der Pflege. Bei meinem ersten Bewohner während eines Praktikums habe ich aber gemerkt: Dieser Mensch braucht Hilfe und ich bin da, um zu helfen. Da macht man sich keine Gedanken mehr, man macht es einfach. Diese Freude am Helfen hat mich beeindruckt. Jemanden mit Einfühlungsvermögen zu versorgen, das hat mich immer sehr erfüllt. Die Dankbarkeit der Menschen gibt viel zurück. Es geht um mehr als die Menschen satt und sauber zu halten. Kommunikation ist wichtig und wir beschäftigen uns detailliert mit der Biografie einer Person. Für den engen Umgang ist wichtig zu wissen, was jemandem früher Freude machte, was ihn heute interessiert und ob es Krankheiten oder traumatische Erlebnisse gab. Es geht darum, wie ein Mensch gelebt hat und was ich jetzt noch Gutes für ihn tun kann, damit er sich wohlfühlt und seine Angehörigen zufrieden sind. Dazu gehört eine individuelle Pflegeplanung, in der die Biografie berücksichtigt wird.

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Altenpflege: Beruf ist körperlich belastend

Der Beruf ist körperlich belastend und man braucht psychische Stabilität mit viel Feingefühl. Wir müssen mit dem Tod und Schicksalen umgehen. Versteht man das Krankheitsbild, dann nimmt man nicht so viel mit nach Hause, eher im Gegenteil: Wenn ich weiß, ich habe alles getan, was ich kann, damit der Mensch zufrieden ist, dann bin auch ich zufrieden.

Mir wird immer in Erinnerung bleiben, wie ich eine jüngere Frau verabschiedet habe, die einen Hirntumor hatte. Sie wusste, dass sie sterben würde, und hat um meine Unterstützung gebeten. Ich saß an ihrem Bett, hielt ihre Hand und habe ihre letzten Atemzüge begleitet. Das war sehr schwer zu verarbeiten, aber es war ein gutes Gefühl, für die Frau bis zum Schluss da zu sein.

Der Druck, allem gerecht zu werden, ist hoch: Man muss organisiert, qualitativ und schnell arbeiten, aber der Bewohner soll nicht das Gefühl haben, abgearbeitet zu werden. Kommunikation, Augenkontakt, zuhören und auf die Bedürfnisse achten ist wichtig – heutzutage aber nicht so einfach. Viele stehen unter Druck, weil man alle Pflegemaßnahmen ausführlich dokumentieren muss. Zeitmangel gab es zwar schon immer, aber früher hat die Dokumentation nicht so viel Zeit beansprucht. Diese Nachweispflicht ist auch zu unserem Schutz, aber die Zeit fehlt dann beim Menschen. Pfleger stehen deshalb oft im inneren Konflikt. Die Bewohner merken das und wollen oft nicht stören, obwohl sie Hilfe bräuchten.

Job in der Altenpflege: Schon drei Wochen durchgearbeitet

Der Zeitmangel wird durch Krankheitsausfälle verstärkt. Mitarbeiter können das fehlende Personal oft nicht ersetzen, arbeiten dafür schneller oder springen an freien Tagen ein. Das ist ein Teufelskreis, weil durch die Überlastung wieder welche krank werden. Ich habe schon mal drei Wochen lang durchgearbeitet. Darunter litt auch mein Sohn.

Dann kommt in vielen Einrichtungen die schlechte Bezahlung dazu. Es gibt Schichtarbeit, Wochenenddienste und die Arbeit an Feiertagen. Bei uns wird mittlerweile zwar gut bezahlt, aber trotzdem haben wir ein Nachwuchsproblem. Ich denke, das Hauptproblem ist, dass sich die Gesellschaft verändert hat, vielen sind vielleicht die Anforderungen zu hoch. Eine bessere Bezahlung kann bestimmt einiges bewirken, aber sie ist nicht unbedingt der Hauptgrund. Ich kenne viele Mütter, die in der Pflege arbeiten würden, wenn auch die Kinderbetreuung sichergestellt wäre, das ist aber durch die Arbeitszeiten schwierig. Gut wäre ein Betreuungsangebot von Mitarbeiter-Kindern direkt in den Einrichtungen.“

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