Jagdschein beim Jagdverein Hubertus Eschwege

Mit allen Höhen und Tiefen: So lief die Jägerausbildung des Jahrgangs 2021

Zweimal wöchentlich am Abend heißt es nun für drei Stunden Unterricht in verschiedenen Sachgebieten die Schulbank drücken: Wildbiologie, Jagdbetrieb, Wildbrethygiene, Jagd- und Waffenrecht, Waffenkunde, Waldbau und Naturschutz, Jagdhunde.
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Zweimal wöchentlich am Abend heißt es nun für drei Stunden Unterricht in verschiedenen Sachgebieten die Schulbank drücken: Wildbiologie, Jagdbetrieb, Wildbrethygiene, Jagd- und Waffenrecht, Waffenkunde, Waldbau und Naturschutz, Jagdhunde.

Die Jägerausbildung wird beim Jagdverein Hubertus Eschwege stark nachgefragt. Ein Rückblick auf den Jahrgang von 2021 mit allen Höhen und Tiefen.

Eschwege – Ein Fass Bier auszugeben verspricht der Jagdvereinsvorsitzende Rainer Stelzner den 14 Teilnehmern des Jungjägerlehrgangs, wenn alle die Prüfung bestehen. Zehn Männer und vier Frauen kichern am ersten Abend des Kurses noch entspannt darüber, Stelzner kichert auch. Elf Monate später hatte die Truppe auch weiterhin viel gelacht, aber ebenso viel geschwitzt, gebüffelt und gezittert. Zum Leidwesen der Teilnehmer musste Präsident Stelzner kein Fass Bier ausgeben – nicht alle hatten die Prüfungen bestanden.

Schon ein Blick in die umfangreiche Begleitlektüre der Jungjägerausbildung lässt ahnen, dass hier nichts einfach mal so nebenbei zu machen ist. „Wer hier durchfällt, der hat nicht in die Bücher geguckt“, sagt Stelzner.

Jagdschein in Eschwege: Erstmal im Revier unterwegs

Dennoch ist der Start in die auf ein Jahr angelegte Ausbildung rustikal und bestärkend in der Entscheidung. Hermann Müller, seit 40 Jahren Förster und Jäger und seit vielen Jahren Ausbildungsleiter bei Hubertus Eschwege, lädt zu einem Reviergang in seinen Wald bei Wanfried ein. Bei brütender Hitze und erbärmlicher Schwüle leitet er die Truppe durch den Wald – eher Meter für Meter als auf Strecke. Erzählt über Tiere und Pflanzen, darüber, dass man Sehen lernen muss wie ein Indianer, um die Spuren und Zeichen im Wald zu deuten. Er führt die Neulinge zu verborgenen Dachsbauten, den Malbäumen der Wildschweine und den Salzlecken. Dort brennt sich auch der erste Fakt unauslöschlich in das Gehirn aller Jungjäger ein: „Auch die Ringeltaube nimmt Salzlecken an.“ Dieses Wissen wird zum Running Gag des Kurses.

Sieht aus wie echt, ist auch echt: der Hochsitz, den die Auszubildenden unter Anleitung gebaut haben.

An einem weiteren Samstag – noch ist Spätsommer – steht der Bau eines Hochsitzes auf dem Programm. Hoch oben im Wald liegen Nadelholzstämme, aus denen im Verlauf der nächsten Stunden mit vielen Händen manche handwerklich erfahren, andere eher ungeschickt – tatsächlich ein Hochsitz entsteht. Den dürfen die Jagdazubis dann einen extrem steilen Hang und über wildes Gestrüpp und Altholz an Ort und Stelle schleppen, wobei sich die Gespräche dann auffallend um kaputte Knie und kranke Rücken drehen. Doch als die Konstruktion tatsächlich steht, nicht wackelt und professionell aussieht, sind alle unendlich stolz auf das Werk.

Wer den Jagdschein bestehen will, muss die Schulbank drücken

Und damit ist die schöne Zeit in freier Natur auch erst mal zu Ende. Zweimal wöchentlich am Abend heißt es nun für drei Stunden Unterricht in verschiedenen Sachgebieten die Schulbank drücken: Wildbiologie, Jagdbetrieb, Wildbrethygiene, Jagd- und Waffenrecht, Waffenkunde, Waldbau und Naturschutz, Jagdhunde.

Der Teil mit den Tieren, wie sie leben, ihre Jungen aufziehen, was sie fressen, welche Gewohnheiten sie haben, wie ihr Alter und Geschlecht zu bestimmen sind, ist viel Stoff, aber faszinierend und scheint irgendwie machbar.

Um welchen Baum handelt es sich, ist die Frage, die sich die Jungjäger bei einem Reviergang stellen.

Um die 15 Entenarten auswendig zu lernen, werden die verrücktesten Eselsbrücken erfunden – was mit Chinesen, was mit „Ich pfeif mir was“ und so weiter. Die Beschäftigung mit Pflanzen gestaltet sich je nach persönlichem Hintergrund sehr unterschiedlich und so mancher stöhnt: „Ich will doch Jäger und nicht Gärtner werden.“ Hilft nichts, gehört dazu – immerhin handelt es sich hier um Lebensraum und Nahrung des Wildes.

Alles, was sich um das Thema Recht dreht, ist spannend, aber weiß Gott nicht jedermanns Sache – muss man durch und es ist essenziell, hier gut Bescheid zu wissen.

Richtig anstrengend und scheinbar nicht zu bewältigen ist die Waffentechnik. Kaliber, Geschossarten, Büchsen, Flinten, Pistolen, Revolver, Verschlüsse, Sicherungssysteme, Abzüge, Ballistik, Beschusszeichen, Optik.... (nur ein kleiner Ausschnitt).

Beim Lernen für den Jagdschein wird man in Eschwege durch eine App unterstützt

Der Unterrichtsstoff ist dicht und bedarf eigentlich täglicher Nacharbeit. Schafft kaum einer, denn alle sind berufstätig, viele haben Kinder und Familie. Doch schon im Hinblick auf die erste der drei Prüfungen, nämlich die schriftliche, haben sich alle entsprechende Lern-Apps auf ihre Smartphones geladen. Um die 5000 Fragen aus den Sachgebieten muss man in sein Gehirn bekommen. Ob man beim Zahnarzt wartet oder auf den Bus, in der Mittagspause, abends im Bett – in jeder freien Minute wird via App gelernt, bei Unklarheiten telefoniert, diskutiert und Erfolgserlebnisse aus der Prüfungssimulation geteilt. Bis etwa Weihnachten besteht keiner, dann gibts die ersten, die es schon öfter mal schaffen.

Zum Bestehen des Jagdscheins zählt auch das Schießen

Parallel zu den beiden Abendterminen hat im Spätherbst die Schießausbildung begonnen. Das erste Mal eine scharfe Waffe nur anzufassen, kostet Überwindung und spannt die Nerven an. Nur wenige haben als Sportschützen damit Erfahrung. Als es das erste Mal knallt, ist das tief beeindruckend.

Konzentration ist fast alles: Unter Aufsicht des Ausbilders wird das jagdliche Schießen mit der Landwaffe trainiert.

Das jagdliche Schießen mit der Langwaffe auf dem Schießstand beginnt verheißungsvoll, die Ergebnisse lassen sich sehen, man trifft den Rehbock aus dem Stand, den Keiler vom Hochsitz und den laufenden Keiler auch manchmal. Coronabedingt folgt eine lange Pause von mehreren Monaten, und danach geht das Schießen mal ganz gut und mal gar nicht. Ein Prozess, der sich trotz vieler Sondertermine und privater Übungsstunden erbarmungslos bis zum Ende der Ausbildung hinziehen wird.

Am Ende stehen die Prüfungen an

Als im Frühjahr die Prüfungen vor der Tür stehen, fühlen sich alle wie der alte Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Die Köpfe sind nach der irrsinnigen Lernerei voll mit einem riesigen Berg an Wissen und doch ist klar, dass es tausend Einzelheiten und Fragen geben könnte, die man nicht beantworten kann. Durch die schriftliche Prüfung mit 100 Fragen, bei der in jedem Fachgebiet mindestens 20 Antworten richtig sein müssen, schaffen es fast alle – danach folgt gemeinsames Betrinken.

Zwei Wochen später die Schießprüfung, die für den einen oder anderen zum mehrtägigen Nervenkrieg wird und so manche Krone wackeln lässt – danach wieder gemeinsames Feiern. Zuletzt mündlich-praktisch. Kurz vor der Abfahrt zum Prüfungsort schnell noch mal nachlesen, wie der Dachs lebt. Im Waldheim auf dem Hohen Meißner milde und strenge Prüfer, die einem Löcher in den Bauch fragen, Fallen ebenso stellen wie sie Hilfestellungen geben. Es gibt praktisch kein Rausreden – entweder man weiß es oder man weiß es nicht.

Als auch diese letzte Prüfung Mitte Juni vorbei ist, beinahe alle aus dem Kurs ihr frisch geschriebenes Prüfungszeugnis in der Hand halten, wird erst recht gefeiert – und dann noch mal, und dann noch mal.

Die eigentliche Ausbildung zum Jäger beginnt nach der Prüfung

Immerhin liegt hinter allen ein aufregendes, anstrengendes und außergewöhnliches Jahr. Neue Freundschaften sind entstanden, einige bleiben in Verbindung, man vereinbart weiterhin Treffen, die mit zunehmender Zeit immer seltener werden. Viele gehen inzwischen regelmäßig auf die Jagd und damit wird klarer denn je: Die eigentliche Ausbildung zum Jäger beginnt nach der Prüfung. (Stefanie Salzmann)

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