Hartz IV für den Lebensunterhalt

Soforthilfe deckt nur Kosten: Schausteller leiden unter der Corona-Pandemie

Schaustellerin Manuela Tober aus Oberhone mit ihrer Tochter Lilli.
+
Manuela Tober (40) mit Tochter Lilli (7): Wohnwagen und Karussell-Fahrchips blieben in den vergangenen Monaten ungenutzt.

Keine Kirmes, kein Erntefest, kein Flohmarkt – die Schausteller im Werra-Meißner-Kreis haben in diesem Jahr coronabedingt bisher keinen einzigen Cent eingenommen.

Werra-Meißner – Da Großveranstaltungen zunächst bis Ende August abgesagt waren, hätten sie auf den Herbst gehofft. „Jetzt steht auch noch der Weihnachtsmarkt in Rotenburg in den Sternen“, sagt Willy Zmarzly. Für den 70-jährigen Schausteller, der auf der Kirmes in Datterode geboren wurde, ist sein Beruf nicht nur Herzenssache, sondern auch seine Lebensaufgabe, wie er sagt. Seine Großeltern waren Schausteller, seine Eltern waren Schausteller und auch er ist von klein auf „mit den ersten Sonnenstrahlen draußen“, sagt der Sontraer. „Ich brauche die Begegnung mit Menschen und habe auf den Kirmessen viele Freunde gefunden.“ Der coronabedingte Totalausfall ist für ihn und seine Frau Monika daher nicht nur finanziell eine Katastrophe, sondern auch mental schwer hinzunehmen.

„Es ist schlimm, wenn man das, was man sein ganzes Leben lang macht, plötzlich ein Jahr lang nicht machen kann“, sagt auch Manuela Tober. Die 40-Jährige, die aus einer traditionsreichen Schaustellerfamilie aus dem Eschweger Ortsteil Oberhone stammt und ebenfalls seit ihrer Geburt auf Reisen ist, vermisst den Kontakt zu den Menschen sehr. „Das ist die erste Saison, die wir nicht im Wohnwagen sind. Das zerrt ganz schlimm an den Nerven.“ Es mache sich richtig Unzufriedenheit bei ihr breit.

Willy Zmarzly

Sie seien es nicht gewöhnt, um Geld bitten zu müssen. „Das erarbeiten wir uns lieber selbst“, sagt Tober, die durch die aktuelle Situation dazu gezwungen war, Soforthilfe zu beantragen. Auch Zmarzly hat die Unterstützung vom Staat in Anspruch genommen. Allerdings gibt es dabei einen Haken: Die Soforthilfe ist nur für entstandene Kosten gedacht. „Wenn ich aber nicht rausfahre, habe ich kaum Kosten“, sagt Zmarzly. Der gelernte Kfz-Mechaniker erhält zwar eine kleine Rente, da er im Winter immer gearbeitet hat, die reiche aber nicht zum Leben. Um den Lebensunterhalt zu bestreiten, bleibt den Schaustellern nur noch Hartz IV.

Schausteller müssen nun Waren entsorgen

Werden die Weihnachtsmärkte in Bad Sooden-Allendorf und Rotenburg wegen Corona auch noch abgesagt, ist das finanziell eine Katastrophe für Manuela Tober. „Unser Jahr ist ja dann auch noch nicht zu Ende. Das geht bis April/Mai, weil erst dann wieder die Veranstaltungen beginnen und Geld in die Kasse kommt“, erklärt die Schaustellerin. Derzeit erarbeitet sie ein Hygienekonzept für Kinderkarussell und Baguettestand für den Rotenburger Markt, „in der Hoffnung, dass wir arbeiten dürfen“.

Von der staatlichen Soforthilfe, die sie im Frühjahr erhalten hat und auch jetzt noch einmal beantragen kann, darf die 40-Jährige nur laufende Kosten wie Versicherung, Kfz-Steuer, TÜV, Telefon oder die Reparatur eines kaputten, betrieblich genutzten Autos decken. Denn die Fahrzeuge müssen alle angemeldet bleiben, da sie sonst bei einem Schaden durch Unwetter nicht versichert wären. Und auch der Wohnwagen, mit dem die Schaustellerfamilie von Veranstaltung zu Veranstaltung reist, muss weiterhin zum TÜV und zur Sicherheitsprüfung, da sonst die Garantie verfällt. „Auch den Fahrgeschäften geht es nicht besser, wenn sie nicht aufgebaut werden“, sagt Tober, die 60 bis 80 Kilometer im Umkreis von Eschwege zu Veranstaltungen fährt. So würden sich beim Kinderkarussell, das aufgeklappt werde, beispielsweise die Scharniere festsetzen. „Wir hoffen, dass der Platz ausreicht und wir es demnächst auf unserem Hof aufbauen und warten können.“ Die Geschäfte stünden nun schon ein Jahr unbewegt. „Als wir sie im Herbst reingefahren haben, hat ja keiner mit der Katastrophe im Frühjahr gerechnet.“

Da die Tobers auch Stände mit Süßwaren, Crêpes, Käse und Brezeln, Popcorn, Zuckerwatte, Flammkuchen und Baguettes haben, sei jetzt natürlich auch viel Ware übrig, die sie komplett entsorgen müssten. „Und nächstes Jahr stehst du im Frühjahr da und musst das Geschäft aufmachen und weißt nicht wovon, weil das Lager leer ist.“

Auch Kuscheltiere seien Saisonartikel und meist auf aktuelle Kinofilme abgestimmt. „Die Leute dürfen entscheiden, ob sie in den Urlaub fliegen, aber nicht, ob sie auf den Jahrmarkt gehen“, kritisiert Tober, die es unfair findet, dass Freizeit- und Tierparks im Gegenzug aufmachen dürfen.

Weihnachtszeit ist Hauptsaison für Kerzentunker

Auch Werner Schmidt aus Fürstenhagen leidet darunter, dass wegen Corona nach der Herbstausstellung in Kassel nun auch viele Weihnachtsmärkte abgesagt werden. Denn Weihnachtszeit ist Kerzenzeit und somit die Hauptsaison für Schmidt, der seit 28 Jahren von Hand getunkte und von Hand gegossene Kerzen verkauft. An den drei Adventswochenenden stehen Schmidt und seine Frau normalerweise auf sechs bis sieben Märkten, Personal hat der kleine Familienbetrieb nicht.

Auch im Geschäft und im Onlineshop seien die Verkäufe rückläufig. „Goldene Hochzeiten, Konfirmationen – es feiert ja kaum einer.“ Die Soforthilfe im Mai habe er innerhalb einer Woche bekommen, für den Folgezuschuss müssten seine Einbußen mindestens 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr betragen. „Da liegen wir knapp drüber“, sagt Schmidt, für den es nun „dünn“ werde. Hartz IV möchte er aber ungern beantragen. (Von Gudrun Skupio)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.