Neue Ausstellung im Museum Wichmannshausen

Heimatforscher haben das Leben einer Bäuerin wie ein Puzzle zusammengesetzt

Gehörte zu ihrem Nachlass: Laut Testament hat Eva Elisabeth Kratzenberg u.a. ein Bett, Bettwäsche, zwei Röcke, zwei Blusen und ein warmes Umschlagtuch hinterlassen.
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Gehörte zu ihrem Nachlass: Laut Testament hat Eva Elisabeth Kratzenberg u.a. ein Bett, Bettwäsche, zwei Röcke, zwei Blusen und ein warmes Umschlagtuch hinterlassen.

Im Museum im Alten Boyneburger Schloss in Wichmannshausen gibt es einen neuen Hingucker. Das Kratzenberg-Zimmer wurde anhand eines Testaments rekonstruiert.

Wichmannshausen – Die Recherchearbeit entwickelte sich wie ein Krimi. Puzzleteil für Puzzleteil setzten Sabine Köttelwesch, Karl Kollmann und Rainer Meyfahrt das Leben von Eva Elisabeth Kratzenberg zusammen, bis sie es von der Geburt bis zu ihrem Tod rekonstruiert hatten. Anhand ihrer Aufzeichnungen erstellten sie im Museum im Alten Boyneburger Schloss in Wichmannshausen nach ihren Erkenntnissen ein Zimmer zusammen, wie eine Bauersfrau früher gelebt hat. Angefangen hatte alles aber mit einem Testament.

Die Heimatforscher: (von links) Rainer Meyfahrt, Sabine Köttelwesch und Karl Kollmann stellen die Broschüre zum Kratzenberg-Zimmer vor.

Ihren letzten Willen hatte Eva Elisabeth 1786, zwanzig Jahre vor ihrem Tod aufgesetzt. Wie wenig die Frau aus dem bäuerlichen Milieu besaß, kann man sich heute kaum noch vorstellen: jeweils einen Rock für den Winter und einen für den Sommer, zwei bis drei Hauben, ein warmes Umschlagtuch, zwei Blusen und zwei Paar Strümpfe sowie Handschuhe. Dazu gehörten ihre einige Töpfe und der Herd, Betten und Bezüge. Nicht fehlen durften eine Bibel und ein Gesangbuch.

Ihr größter Schatz, so schätzen es Köttelwesch, Kollmann und Meyfahrt ein, war aber ihr Spinnrad. „Damit konnte sie sich etwas dazuverdienen. Außerdem waren die Spinnstuben im Winter ein beliebter Treffpunkt, wo die neuesten Nachrichten ausgetauscht und Verbindungen geknüpft wurden“, sagen die drei Heimatforscher. Außerdem wurde gesungen, vor allem war es warm.

Doch wie sind Sabine Köttelwesch, Karl Kollmann und Rainer Meyfahrt an dieses Testament gekommen? Über Umwege. Kratzenbergs Testament wurde erst im Spangenberger Museum aufbewahrt und dann vom Museumsleiter nach Bischhausen gegeben. Nach dem Abbruch des Museumsgebäudes gelangte es in das neu gegründete Wichmannshäuser Museum. Hier haben die drei Heimatforscher Kratzenbergs Leben rekonstruiert.

Eva Elisabeth wurde am 22. Mai 1731 zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Johann in Küchen als Kind von Johannes Götze getauft. Ihr Vater war Leinweber und Tagelöhne und hatte mit seiner Frau Martha, geborene Lückhardt aus Abterode bereits vier Kinder, als nach über 20 Jahren Ehe nochmals die Zwillinge geboren wurden. Die beiden wurden 1745 in Küchen konfirmiert, Eva ließ 13 Jahre später ein uneheliches Kind taufen, zu dem ihr Bruder Pate wurde Vermutlich, so die Recherchen der drei Heimatforscher, ist das Kind bald wieder verstorben. 1761 heiratete Eva in Vockerode-Dinkelberg.

Die Welt der Eva Elisabeth Kratzenberg

Ihr Mann war der wesentlich ältere Witwer Justus Kratzenberg, der etwa 1708 geboren wurde und dessen erste Ehefrau 1760 verstarb. Deren gemeinsame Tochter Catharina war vermutlich sogar einige Wochen älter, als die zweite Frau ihres Vaters.

Unmittelbar nach der Hochzeit bekamen Justus und Eva eine Tochter, die ebenfalls Eva Elisabeth hieß.. Von Dinkelberg zog die Familie 1765 nach Elbersdorf. 1775 wurde die Tochter konfirmiert, 1777 starb Justus im Alter von etwa 69 Jahren. Nur zwei Jahre später starb auch die Tochter. Sie wurde gerade einmal 17 Jahre und zwei Monate alt.

Die Witwe Eva Elisabeth lebte nun allein in dem Haus, das bald verkauft wurde. Vermutlich wurde ihr ein Wohnrecht eingeräumt. Am 28. September 1808 war auch ihr leben zu Ende. Eva Elisabeth Kratzenberg geborene Götze wurde 75 Jahre und vier Monate alt.

Sabine Köttelwesch, Karl Kollmann und Rainer Meyfahrt haben in Kirchenbüchern , in Dorfchroniken und Katasterbüchern geforscht. „Stück für Stück nahm der Mensch Eva Elisabeth Kratzenberg Gestalt an“, sagen sie. Entstanden ist die Broschüre „Eva Elisabeth Kratzenberg - Lebensspuren einer Bäuerin“ und eben das Kratzenberg-Zimmer im Wichmannshäuser Museum. Dort ist zu sehen, mit welchen Geräten sie gearbeitet hat, welche Kleider sie getragen hat und wie ihr Haus ausgesehen haben könnte, wie Axel Blum vom Wichmannshäuser Museum berichtet.

Einer der Ausstellungsräume im Museum Wichmannshausen : Die Schuster-Werkstatt von anno dunnemals.

Bäuerliches Leben auf rund 300 Quadratmetern

Im alten bruchsteingemauerten Haus am alten Boyneburger Schloss wird in zwei Stockwerken auf rund 300 Quadratmetern das bäuerliche Leben in früheren Zeiten rund um die ehemalige Reichsburg Boyneburg dargestellt.

Das Haus ist nach eigenen Angaben ein Museum zum Anfassen, zum Erfassen, zum Erleben. So ist es möglich, dass fast alle Ausstellungsstücke, wie Handwerks- und Küchengeräte, Kleidungsstücke und Wäsche im wahrsten Sinnne des Wortes „erfasst“ werden können, weil größtenteils auf Absperrungen verzichtet wird. Spannend für Kinder ist die historische Schule, mit Schiefertafel und Griffel zum Ausprobieren. Mit altem Spielzeug können sie nachvollziehen, wie Kinder vor 50 Jahren ohne Plastikwelt gespielt haben.Für tüchtige Hausfrauen steht eine Küche mit alten Geräten zum Ausprobieren bereit.

Für Freunde des Mittelalters gibt es einen Raum mit dem Modell der Boyneburg, mit Bodenfunden und Grabungsergebnissen der letzten Jahre. Als besondere Attraktion gilt eine barocke Kanzel aus dem Jahre 1652 an deren verschiedenen freigelegten Farbschichten man das Farbempfinden der vergangenen Zeit nachvollziehen kann. (ts)

Kontakt: Für die Besichtigung des Museums und des Kratzenberg-Zimmers kann man Termine vereinbaren. Ansprechpartner sind Vorsitzender Arno Maske (0 56 58/9 21 43) und Museumsleiterin Ulrike Hahn (0 56 53/7399 ), die auch per E-Mail erreichbar sind. museumsverein@museum-wichmannshausen.de (Tobias Stück)

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