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Margot Flügel-Anhalt reist mit dem Lada von Thurnhosbach zum Nanga Parbat

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Von: Tobias Stück

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Meine Reise zu den Menschen an den höchsten Bergen der Welt lautet der Untertitel von Margot Flügel-Anhalts neuestem Buch. Sie besuchte den Nanga Parbat.
Meine Reise zu den Menschen an den höchsten Bergen der Welt lautet der Untertitel von Margot Flügel-Anhalts neuestem Buch. Sie besuchte den Nanga Parbat. © Flügel-Anhalt

Margot Flügel-Anhalt liebt Menschen und fremde Kulturen. Deswegen reist sie gern. Seit sie Rentnerin ist, werden ihre Ziele immer ausgefallener. In diesem Jahr: der Nanga Parbat.

Thurnhosbach – Sie hat es wieder getan. Margot Flügel-Anhalt hat das Fernweh wieder gepackt. Mit 68 Jahren ist sie diesmal mit ihrem Lada Niva aufgebrochen, die Welt zu entdecken. Je älter sie wird, desto spektakulärer werden ihre Reisen. Über Rumänien, die Türkei und quer durch den Iran, durch Pakistan, über den Karakorum Highway ist sie dieses Mal bis zum Nanga Parbat im Himalaja, einem der höchsten Berge der Welt, unterwegs gewesen.

Margot Flügel-Anhalt lebt im Sontraer 44-Einwohner-Stadtteil Thurnhosbach. Hier ist sie auch Ortsvorsteherin. Ihr Hausberg ist der Ziegenküppel. Mit 445 Metern gehört er zwar zu den höchsten Erhebungen im Stölzinger Gebirge, das Dach der Welt ist es noch nicht. Doch genau da hat es die heute 69-Jährige hingezogen. Der Nanga Parbat ist mit 8125 Meter der neunthöchste Berg der Welt. Für Margot Flügel-Anhalt hat er eine magische Anziehungskraft. „Dieser Berg ruft nicht. Er winkt. Mit gigantischen Armen. Der Berg scheint mir eine Botschaft zu schicken“, sagt sie.

Mit Extremtouren kennt sich die Sozial- und Theaterpädagogin gut aus. Mit ihrer 125er Honda durchfährt sie Osteuropa und Zentralasien, ist 117 Tage und 18 046 Kilometer lang unterwegs. Die Bikerin passiert die Grenzen von 18 Ländern und lernt faszinierende Landschaften und fremde Kulturen kennen. Im Pamir-Gebirge stößt sie auf 4200 Metern an ihre Grenzen. Das Wetter ist schlecht, die Luft dünn. Trotzdem bezwingt die Weltenbummlerin auch diese Herausforderung. Und sie will weiter die Welt kennenlernen. „Am liebsten wäre ich immer unterwegs. Ich möchte leben und Menschen begegnen“, sagt sie.

Mit ihrer 24 Jahre alten Mercedes C-Klasse, die schon 300 000 Kilometer auf dem Tacho hat, begibt sie sich ein Jahr später wieder auf Reisen. Ab Oktober 2019 geht es über die Türkei, den Iran und Pakistan diesmal bis nach Laos. Wieder legt sie dabei mehr als 18 000 Kilometer in drei Monaten zurück – meist ganz auf sich gestellt.

In diesem Jahr war ein Lada Niva für 80 Tage ihr treuer Begleiter. Am 20. Juli ist sie aufgebrochen. Es geht über Rumänien und die Donaumündung bei Sulina am Schwarzen Meer Richtung Südosten, durch die Türkei und den Iran nach Pakistan. Dort im Norden bis zur chinesischen Grenze auf den Khunjerab Pass. Über den Karakorum Highway Richtung Nanga Parbat. Drei Tage und 21 Stunden braucht sie für eine Strecke, behauptet Google Maps - wenn man komplett durchfährt.

Vom kleinen Thurnhosbach bis zum westlichsten Achttausender, dem Nanga Parbat, sind es nur 7800 Kilometer. Luftlinie. „Das muss doch zu schaffen sein“, sagt sich Margot Flügel-Anhalt und beginnt nach der Rückkehr aus Laos mit der Planung für den Himalaja. Mit einem gebrauchten Geländewagen russischer Fabrikation will sie über den Karakorum-Highway, eine der abenteuerlichsten Fernstraßen der Welt. Hin und zurück sind das insgesamt etwa 22 000 Kilometer – ihre bisher längste Reise. Warum tut sie sich das an?

Nanga Parbat: 326 Besteigungen und 68 Todesopfer

Der Nanga Parbat liegt im Westhimalaja und ist mit 8125 Metern der neunthöchste Berg der Erde. Er liegt in Gilgit-Baltistan, dem früher als Northern Areas bezeichneten pakistanischen Teil der Region Kaschmir. Dem Tiroler Hermann Buhl gelang 1953 die Erstbesteigung. Aufgrund der hohen Zahl an verunglückten Bergsteigern wird der Nanga Parbat auch „Killer Mountain“ genannt. 326 Besteigungen stehen bis heute 68 Todesopfer entgegen. Durch Plattenkollision zwischen eurasischer und indischer Kontinentalplatte wächst er sieben Millimeter pro Jahr. Er ist somit der am schnellsten wachsende Berg der Welt. ts

Das Fremde zieht sie magisch an. Dieses unsagbar wilde Gefühl von Freiheit überflutet sie, wenn sie eine Reise plant. Nach dem Vorbild Reinhold Messners möchte sie „immer nur weitergehen“. Ohne irgendwo anzukommen. Bis die Welt aufhört. Vermessen ist sie nicht. Auf den Gipfel des Nanga Parbat wird sie nie gelangen, weiß sie. Aber mindestens das Basislager möchte sie erreichen. Immerhin wird sie den Gipfel sehen können. „Dort oben verdichtet sich vielleicht unser Menschsein. Vielleicht komme ich dort existenziellen Fragen näher. Warum wir leben. Was wir suchen. Wonach wir streben.“ Das ist ihre Hoffnung vor dem Aufbruch.

Für ihre Fahrt zum Nanga Parbat braucht sie ein neues Fahrzeug. Auf den schlaglochübersäten, steilen und staubigen Bergstrecken braucht sie ein Allradauto. Und zwar am besten eines, das im Zweifelsfall einfach zu reparieren ist, ohne viel Elektronik auskommt und nicht allzu groß ist. Deshalb hat sie sich einen Lada Niva gekauft. Von einem Jäger im Westerwald.

Innehalten beim Abstieg über den Gletscher am Nanga Parbat.
Innehalten beim Abstieg über den Gletscher am Nanga Parbat. © Privat

Am 20. Juli geht es los. Der Weg sei unkompliziert, scherzt sie. Einfach auf der Dorfstraße von Thurnhosbach Richtung Osten, in Sontra auf die B 27, vorbei an der Hundeschule Partner Dogs, der Landfleischerei „Ahle Wurscht“ bis Eisenach-West, dort auf die A9 und über Tschechien, Ungarn und Rumänien in die Türkei. In Istanbul links halten, weiter bis Anatolien, durch Iran und Afghanistan und zack ist man am Ziel. Ende August hat sie es geschafft. Dazwischen lagen allerdings rund 11 000 Kilometer, unglaubliche Begegnungen mit Menschen, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft, Geschichten, Abenteuer, aber auch Behörden- und Polizei-Willkür, ungewohnte Sitten und Bräuche, Leid und Ungerechtigkeit – und rund 40 Tage Autofahrt.

Am 2. September kommt Margot-Flügel-Anhalt im Basecamp an. Begleitet wird sie in diesen Tagen von Johannes Meier und Paul Hartmann. Sie filmen wieder Teile ihrer Reise. Neben einem Buch, in dem alle Details dieses 80 Tage andauernden Abenteuers geschildert werden, wird es auch wieder einen Film geben.

Ihre Reise endet nach 85 Tagen und 22 885 Kilometern am 12. Oktober wieder in Thurnhosbach. „Die vielen neuen Eindrücke haben mich verändert“, sagt sie. Sie habe ein bisschen mehr gelernt, mit Geduld unerträgliche Situationen zu überstehen, die sie nicht ändern kann. Sie ist noch dankbarer in einer Demokratie zu leben – und glücklich, dass sie in Deutschland lebt und ein Recht auf Beteiligung hat.
Margot Flügel-Anhalt Hoch. Hinaus - Meine Reise zu den Menschen an den höchsten Bergen der Welt. 16,99 Euro. 978-3-8464-0947-3 (Tobias Stück)

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