Deutsch-Türke aus Göttingen hatte Freund der Tochter angegriffen

Schüsse sollten Hochzeit verhindern: Polizeieinsätze in Kassel und Sontra wegen Urteils

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Vor dem Landgericht in Kassel gab es wegen des Prozesses ein Polizeiaufgebot.

In Kassel ist das Urteil im Mammut-Prozess um einen versuchten Mord in Sontra gefallen. Der Angeklagte muss zehn Jahre in Haft. Am Freitag gab es deshalb in Kassel und Sontra Polizeieinsätze.

Wegen versuchten Mordes aus niedrigen Beweggründen ist ein 50-jähriger Deutsch-Türke aus Göttingen zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren verurteilt worden. Die 6. Strafkammer des Kasseler Landgerichts folgte damit genau dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft. Eine Vielzahl an Polizeikräften hatte auch am Freitag wieder vor und im Landgericht für Sicherheit gesorgt. Es kam aber zu keinen Auseinandersetzungen zwischen der türkischen Familie aus Göttingen und der kurdischen aus Sontra. Allerdings kam es nach der Urteilsverkündung in Sontra zu einem größeren Polizeieinsatz.

Allerdings habe auch nicht „Kurdenhass“ zu der Bluttat am 11. Februar 2017 geführt, sondern der Umstand, dass der Angeklagte die Hochzeit seiner Tochter mit dem 24-jährigen Kurden um jeden Preis verhindern wollte, stellte Richter Volker Mütze in seiner Urteilsbegründung fest. Weil die Hochzeitsfeier auch gegen den Willen des Angeklagten geplant und vorbereitet wurde, habe er um sein Ansehen als Familienoberhaupt gefürchtet. Nach heftigen Streitigkeiten zwischen den Familien, gegenseitigen Beschimpfungen und Bedrohungen habe sich der Schneidermeister eine alte Polizeipistole und eine Luftdruckwaffe besorgt und auch Schießübungen abgehalten. Nachdem er den jungen Mann aus einer Moschee abgeholt hatte, feuerte er insgesamt zehn Mal auf den jungen Mann. 

Zwei Bauchschüsse fügten dem Opfer lebensbedrohliche Verletzungen im Bauchraum zu, die er nur dank einer Notoperation überlebte. Notwehr habe nicht vorgelegen, sagte Mütze, zumal der Angeklagte auch noch auf den fliehenden Mann geschossen habe. „Wer aus nächster Nähe schießt, der will auch töten“, begründete der Richter den Vorwurf des versuchten Mordes.

"Liebe und Tod liegen nah beieinander"

Dass dies kein normaler Strafprozess war, wurde nicht nur am riesigen Aufgebot martialisch bewaffneter Polizeibeamter im Kasseler Landgericht deutlich. Auch die Urteilsbegründung von Richter Volker Mütze für den 50-jährigen Deutsch-Türken, der in Sontra seinen künftigen Schwiegersohn niedergeschossen hatte, begann ungewöhnlich: „Liebe und Tod liegen eng beieinander – nicht nur im Film, sondern auch in der Realität“, sagte Mütze und verurteilte den angeklagten Schneidermeister aus Göttingen zu einer zehnjährigen Freiheitsstrafe.

Damit beschrieb Mütze die Liebe eines türkischen Mädchens zu einem kurdischen Mann, die beide Familien trotz vieler Schlichtungsversuche in immer neuen Zwist getrieben hatte und die – wie bei Romeo und Julia – blutig in Trauer und Verzweiflung mündete.

Der Angeklagte war der gesamten Verhandlung mit reglosem Gesicht gefolgt. Auch als der Richter die zehn Jahr Haft aussprach, zeigte er keine Gefühle.

Im Prozess war deutlich geworden, dass er nach den teilweise wüsten Streitigkeiten und Morddrohungen im Vorfeld der Tat Angst vor Blutrache hatte. Als er sich zum ersten Mal zur Tat äußerte und Notwehr für sich reklamierte, war es vor dem Gerichtssaal zu Auseinandersetzungen der Familienmitglieder gekommen, die von den Polizisten geschlichtet werden mussten. Richter Mütze sprach von einem „klassischen Drama“.

Familienfehde gipfelt in der Bluttat: Chronik zum Prozess um den versuchten Mord in Sontra

Hier ist es passiert: Am Tag nach der Tat waren noch die rosafarbenen Markierungen der Polizei auf dem Parkplatz in Sontra zu sehen.
  • 11. Februar 2018: Ein 50 Jahre alter Mann aus Göttingen schießt um 17.30 Uhr einem 24-jährigen Sontraer in dessen Heimatstadt auf dem Parkplatz bei der Firma Geilfus mit mehreren Schüssen aus zwei Waffen unter anderem in Bauch und Kopf. Das Opfer wird mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert, ringt lange mit dem Tod und wird schließlich wieder gesund. Der Täter flieht zunächst, die Polizei verhaftet ihn aber noch in der Nacht zu Montag in Nordrhein-Westfalen. Vermutetes Motiv: „familiärer Zwist“.
  • 22. November 2018: Der Prozess wegen versuchten Mordes gegen den Beschuldigten beginnt. Laut Anklageschrift hat der Mann, ein Türke, das Opfer, einen Kurden, niedergeschossen, weil er mit der Hochzeit von dem 24-Jährigen mit seiner Tochter nicht einverstanden war. Mit einer Pistole und einer Druckluftwaffe habe er beidhändig gefeuert – um den angehenden Schwiegersohn zu töten.
  • 11. Dezember 2018: Zeugen beider Familien sagen aus. Die Versionen zum Gären des Konflikts im Vorfeld sind unterschiedlich. Eins steht fest: Wortgefechte, wüste Beschimpfungen und Drohungen mit dem Tod gingen beiderseits voraus – wegen der Uneinigkeit über die Hochzeit des jungen Paares. Schon einmal kam es Weihnachten 2017 zu einem Handgemenge zwischen dem 24-jährigen Opfer der Schussattacke und dem Vater seiner Partnerin samt Familie.
  • 19. Dezember 2018: Das Opfer äußert sich. Er lief nach den Schüssen noch weg. Plötzlich brach er seinen Angaben nach zusammen. „Alles wurde schwarz, mir war so kalt“, sagt er. Noch heute leide er darunter, habe Panikattacken. „Alles spielt sich in meinem Kopf immer wieder ab, so real, dass ich die Schmerzen im Bauch spüre.“ Zwei Tage später wird an einem weiteren Verhandlungstag verlesen, dass die DNA des Angeklagten auf der Tatwaffe ist – die forensischen Beweise sprechen gegen ihn.
  • 11. Januar 2019: Der Angeklagte sagt aus – über eine Stellungnahme seines Verteidigers. Er habe aus Notwehr geschossen. Er fühlte sich demnach seit Drohungen im Zuge der Ausschreitungen Weihnachten 2017 vor dem Opfer nicht mehr sicher. Waffen will er sich zum Selbstschutz beschafft haben. Ohne Absicht, jemanden zu verletzten, sei er am Tattag nach Sontra gefahren, habe die Schüsse nur wegen bedrohlicher Worte und Gesten vom Verlobten seiner Tochter abgegeben. Die Aussage erregt die Gemüter der beiden Familien. Auf dem Gerichtsflur kommt es zu Beleidigungen und Handgemenge. Die Polizei, die wegen des Konfliktpotenzials zahlreich vor Ort ist, muss eingreifen.
  • 7. Februar 2019: Der Staatsanwalt fordert zehn Jahre Gefängnis wegen versuchten Mordes für den offiziell schuldfähigen Täter und sieht die Anklageschrift bestätigt. Die Nebenklage hält sogar lebenslängliche Haft für denkbar, während der Verteidiger auf gefährliche Körperverletzung mit maximal dreieinhalb Jahren Gefängnis plädiert.

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