Mutter bleibt allein zurück

Stolperstein für Sontraerin Marianne Spangenthal – 1942 von Nazis ermordet

Das Foto zeigt Marianne und ihren 1910 verstorbener Ehemann Robert Spangenthal zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
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Ehepaar: Das Foto zeigt Marianne und ihren 1910 verstorbener Ehemann Robert Spangenthal zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Fast bis zuletzt hatte Marianne Spangenthal gehofft, aus Nazi-Deutschland auswandern zu können und ihr Leben zu retten. Es war vergeblich.

Kassel/Sontra – Marianne Spangenthal gehörte zu den am 1. Juni 1942 nach Sobibor deportierten Kasseler Juden, die dort zwei Tage später ermordet wurden. Alles wurde von der NS-Administration registriert. Auch der Wert des ihr noch verbliebenen dürftigen Hausrats. Ein öffentlich bestellter und vereidigter sogenannter Taxator schätzte den Besitz der Ermordeten auf 140 Reichsmark.

Marianne Spangenthals Nachfahren in den USA haben zahlreiche Dokumente und Briefe der Familie aufgehoben und dem Museum „United States Holocaust Memorial Museum“ übergeben. Sie sind dort als „Spangenthal family papers“ öffentlich zugänglich. Darunter befinden sich viele Briefe Mariannes an ihre Söhne.

Marianne Spangenthal wurde 1883 in Sontra geboren

Marianne stammte aus Sontra, wo sie am 29. August 1883 als Tochter von Isaak und Mathilde Schönemann geboren wurde. Von Bedeutung für die Familie sollte es werden, dass ihr 1852 geborener Onkel Jacob im 19. Jahrhundert in die USA auswanderte, wo er heiratete und 1889 in Baltimore (Maryland) das sehr erfolgreiche Textilunternehmen J. Schoenemann gründete. Als er 1910 starb, galt er als „The Pants King“, als „Hosen-König“.

Marianne Schönemann heiratete Robert Spangenthal und wohnte seit 1918 in Kassel in der Wörthstraße 20 (heute Hoffmann-von-Fallersleben-Straße), wo auch die vom Ehemann 1913 gegründete Schuhgroßhandlung „Rospa“ ihren Sitz hatte.

Vor der Ausreise: Ludwig Spangenthal 1936.

Da Robert Spangenthal bereits 1921 an einer Krankheit, die er sich als Soldat im Ersten Weltkrieg zugezogen hatte, starb, bezog seine Witwe eine kleine Rente. Das Geschäft, in dem zwei Verkäufer und eine Bürokraft beschäftigt waren, führte sie allein weiter. Von dem Ertrag konnte sie für sich und die Söhne sorgen: den 1918 geborenen Kurt und den zwei Jahre älteren Ludwig.

Als kleines Handelsunternehmen litt das Geschäft der Spangenthals seit 1933 unter den Boykottmaßnahmen der Nazis. Marianne Spangenthal gab auf. Eine Zeit lang war sie noch im Besitz von Schuhen, aus deren Verkauf sie etwas Geld erlösen konnte. Ihr lediger Bruder – ebenfalls mit Namen Robert – dessen Geschäft in Sontra gleichermaßen durch Boykotte zerstört wurde, zog zu ihr nach Kassel. In der Heimatstadt hatte er die väterliche Getreide-, Futter- und Düngemittel- und Kohlenhandlung I. Schönemann betrieben. Als Robert zu Marianne zog, waren Mariannes Söhne Ludwig und Kurt 1936 beziehungsweise 1938 bereits in die USA ausgewandert.

Verwandte in den USA wollten Marianne Spangenthal aus Deutschland retten

Die Verwandten in Baltimore hatten sich eingesetzt, um sie aus der Perspektivlosigkeit und letztlich Lebensgefahr in Deutschland zu retten. „Aus Kindern werden Briefe, war ein geflügeltes Wort dieser Zeit unter deutschen Juden“, sagt Wolfgang Matthäus, der für den Verein Stolpersteine in Kassel die Gedenkblätter für die Familie verfasst hat. „Das galt nun auch für Marianne Spangenthal.“ Ihre Briefe zeugten „von einer sorgenden Mutter, deren größter Wunsch es war, wieder mit ihrer Familie vereint zu sein, die wöchentlich schreibt und immer wieder sehnsuchtsvoll auf die Antwort wartet.“

Die Briefe, so Matthäus, seien jedoch von Zensur geprägt gewesen. Es war Marianne unmöglich, die Wahrheit über ihre Situation in Deutschland zu berichten. Stattdessen schreibt sie von alltäglichen Dingen. Es gibt keine Beschreibung ihrer finanziellen Lage, nicht eine Andeutung des Novemberpogroms, die Verhaftung ihres Bruders und seine Haft in Buchenwald. Kein Hinweis darauf, dass Deutschland 1939 die Welt in den Zweiten Weltkrieg gestürzt hat oder ihr Bruder Siegfried in einer Heilanstalt starb.

Im Jahr 1936: Kurt Spangenthal in Kassel.

In Mariannes Wohnung wiesen die Nazis 1939 die aus Meimbressen vertriebene Familie Goldwein ein, zu der es verwandtschaftliche Beziehungen gab. Julie Goldwein schrieb im Mai 1940 an Mariannes Bruder Robert, nachdem auch dieser in die USA gelangt war: „Mit Sorgen denke ich daran, wenn ihre Schwester auch so weit ist, dass sie auch nach dorten kann, was es dann mit unsern hier Wohnenden gibt, trotzdem ich ihr das gute wünsche.“

Die Wünsche waren vergebens. Für die Bewohner der Wörthstraße gab es kein Entkommen. Mit den Goldweins musste Marianne Spangenthal im Mai 1941 in die Admiral-Scheer-Straße 13 (heute Goethestraße) ziehen, wo sie bis Mitte Februar 1942 lebte, als sie zu einem weiteren Umzug in das „Judenhaus“ Schillerstraße 7 gezwungen wurde. Es folgten die Deportation und Ermordung. Aus dieser Zeit, so Matthäus, stammt der letzte erhaltene Brief von Marianne an Ludwig, dem sie Dokumente beifügte, weil sie zu diesem Zeitpunkt offenbar die Hoffnung auf eine Rettung aufgegeben hatte. Sie schreibt: „Lieber Ludwig! Heute früh erhielt Deinen l. Brief vom 2. Novbr. u. am Sonntag Brief vom 19.10. mit Einlage von Kurts Bildchen, was mir so große Freude machte, es soll mir für die Zukunft mein Talisman sein. Bete zu Gott, dass es mir im Leben noch einmal vergönnt sein wird, Euch in die Augen zu sehen.“ (Von Christina Hein)

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