22-Jähriger kandidiert erstmals

Bundestagswahl: Für Jorias Bach (FDP) ist „ein gutes Ergebnis“ oberstes Ziel

Will in den Bundestag: Jorias Bach aus Sontra führt die FDP im Wahlkreis 169 (Hersfeld-Rotenburg und Werra-Meißner) in den Wahlkampf.
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Will in den Bundestag: Jorias Bach aus Sontra führt die FDP im Wahlkreis 169 (Hersfeld-Rotenburg und Werra-Meißner) in den Wahlkampf.

Er ist mit 22 Jahren im Wahlkreis der jüngste Direktkandidat für die Bundestagswahl im September: Jorias Bach aus Sontra zieht für die FDP in den Wahlkampf.

Werra-Meißner – Wie der in Corona-Zeiten aussieht, wofür er sich einsetzt und was er Skeptikern sagt, verrät Jorias Bach hier.

Was sagen Sie jenen, die Sie für zu jung halten?
Solche Sprüche werden kommen. Ich frage dann: Wie bringt ihr euch denn ein? In einer Demokratie hat jeder eine Stimme und jede Stimme zählt, da muss man auch jede akzeptieren. Wir Jungen müssen morgen die Entscheidungen von heute ausbaden. In den vergangenen 16 Jahren wurde viel für die künftigen Generationen versäumt. 2017 wurde die FDP dafür belächelt, dass sie so stark auf Digitalisierung gesetzt hat. Vier Jahre später hat sich nichts geändert, die Funklöcher in der Region sind die gleichen, die Regierung von CDU und SPD hat eine Schreckensbilanz. Wir brauchen auch mehr Klimaschutz und eine bessere Rentenpolitik. Wenn eine Gesellschaft immer älter wird, kommt unser umlagefinanziertes Rentenmodell an Grenzen. Ich bin dafür, zur Finanzierung der Renten auch den Kapitalmarkt einzubeziehen – das wird in Skandinavien schon erfolgreich gemacht.
Wahlkampf in Corona-Zeiten – wie soll der laufen?
Ich habe mir das natürlich anders vorgestellt. Schon den Kommunalwahlkampf mussten wir zweigleisig mit Online-Angeboten fahren. Aber ich habe Hoffnung, dass sich die Lage mit den Impfungen bessert und ich im Herbst auch wieder Menschen auf der Straße treffen kann.
Das müssen Sie auch, denn Sie sind im Wahlkreis noch weitgehend unbekannt.
Das ist wirklich eine Herausforderung. Bekanntmachen geht eigentlich nur mit persönlichen Treffen. Aber die Gesundheit aller Beteiligten geht immer vor.
Kurz zusammengefasst für alle, die Sie noch nicht kennen: Wie sind Sie denn FDP-Kandidat geworden?
Ich wurde vom Kreisverband gefragt und habe, da ich noch studiere, auch mehr Zeit für den Wahlkampf. Ich bin seit meiner Geburt politisch sozialisiert: Mein Großvater war in Sontra Stadtverordneter für die CDU, meine Eltern für die FWG, ich engagiere mich für die FDP. Bei uns gibt es deshalb auch mal Streit am Esstisch, aber das gehört ja in der Politik dazu.
Vor allem, wenn die Familie unterschiedliche Parteien unterstützt...
Ich war sogar mal in der Schüler-Union! Aber dann bin ich über den Förderverein für die Kirchenmusik in Sontra mit Karlheinz Adolph in Kontakt gekommen. Er ist im FDP-Ortsverein Sontra, wir haben uns viel über Politik unterhalten. Ich wollte mich engagieren und stellte fest, dass die liberalen Grundsätze für mich am passendsten sind: Zunächst hat jeder Mensch die Freiheit – und im zweiten Schritt muss der Staat begründen, wenn er da eingreifen will.
Wie sehen Sie denn dann die Eingriffe in die persönlichen Rechte während der Corona-Pandemie?
Ich sehe die Gesamtsituation kritisch, die Sinnhaftigkeit einiger Regeln erschließt sich mir nicht – etwa bei der Impfpriorisierung: Warum werden nicht vor allem junge Familien geimpft, die über Schule und Kita viel Kontakt zu anderen haben? Auch Grundrechtseingriffe auf Basis einer dünnen Studienlage finde ich falsch. Die FDP hat die Pandemie ja bisher konstruktiv-kritisch begleitet, die Umfragen geben uns da recht. Ich bin guter Dinge.
Ein Blick auf die anderen Kandidaten: Michael Roth (SPD) will zum siebten Mal in den Bundestag einziehen, Wilhelm Gebhard (CDU) strotzt auch ohne bundespolitische Erfahrung vor Selbstvertrauen. Wie wollen Sie gegen solche Platzhirsche punkten?
Ich wurde 1998 geboren, da zog Michael Roth erstmals in den Bundestag ein! Gegen so jemanden anzutreten, ist natürlich eine Herausforderung. Mein oberstes Ziel ist, ein gutes Ergebnis für die FDP einzufahren. Ich bin Realist: Das letzte FDP-Direktmandat wurde 1990 gewonnen, ich werde wohl nicht direkt in den Bundestag einziehen. Trotzdem will ich so viele Stimmen holen wie möglich.
Welche Themen sehen Sie für den Wahlkreis?
Etwas Positives hat die Corona-Pandemie: Es wird mehr im Home Office gearbeitet: Das ist eine große Chance für unsere lebenswerte Region – für Familien, für Neubürger und Rückkehrer. Denn hier gibt es günstigen Wohnraum. Damit die digitalisierte Arbeitswelt funktioniert, braucht es aber schnelle Internetleitungen, dann könnten sich auch Firmen hier ansiedeln. Mit der A44 kommt noch eine riesige Möglichkeit für die Wirtschaft hinzu. Der öffentliche Nahverkehr ist aber schlecht: Hier würde ich mich für eine Verbesserung der Bahn-Taktungen und mehr Anruf-Sammel-Taxis einsetzen. Warum sollen große Busse vor allem Luft durch die Gegend transportieren? Wir brauchen individuellere Ergänzungsangebote und auch bessere Radwege.
Sie vertreten einen sehr diversen Wahlkreis: Hersfeld-Rotenburg profitiert von K+S und den Logistikunternehmen, im Werra-Meißner-Kreis gibt es gegen beides Proteste. Wo stehen Sie?
Ich hätte mich über das Sondergebiet Logistik in Neu-Eichenberg gefreut. Die Fläche zu besetzen, um das zu verhindern, finde ich falsch. Bei K+S sehe ich vor allem die Arbeitsplätze. Was die Werra-Versalzung angeht: Bei der Verbesserung der Umweltbilanz sind wir mit dem Fahrplan bis 2075 auf dem richtigen Weg.
Bei der Bundestagswahl 2017 hat die FDP lange ein Jamaika-Bündnis mit CDU und Grünen sondiert und dann platzen lassen. Und dieses Jahr?
Der plötzliche Abbruch der Sondierungsgespräche 2017 war ein Fehler, es kam rüber wie eine Hauruck-Aktion. Aber es hat inhaltlich nicht gepasst. Jede Fraktion muss möglichst viele Inhalte in eine Koalition einbringen – und danach muss man seine Partner auswählen. Inhalte gehen vor Macht: Das finde ich immer noch richtig. Dann muss man eben in der Opposition den Finger in die Wunden legen. Hauptsache, es gibt keine rot-rot-grüne Koalition, denn dann müssten künftige Generationen eine höhere Neuverschuldung und eine wenig sinnvolle Mieten-Politik ausbaden. (Friederike Steensen)

Zur Person

Jorias Bach (22) pendelt von seiner Heimatstadt Sontra zum Bachelor-Studium der Fächer Geschichte und Wirtschaftswissenschaften nach Kassel. In seiner Freizeit ist er Hallensprecher beim Handball, früher beim SV Reichensachsen, heute beim Drittligisten Eintracht Baunatal. Seit seinem achten Lebensjahr spielt Jorias Bach Waldhorn – bei den Ulfener Jungs und im Orchester von Eintracht Baunatal. „Am Ende der Woche im Probenraum stehen und nur auf die Noten schauen, das macht den Kopf frei“, sagt der Single. Jorias Bach war Schulsprecher am Oberstufengymnasium in Eschwege und trat 2017 in die FDP ein. Heute ist er Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen, stellvertretender Kreisvorsitzender der FDP sowie Stadtverordneter in Sontra.  Für diese Bundestagswahl wurde Bach auf Landeslistenplatz 17 (von 22) gewählt. Aber, räumt Bach ein: „Da bräuchte die FDP optimistisch gerechnet 35 Prozent und einige Ausgleichsmandate, dass ich im Oktober nach Berlin ziehe, ehrlicherweise etwas unwahrscheinlich.“ (fst)

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