Rollende Hausarztpraxis

Pilotprojekt: Patienten und Bürgermeister fordern Erhalt des Medibusses

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Die Bürger brauchen den Medibus, solange die Region mit Hausärzten unterversorgt ist: Das Foto zeigt von links Konrad Schmidt, Dr. Doris Gronow und Bürgermeister Ralf Hilmes. Auch Hilmes – selbst ohne Hausarzt – nutzt den Bus. 

Patienten und Bürgermeister in Nentershausen, Cornberg und Sontra sind sich einig: Es fehlen so viele Hausärzte, dass das Projekt Medibus nicht gestoppt werden darf.  

Wenn es um das Thema Medibus geht, nimmt der Nentershäuser Konrad Schmidt kein Blatt vor den Mund. „Wir hatten hier drei Ärzte. Die konnten alle gut leben. Jetzt haben wir gerade mal noch eine Hausärztin. Wenn auch noch der Medibus wieder wegfallen würde, was sollen die alten Leute da machen? Da können sie gleich den Löffel abgeben“, sagt der 87-Jährige und meint es ernst.

Projekt schon einmal verlängert

Seit Juli 2018 kommt die rollende Hausarztpraxis nach Nentershausen, Cornberg, Sontra, Herleshausen und Weißenborn. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KV) hat das Pilotprojekt schon einmal verlängert – bis Ende 2020. Ob es eine weitere Verlängerung gibt, steht noch in den Sternen. Die KV setzt das Projekt zusammen mit DB Regio um.

Konrad Schmidt, dessen Frau pflegebedürftig ist, nutzt den Medibus vom ersten Tag an. „Ich bin dort immer sehr gut behandelt worden.“ Das Ehepaar wohnt Am Ölberg in Nentershausen. Mittlerweile muss Schmidt sich auch selbst zum Medibus fahren lassen, der vor der Tannenberghalle zweimal pro Woche Station macht. Dorthin laufen kann er nicht mehr.

"Mich nimmt kein Hausarzt mehr auf"

„In unserem Umkreis nimmt mich kein Hausarzt mehr auf“, berichtet der alte Herr. „Wenn der Medibus wegfallen würde, wäre das für viele Nentershäuser eine Katastrophe“, sagt er. „Und was nutzt uns das neue Gesundheitszentrum in Sontra, wenn sich nicht einmal dafür ein Arzt findet. Ohne den Medibus hätten wir hier Zustände wie im Urwald. Wo sollen wir denn dann hingehen?“

Auch die Apotheke im Ort sei davon abhängig, dass es einen Arzt gibt. „Ohne Arzt werden wir zu einer toten Gemeinde“, sagt der 87-Jährige, der über 30 Jahre lang im Kupferschieferbergbau geschuftet hat.

Ärzte zu finden ist schwierig

Auch die Bürgermeister der betroffenen Kommunen setzen sich vehement dafür ein, dass das Pilotprojekt fortgeführt wird. „Im Versorgungsgebiet Sontra, Nentershausen und Cornberg fehlen vier Hausärzte“, berichtet der Nentershäuser Bürgermeister Ralf Hilmes. „Auch wenn der Bus nur eine Notlösung ist, sind wir froh, dass er kommt. Er ist eine Ergänzung der ärztlichen Versorgung. Diese Ergänzung reicht aber bei Weitem nicht aus, um die Probleme zu lösen. Bis Ärzte gefunden sind, muss der Bus weiter kommen.“ Und es sei äußerst schwierig, Ärzte für die Region zu gewinnen – ob nun für das neue Gesundheitszentrum in Sontra oder direkt vor Ort in den betroffenen Kommunen.

In Corona-Zeiten sei die Situation für die Patienten noch schwieriger, wenn zum Beispiel Risikogruppen öffentliche Verkehrsmittel nutzen müssten, um zum Arzt zu kommen.

"Medibus ist besser als nichts"

Auch Hildegard Stein fordert, das Projekt Medibus fortzuführen. „Bis wir wieder genügend Ärzte vor Ort haben, wünschen wir alle uns, dass der Medibus weiter kommt. Wir brauchen ihn. Er muss bleiben“, betont die 80-jährige Nentershäuserin. „Der Bus ist nur zwei Mal in der Woche da. Aber das ist besser als nichts.“

„In Holland werden alle Ärzte, die fertig ausgebildet sind, verpflichtet, ein Jahr auf dem Land zu arbeiten. Warum geht das bei uns nicht?“, fragt sich die Nentershäuserin. „Und wir haben hier doch eine wunderbare Natur zu bieten und Städte in der Nähe“.

Filmteam aus Frankreich kam nach Cornberg

Die kassenärztliche Vereinigung hat ordentlich Werbung gemacht für ihr Projekt. Das Pilotprojekt Medibus hat nicht nur deutschlandweit für Wirbel gesorgt. Sogar ein Filmteam aus Frankreich drehte in Cornberg, berichtet Bürgermeister Achim Großkurth. „Unsere ganze Gemeinde wünscht sich, dass das Projekt verlängert wird“, sagt der Bürgermeister. „Wir bewerten das Projekt Medibus positiv, weil es unsere Null-Situation verbessert hat“, bringt es Großkurth auf den Punkt. In Cornberg gibt es schon seit Jahren keinen Hausarzt mehr. „Wir brauchen den Medibus solange, bis für unseren Versorgungsbereich wieder genügend Ärzte vorhanden sind. Wenn der Medibus auch noch wegbricht, ist gar nichts mehr da.“ Die Suche nach Ärzten allerdings ist schwierig. „Selbst für unser interkommunales Gesundheitszentrum in Sontra ist die Arzt-Akquise ein Riesenproblem“, betont Großkurth. 

"Keine Grundlage für finanzielle Unterstützung"

Die Forderung, das Medibus-Projekt finanziell zu unterstützen, weist der Bürgermeister zurück. „Der Staat hat die Kassenärztliche Vereinigung beauftragt, die Versorgung sicherzustellen“, sagt er. Großkurth sieht deshalb auch keine rechtliche Grundlage für eine finanzielle Beteiligung der Kommunen. Ganz abgesehen davon, dass die Corona-Krise die Kommunen wieder finanziell ins tiefe Tal schicken wird.

Weitere Informationen zum Medibus im Internet unter kvhessen.de/medibus

Quelle: Werra-Rundschau

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