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Ulfener Frauen machen die Randsportart Brennball salonfähig

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Von: Juliane Preiß

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Frauen spielen Brennball in einer Sporthalle. Eine Spielerin schlägt einen kleiner Lederball mit einem Holzschläger.
„Draußen macht Brennball mehr Fetz“, sind sich die Brennschnitten einig. Aber im Winter müssen sie in die Sporthalle ausweichen. © Juliane Preiß

Wer nicht schnell genug ist, der verbrennt. Klingt nach Lebensgefahr, ist aber ganz harmlos. Es macht sogar Spaß. Es geht um Brennball. Klingelt es? Ja, dieses Spiel, was die meisten von uns irgendwann mal im Schulsport gespielt haben. Ob man wollte oder nicht.

Ulfen - In Ulfen wollen sie nur spielen. Dort gibt es die einzige Brennballmannschaft im ganzen Werra-Meißner-Kreis: die Brennschnitten. Wie es zu dem Namen kam, dazu später mehr. Der Brennballsport zog mit Sandra Schüler in den Sontraer Stadtteil. Sie hatte vorher bei den „Brennhörnchen“ in Rockensüß gespielt. Die wurden 2019 Kreismeister in Hersfeld-Rotenburg. Im Nachbarkreis ist Brennball so populär, dass dort hessenweit die einzige Kreismeisterschaft für Frauenmannschaften ausgetragen werden.

Im Werra-Meißner-Kreis war die Sportart fast vergessen. „Viele von uns erinnerten sich noch an Brennball aus der Schulzeit“, sagt Tanja Fernau, Trainerin der Ulfener Brennschnitten. Nach welchen Regeln das Spiel funktioniert, wusste aber niemand mehr. „Sandra Schüler hat uns mit ihrer Begeisterung angesteckt.“ Und so wurden die Brennschnitten im Juli 2017 ins Leben gerufen. Und weil der Buschfunk im Ulfetal gut funktioniert, wurden es immer mehr Spielerinnen. „Jeder brachte mal jemanden mit.“ In der Gründungsphase kamen bald über 25 Frauen zum wöchentlichen Training.

Eine bunte Truppe trifft sich zum Training

Die Anfangseuphorie ist zwar etwas abgeflaut. Trotzdem ist an diesem Novembernachmittag eine gut 20-köpfige bunt gemischte Truppe von sieben bis 52 Jahren zum Training in der Ulfener Turnhalle aufgelaufen. Einige der Spielerinnen haben ihre Kinder als Verstärkung mitgebracht, auch ein paar Jugendliche aus dem Dorf sind dabei. „Das ist das Tolle am Brennball, jeder kann mitmachen. Man muss nicht viel können, nur Lust haben sich zu bewegen“, sagt Carina Deist. Die Wölfteröderin lässt ihre Arme zum Aufwärmen kreisen.

Dann geht es los. Vier Hütchen markieren den rechteckigen „Laufweg“ für die Schlagmannschaft, die sich an der Grundlinie aufgestellt. Die gegnerische Mannschaft, „die Fänger“, verteilen sich in rosa Leibchen in der gesamten Turnhalle. Mit einem schmalen, runden Holzschläger drischt Tanja Fernau einen kleinen Lederball in die hintere rechte Ecke der Turnhalle und rennt los. Bis der Ball gefangen und mit mehreren Würfen bei der „Brennerin“, gelandet ist, die den Ball schnell auf den Brenner legt, einer Scheibe am Boden, hat Fernau die dritte Pylone erreicht.

Jede Schlägerin, die ins Ziel kommt, malt einen Strich auf den Zettel, der am Rand auf einer Bank liegt. Einen Punkt fürs Team. Jede Läuferin wird lauthals auf ihrer Runde angefeuert, kommen mehrere gleichzeitig ins Ziel, entbrennt in der Halle lauter Jubel. Da macht es auch nichts, wenn öfter mal der Schlag daneben geht. Nach zehn Minuten tauschen die Mannschaften die Positionen, der Lautstärkepegel bleibt gleich.

Draußen macht Brennball mehr Spaß

Nach zwei Runden versammeln sich die Spielerinnen lachend zur Trinkpause. Einige schnaufen, auch ein paar Schweißperlen rollen. „Draußen macht’s aber einfach noch viel mehr Spaß“, ruft Carina Deist. Alle nicken. Warum? „Da geht’s noch mehr zur Sache“, sagt jemand. Das Spielfeld draußen ist größer, der Ball kann viel weiter geschlagen werden. Das bedeutet, die schlagende Mannschaft kann beim Laufen mehr riskieren. Doch die weiteren Laufwege zwischen den vier Stationen, den sogenannten Malen, führt auch dazu, dass mehr Läuferinnen „verbrennen“. Verbrannt ist man, wenn der Ball auf dem Brenner landet, bevor man ein Mal erreicht hat (siehe Kasten).

„Manchmal ist ein Spiel nach wenigen Minuten vorbei, wenn die ganze Mannschaft verbrannt ist“, erklärt Trainerin Tanja Fernau. „Die Regeln sind zwar simpel, aber man kann auch viel Taktik mit ins Spiel bringen“, erklärt sie. So können sich viele Läuferinnen am ersten Mal sammeln und warten bis eine starke Schlägerin antritt, um möglichst schnell viele Punkte zu erlaufen. Denn ein sogenannter „Home Run“, eine komplette Runde, bringt vier Punkte. „Wir sind aber meistens froh, wenn wir den Ball überhaupt treffen“, sagt eine, die anderen lachen.

Anfangs wurden sie noch belächelt

Anfangs wurden die Frauen belächelt, vor allem von den Männern. „Brennball, was soll das denn sein“, hieß es da. Das Blatt wendete sich am 24. September 2022 als die Brennschnitten das erste Brennball-Freizeitturnier auf dem Ulfener Sportplatz organisierten. Fast das ganze Dorf spielte mit. Schützenverein, Feuerwehr, das Jugendzentrum, die Fußballer, alle stellten Mannschaften. Spieler von sieben bis 71 Jahren waren dabei. „Am Anfang hatten einige eine ganz schön große Klappe, die haben aber schnell gemerkt, dass man auch was draufhaben muss“, erinnert sich Tanja Fernau. Das Ganze habe Riesenspaß gemacht, sind sich die Brennschnitten einig und wollen das Ganze im kommenden Jahr wiederholen.

Wissenswertes über Brennball

Brennball (Brännboll) stammt aus Skandinavien. In Schweden ist das Schlagballspiel sogar eine professionelle Sportart ähnlich dem amerikanischen Baseball. Alljährlich nehmen am sogenannten Brännbollscupen, der Brennball-Meisterschaft, in der Stadt Umeå mehrere Hundert Mannschaften teil.

In Deutschland wird Brennball im Sportunterricht gespielt, meistens wird jedoch ein Ball geworfen statt geschlagen.

Die Spielregeln: Ein Spiel dauert zwei Mal zehn Minuten. Es gibt zwei Mannschaften mit jeweils zwölf Mitspielerinnen. Mit einem Holzschläger wird ein etwa tennisballgroßer Lederball ins Feld geschlagen, die Spielerinnen legen sich den Ball selbst vor. Ein Schlag ist ungültig, wenn der Ball gar nicht oder über Kopfhöhe getroffen wird oder wenn einFuß die Schlaglinie übertritt.

Die Schlagfrau und ihre Mitspielerinnen müssen das 15 mal 20 Meter große Spielfeld umrunden, während die Feldmannschaft den Ball möglichst schnell fangen und zum Brenner, einer kleinen Metallschale, bringen muss. Einer Spielerin ist „Brennerin“, nur sie darf den Ball auf den Brenner legen. In dem Moment, wo das gelingt, ist jede Spielerin „verbrannt“, die die Runde nicht beendet hat oder sich nicht an einem der vier sogenannten Freimale, auch Base genannt, befindet. Auch Abkürzen gilt als „verbrannt“. Wer „verbrannt“ ist, darf erst im nächsten Spiel wieder mitspielen.

Von den Freimalen wird die Runde fortgesetzt, wenn die nächste Spielerin geschlagen hat. Für eine vollendete Runde gibt es einen Punkt. Ein „Home Run“, eine komplette Runde, bringt vier Punkte.

Es gibt viele weitere Abwandlungen der Spielregeln, was beispielsweise die Größe des Spielfeldes oder die Art des Balls betrifft.

Die Schläger dürfen maximal einen Meter lang sein, der Umfang darf zwölf Zentimeter nicht überschreiten. Handschuhe sind verboten. Die Ulfener Brennschnitten lassen ihre Schläger in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Bebra anfertigen.

Die Brennball-Frauen kommen aus Ulfen, Wölfterode, Reichensachsen, Grandenborn und Bosserode. „Wir sind eine bunte Truppe, jede bringt irgendeine Fähigkeit mit. Die eine läuft schneller, die andere fängt besser“, sagte Tanja Fernau, die einen Übungsleiterschein besitzt und im Ort auch das Kinderturnen leitet. Ein bisschen Fangen und Werfen sollte man schon können. „Wir haben am Anfang den Ball mit dem Schläger kaum getroffen, jetzt geht es schon ganz gut“, sagt die 36-Jährige. Trotzdem würde sie sich für ihr Team ein professionelles Schlagtraining wünschen.

Dadurch, dass es kaum andere Mannschaften in unmittelbarer Nähe gibt, fehle die Spielpraxis. Und über neue Mitspielerinnen freuen sich die Brennschnitten sowieso. Wie kam es noch mal zu dem Namen? „Na, weil wir alle so schnittig sind“, sagt Carina Deist und alle lachen. „Der Name sollte irgendwie das Wort Brennen enthalten, der Rest ist Spaß.“ Der Name kam aus einer Laune heraus, genau wie die Idee mit dem Brennballspielen überhaupt. Das Logo, eine stilisierte Milchschnitte mit Kappe und brennendem Ball, hat eine Mitspielerin selbst entworfen. Die Brennschnitten nehmen sich selber nicht so fürchterlich ernst, was aber nicht heißt, dass ihnen der Ehrgeiz fehlt.

Die Brennschnitten trainieren immer montags von 18.30 bis 20 Uhr in der Sporthalle des TSV Ulfegrund (im Winter).

Auf der Rückseite eines Trikots sieht man eine stilisierte Milchschnitte mit brennendem Ball.
Das Vereinslogo haben die Brennschnitten selbst entworfen. © Privat

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