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SPD und Grüne fordern, dem Heuberg mehr Beachtung zu schenken

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Von: Tobias Stück

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Platz der deutschen Einheit früher: Eines der ersten Hochhäuser wurde hier gebaut. Zwischen 1957 und 1967 entstanden insgesamt 1000 Wohnungen.
Platz der Deutschen Einheit heute: Die Freifläche unterhalb der Auferstehungskirche bietet sich für Austausch unter den Bewohnern an. © Eva-Maria Haselhuhn

SPD und Grüne wollen den Eschweger Heuberg stärker in das Bewusstsein rücken. Er soll beispielsweise ein eigenes Budget bekommen. Wir blicken auf die Geschichte des „Stadtteils“.

Eschwege – In den 1950er-Jahren stieg in Eschwege die Einwohnerzahl. Neue Wohnungen – unter anderem für viele Industriearbeiter (Massey Ferguson) und ihre Familien – mussten her. Eschweges Baudirektor Erich Samson verwirklichte innerhalb von 15 Jahren Eschweges größtes Wohnungsbauprojekt. Mehr als 1000 Wohnungen entstanden auf den ehemaligen Äckern. Mit Heu hat die Flurlage in Eschweges Westen allerdings nichts zu tun. Näher liegt die Vermutung, dass es sich hierbei um die Bezeichnung einer Erhebung zwischen Niederhone und Eschwege dreht. Schließlich gibt es in Niederhone den gleich ausgesprochenen Hoyweg.

Grundsteinlegung für das Eschweger Wohngebiet 1956

1956 wurden die Planungen konkret, noch im September des gleichen Jahres war Baubeginn. Im Juli 1957 wurde Richtfest gefeiert, Weihnachten waren die ersten 144 modernen Wohnungen mit neuesten Standards bezugsfertig. In den folgenden Jahren schossen die Hochhäuser auf dem Heuberg wie Pilze aus dem Boden. 1958 wurde für weitere 222 Wohnungen Richtfest gefeiert. 1964 entstanden 108 Wohnungen, 1965 genau 54, 1966 noch mal 170. Ende Juli 1967, also genau zehn Jahre nach dem ersten Richtfest war die 1000. Wohnung, die die Hessische Heimstätte vermarktete, fertig.

Platz der deutschen Einheit früher: Eines der ersten Hochhäuser wurde hier gebaut. Zwischen 1957 und 1967 entstanden insgesamt 1000 Wohnungen.
Platz der deutschen Einheit früher: Eines der ersten Hochhäuser wurde hier gebaut. Zwischen 1957 und 1967 entstanden insgesamt 1000 Wohnungen. © bundesarchiv

Infrastruktur am Heuberg in Eschwege

Für so viele Menschen auf engem Raum musste auch Infrastruktur her. 1964 wurde am heutigen Platz der deutschen Einheit eine Gaststätte und ein Konsum-Lebensmittelladen eröffnet, 1965 ein Kindergarten. 1966 wurde die evangelische Auferstehungskirche gebaut, 1967 die katholische Apostelkirche. Zwischendurch (1966) wurde der Bau der Grund-, Haupt- und Realschule (Geschwister-Scholl-Schule) begonnen. Nebenan wurde 1967 die Heuberg-Sporthalle errichtet – mit internationalen Maßen und 500 Sitzplätzen seinerzeit eine der größten in Hessen. Die Eschweger Handballer trugen hier ihre Heimspiele aus und der HR sendete 1969 von dort seine legendäre Sendung „Der blaue Bock“.

Zwischen den Wohnanlagen wurde darauf geachtet, dass zahlreiche Grünflächen entstehen. Die Berufsschule wurde 1965 am Fliederweg erbaut. 1986 zog dort die heutige Anne-Frank-Gesamtschule ein, Berufs- und Oberstufenschüler wurden seit den 1970er-Jahren im benachbarten Schulzentrum am Südring unterrichtet. Vereine wie der Heuberg Sportverein (HSV) gründeten sich. Später kam ein Bürgerverein dazu, seit 2001 wird eine eigene Zeitung herausgegeben.

Spätere Entwicklung des Eschweger Heubergs

Ende der 1960er- bis in die 1970er-Jahre waren die Wohnungen sehr begehrt und fast vollständig vermietet. In den 1980er-Jahren verlor das Wohngebiet laut der Zahlen an Attraktivität. 1981 standen 60 Wohnungen leer, 1986 waren es 120, 1987 schon 150. Durch den Fall des Eisernen Vorhangs erlebte das Wohngebiet wieder eine Steigerung der Beliebtheit. Erst fanden Menschen aus der ehemaligen DDR hier eine neue Bleibe, ab Mitte der 1990er-Jahre Spätaussiedler mit deutschen Wurzeln aus der ehemaligen Sowjetunion. Der Aufschwung hielt nur ein Jahrzehnt an. Mit Beginn der 2000er-Jahre standen wieder vermehrt Wohnungen frei, 2010 ließ die Stadt einen Wohnblock abreißen.

Themen der Stadtverordnetenversammlung

Die Stadtverordnetenversammlung der Kreisstadt beginnt am heutigen Mittwoch, 9. November, um 19 Uhr in der Eschweger Stadthalle. 
Das sind die Themen: Die Wahl von Mitgliedern des Personalrates sowie deren Stellvertreter für die Betriebskommissionen des Eigenbetriebes „Wasserversorgung Eschwege“ und den „Eigenbetrieb Baubetriebshof“. Auch die Gasmangellage und Stromausfälle – unter anderem die Einrichtung eines Stabes, Erstellung eines Einsatzkonzeptes, Sicherstellung einer Notstromversorgung – werden thematisiert. Weitere Tagesordnungspunkte: Wachstum und nachhaltige Erneuerung (ehemals Stadtumbau II) und ein Kinderkulturfest im Jahr 2023 (Antrag Grüne). juh

Antrag der SPD

In der nächsten Stadtverordnetenversammlung heute Abend (9. November 2022) werden die Fraktionen von SPD und Grüne in einem gemeinsamen Antrag ein eigenes Budget für den Heuberg fordern. „Wir finden, dass der Heuberg die gleichen Bedingungen verdient, wie die anderen sieben Stadtteile unserer Stadt“, sagt Lukas Sennhenn, Fraktionsvorsitzender der Grünen. Seit diesem Jahr bekommt jeder Stadtteil 10 000 Euro zur Stärkung des gesellschaftlichen Lebens und der ehrenamtlichen Arbeit.

Die Stadt Eschwege hat einen sogenannten Erneuerungsbeirat für den Heuberg eingesetzt, der sich aus Vertretern der Stadtverordnetenversammlung, der Kirchen und einigen anderen Vertretern des Heubergs zusammensetzt. „Seine Arbeit ist in der Vergangenheit aber etwas eingeschlafen“, sagt Sennhenn. Mit dem Antrag und der Forderung nach dem Stadtteilbudget soll der Heuberg wieder mehr in den Fokus der Stadtpolitik gerückt werden und die Initiativen für das soziale Miteinander gesteigert werden.

Seit 1999 wird das Bund-Länder-Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf- die Soziale Stadt“ auf dem Heuberg umgesetzt und der Stadtteil weiterentwickelt. Nach der Aufnahme in das Förderprogramm wurde die Einrichtung eines Stadtteilmanagements notwendig, in dem die verschiedenen Institutionen im Stadtteil und die Bewohner zusammenarbeiten. Es wurde u.a. ein Quartiersmanagement eingerichtet und im Stadtteilbüro verortet. Zu Anfang des Prozesses der Sozialen Stadterneuerung hatte sich der Trägerverbund Heuberg gegründet. Insbesondere sozial benachteiligter Bewohnergruppen sollen aktiviert und begleitet werden. Im Kommunal- und Bürgermeisterwahlkampf hat SPD-Stadtverordneter Knut John im vergangenen Jahr festgestellt, dass diese Aktivierung nur teilweise von Erfolg gekrönt sei. Die jüngeren Familien mit Kindern seien sozial integriert und gut vernetzt, ältere Bewohner hätten weniger Zugang zum öffentlichen Leben. Das mache sich beispielsweise bei der Wahlbeteiligung bemerkbar. Der Bezirk Heuberg hatte bei der Kommunal- und Bürgermeisterwahl 2021 die schwächste Wahlbeteiligung. „Wir wollen mit dem Stadtteilbudget ein Zeichen setzen, die Menschen mitnehmen und in demokratische Prozesse integrieren“, sagt John.

Wichtig sei, so SPD-Fraktionsvorsitzender Alexander Feiertag, den Dialog zu suchen, Bewohner in die Verantwortung zu nehmen und Gemeinschaft herzustellen. Der Erneuerungsbeirat solle – vergleichbar mit den Ortsbeiräten – zusammen mit den Menschen aus der Mitte des Heubergs über die Verwendung des Geldes entscheiden. SPD und Grünen schwebt vor, dass so gemeinschaftliche Aktionen vorangetrieben werden, die der Verbesserung des Gemeinwohls dienen sollen.

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