Vogel hatte mehrere Tage gehungert

Startklar für den Abflug: Reichensachser zog Mauersegler von Hand auf

Abflugrampe: Wenn der junge Mauersegler in wenigen Tagen sein Startgewicht erreicht hat, wird er von Eric Eysers Hand losfliegen und sein Leben künftig fast ausschließlich in der Luft verbringen. Fotos:  Stefanie Salzmann

Reichensachsen. Eric Eyer fand einen jungen Mauersegler und hat den Vogel zwei Wochen lang aufgezogen. Nun ist der Vogel wieder kräftig genug, um das Übergangsheim in Reichensachsen zu verlassen.

„Sriiü, sriiü, sriiü - das Geräusch kommt aus einer hohen Plastikkiste vom Sofa der Familie Eyser in Reichensachsen. In der Box sitzt ein junger Mauersegler und Lisa Eyser behauptet, dass der kleine Vogel eigentlich „Daaaaddy, Daaaaddy“ schreit. Denn ihr Mann Eric hat das Tier vor zwei Wochen vom Pflaster des Hofes gesammelt und zieht ihn seither von Hand auf. Voraussichtlich in wenigen Tagen wird der Mauersegler, wenn alles gut läuft, sein optimales Startgewicht erreicht haben und von Eric Eysers Handfläche in ein Leben starten, das fortan fast ausschließlich im Flug verlaufen wird.

„Als ich den Vogel gefunden habe, war er komplett unterernährt und hatte vermutlich schon mehrere Tage im Nest gehungert“, erzählt Eyser. Vermutlich der Grund, warum sich der Jungvogel aus dem Nest gestürzt hat, vielleicht lag es auch an der Hitze.

Eine ganze Nacht lang liest der Familienvater über Mauersegler und deren Aufzucht von Menschenhand im Netz und entscheidet sich dann, den kleinen Vogel aufzuziehen. Weil Sonntag ist, besorgt er von der Reptilienaufzuchtstation in Sontra Heimchen und füttert das Tierchen, das zu Beginn gerade mal 22 Gramm wog.

Alle zwei Stunden bereitet Eyser seither dem kleinen Vogel eine Mahlzeit zu, die gemütlich auf seinem Bauch gereicht wird. Sechs Heimchen, frisch geköpft und zum Nachtisch ein paar fette Wachsmotten, leicht in Wasser gebadet. „Wenn man sich entscheidet, so einen Vogel aufzuziehen, muss man sicherstellen, dass der Fütterrhythmus eingehalten werden kann“, sagt er. Deshalb springen bei Familie Eyser auch manchmal Oma oder eins der drei Kinder ein, ansonsten muss der Vogel mit zur Arbeit.

Mauersegler brauchen zirka 40 Tage, bis sie flügge sind, dann breiten sie ihre Schwingen aus, fliegen los und leben künftig fast ausschließlich in der Luft. Um diese Jahreszeit machen sie sich bereits auf den Weg nach Afrika.

Eysers kleiner Segler ist fast soweit, inzwischen trainiert der Vogel fleißig in seiner Kiste. Sein Programm: Flügel ausbreiten, abstützen und Kopfstand machen. Damit macht er seine Muskeln fit: „Inzwischen schafft er schon 15 Sekunden“, sagt Eric Eyser stolz.

Denn am Wochenende soll es eigentlich losgehen. Dann wird er mit seinem Zögling ins Freie gehen und ihn auf seine Handfläche setzen. Und im besten Fall fliegt der kleine Mauersegler mit einem letzten fröhlichen „Daddy, Daddy“ für immer auf und davon.

Von Stefanie Salzmann

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