Streit um „Größter Drecksack“ vor Gericht

Eschwege. Nicht nur ein Strafprozess, auch ein biederer Gütetermin vor dem Zivilrichter kann hohen Unterhaltungswert haben für den Zuhörer. So geschehen am Donnerstag im Saal 121 des Eschweger Amtsgerichts.

Der Sachverhalt: Der Beklagte R. hatte am 9. Dezember 2010 in Fürstenhagen auf dem Bürgersteig vor seinem bäuerlichen Hof eine Auseinandersetzung mit einem Nachbarn. Dabei soll es mit Mistgabel und Schneeschieber zur Sache gegangen sein. Davon hat der Kläger G., ein anderer Nachbar, Wind bekommen und wollte nach dem Rechten sehen. Dabei, so behauptet er, sei er von R. heftigst beleidigt worden. „Versager, Verrecker, miese Ratte und größter Drecksack Nordhessens“ soll R. den G. genannt haben.

Seit Jahren liegen die beiden im Clinch wegen Gestanks, der von R.’s Hof ausgehen soll. R. hingegen sah sich in der Rolle des Opfers und wollte gestern mittendrin beantragen, seinerzeit herbeigerufene Polizisten als Zeugen zu laden. Darauf verzichtete Richter Grosche, weil ihm ohnehin anderes im Sinn stand mit den beiden Streithähnen. Er schlug einen Vergleich vor, um zumindest an dieser Stelle ein Ende herbeizuführen. Immerhin stehen noch sieben Strafsachen gegen R. und drei gegen seinen Vater an.

Letzterem war gestern ebenso wie zwei weiteren Personen nicht vergönnt, dem Gütetermin beizuwohnen, weil sie als potenzielle Zeugen, die letztendlich nicht benötigt wurden, sichtlich enttäuscht draußen warten mussten. Gut unterhalten fühlten sich offensichtlich neun Zuhörer, eigens aus Fürstenhagen angereist. Nach Gelächter und Zwischenrufen hat sie der Richter zurechtgewiesen: „Bei Barbara Salesch dürfen sie das, hier aber wird nicht diskutiert“, so sein Rüffel in Richtung Zuhörerbänke. Die Kontrahenten, die Bedeutung eines Vergleichs noch nicht so richtig verstehend, blätterten derweil in bergeweise Akten, hatten seitenweise Notizen mitgebracht und stichelten immer wieder in die Gegenrichtung.

„Ihr Humor in Ehren, aber das geht so nicht“, wurden zwischenzeitlich die Zuhörer ein drittes Mal gerügt. Er wolle sie ungern des Saales verweisen, sagte Richter Grosche, der solcherart Termine auch nicht jeden Tag auf dem Programm hat, wie er anschließend einräumte. Ein Vergleich biete sich geradezu an, weil es mit wenig brauchbaren Zeugenaussagen ein wackliges Verfahren werde, nahm er mit Engelszungen einen neuen Anlauf. Die Vergangenheit sei erledigt und G. bekäme, was er erreichen wollte, nämlich eine Ende der Beleidigungen durch R., und keine weiteren mehr in Zukunft.

Während R. Bereitschaft zum Vergleich signalisierte, sagte G. „damit kann ich nicht zufrieden sein“. Er und seine Frau holten schon sehr früh Brötchen, um R. nicht zu begegnen, wenn der zum Füttern seiner Tiere auf den Hof komme. G. wollte den Saal partout als Sieger verlassen, erst eine Sitzungsunterbrechung mit Beratung durch seinen Anwalt brachte die Wende. In den Vergleichsbeschluss wurden noch die Begriffe Beleidigung, Angriffe und Bespucken eingefügt, dann stimmte G. zähneknirschend zu. R. hatte zuvor schon ein lockeres „Is in Ordnung“ von sich gegeben. Schließlich war der Vergleich eingetütet. G. verließ enttäuscht den Saal, R. fühlte sich als Gewinner und legte dem Richter schon auf dem Flur ans Herz, beim Termin mit seinem Vater ebenso vorzugehen. Da hatte der Richter die Faxen endgültig dick und schloss seine Bürotür von innen. Besser als im Fernsehen war das.

Von Helmut Mayer

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