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Verständnis für psychische Erkrankungen wächst

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Von: Nicole Demmer

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Henrike Lösch-Hünerjäger
Henrike Lösch-Hünerjäger © Privat

Er hat die Reißleine gezogen. Den Juni über hat sich der heimische SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Roth (SPD) zurückgezogen, er war „psychisch am Limit“, wie er im Interview mit unserer Zeitung berichtet.

Werra-Meißner – Psychische Erkrankungen waren noch vor einigen Jahren gerade bei Politikern und Führungskräften ein Tabu. Wie Dr. Henrike Lösche-Hünerjäger, ärztliche Leiterin und Chefärztin am Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie (ZPP) des Klinikums Werra-Meißner, auf Anfrage berichtet, ist seit dem Fall von Robert Enke, der sich als bekannter Fußballer nicht rechtzeitig Hilfe geholt habe, „schon viel Verständnis für psychische Erkrankungen gewachsen. Der Umgang ist zum Teil offener geworden. Zumindest insofern, als dass sich Betroffene eher Hilfe holen.“

Zu beobachten sei aber, dass Betroffene ihre Erkrankung wenn möglich an der Arbeit für sich behalten, damit ihnen dies nicht als Schwäche ausgelegt werde. Kommuniziert werde es möglicherweise erst mit dem Arbeitgeber, wenn der Betroffene für mehrere Wochen, etwa wegen Burnout, ausfällt. „Ambulante Therapien behält man eher für sich und sucht sich teils Möglichkeiten in anderen Regionen, damit dies niemand mitbekommt.“

In den jüngeren Jahren werde laut Lösch-Hünerjäger auch am ZPP registriert, dass sich mehr Menschen – auch aus Führungspositionen – wegen Belastung und Stress Hilfe holen. Beispielsweise sei im vergangenen Jahr eine deutschlandweit bekannte Persönlichkeit in Behandlung gewesen. „Wir sichern jedem Menschen, der sich diesbezüglich an uns wendet, äußerste Diskretion zu.“

Um das Thema „psychische Probleme durch Überarbeitung“ zu enttabuisieren, rät Lösch-Hünerjäger, dass es öfter im öffentliche Diskurs zum Tragen kommt, Betroffene sich outen und ihre Geschichte erzählen sollten, um mit dem Klischee zu brechen, „dass Führungspersönlichkeiten keine Schwäche zeigen dürfen.“ Als Positivbeispiel könne für einige ein berühmter Fernsehkoch fungieren.

Zudem sei es laut Lösch-Hünerjäger wichtig, „entsprechende psychiatrische und psychologische Angebote vorzuhalten im ambulanten, teilstationären und stationären Sektor, um Probleme frühestmöglich zu diagnostizieren und zu behandeln.“ Auch etwa präventive Stressbewältigungskurse in Unternehmen seien „durchaus sinnvoll.“

Bei folgenden Symptomen sollte man aufmerksam werden

Oft sei es so, dass diese sich für alles im Beruf verantwortlich fühlten – auch nach Feierabend. Zudem sei es in Top-Manager-Kreisen noch immer üblich, keine Schwäche zeigen zu dürfen. „Daher werden Probleme oft mit sich rumgetragen, bis sie immer schlimmer werden.“ Auch Aufgaben delegieren oder ablehnen falle schwer. Allerdings gebe es diese Phänomene genauso bei Personen, die in der Öffentlichkeit stehen sowie bei Arbeitnehmern, die unter schweren Bedingungen leiden.

Typische Symptome, bei denen sich Betroffene Hilfe suchen sollten, seien, wenn sie pausenlos – auch in der Freizeit – an die Arbeit denken und nicht mehr abschalten können. „Gedanken kreisen um immer dieselben Themen, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit und unbegründete Ängste können ebenfalls auftreten“, so Lösch-Hünerjäger. Betroffene könnten gegensteuern, indem sie sich beraten und helfen lassen und über ihre Probleme sprechen: mit der Familie oder Freunden, dem Haus- oder Facharzt – und im ZPP stehe der ambulante und stationäre Sektor immer dafür bereit.

Warnzeichen für Freunde und Familie sind laut Lösch-Hünerjäger, „wenn sich Betroffene immer weiter zurückziehen, ihren Hobbys nicht mehr nachgehen und gemeinsame Aktivitäten mit Freunden und Familie absagen.“ Auch könne es vorkommen, dass Betroffene nur über die Arbeit sprechen, psychosomatische Symptome wie Kopf-, Bauch- oder Gelenkschmerzen haben. Hatte ein Betroffener bereits psychische Probleme, könnten Angehörige Frühwarnzeichen oft gut erkennen und einordnen. Sie sollten dann vorsichtig das Gespräch suchen, ansprechen, was ihnen auffällt, aber auch ein „Nein“ akzeptieren.

„Generell gilt: motivieren, unterstützen und immer wieder das Gespräch und Hilfe anbieten“, rät Lösch-Hünerjäger. (Nicole Demmer)

Behandlungsmöglichkeiten

Für Menschen, die wegen einer psychischen Erkrankung, zum Beispiel wegen Belastung und Stress Hilfe suchen, gibt es im Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Werra-Meißner verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten. Wie Dr. Henrike Lösch-Hünerjäger berichtet, gibt es für solche Menschen die ambulante Behandlung in der Institutsambulanz, teilstationäre Behandlung in der Tagesklinik oder einen stationären Aufenthalt.

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