Twitter-Debatte um Alltagsbezug im Unterricht: Schule kann nicht alles

Auslöser für Diskussionen: Die 17-jährige Twitter-Nutzerin Naina K. aus Köln entfachte mit ihrem Tweet zur Vermittlung von Alltagskompetenzen in der Schule eine landesweite Debatte. Foto:  dpa

Werra-Meißner. Deutschland diskutiert nach dem Twitter-Beitrag einer Schülerin über den Sinn von Gedichtinterpretationen. Wir haben Experten im Kreis gefragt, wie man mehr Lebenspraxis in den Unterricht bringen könnte.

Es war 12.49 Uhr, als die 17-jährige Oberstufenschülerin Naina K. aus Köln im Januar im sozialen Netzwerk Twitter ihren Tweet absetzte, der für eine landesweite Diskussion sorgte. „Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In vier Sprachen.“ Mittlerweile folgen ihr über 21 000 andere Nutzer bei Twitter, und ihre Kritik, dass Schüler auch Alltagskompetenzen in der Schule vermittelt bekommen sollen, wurde über 16 000-mal geteilt. Doch ist es wirklich die Aufgabe der Schulen, den Schülern beizubringen, wie sie später ihre Steuererklärung schreiben?

An Lehrpläne gebunden 

Der stellvertretende Schulleiter der Freiherr-vom-Stein-Schule in Hessisch Lichtenau Erhard Pfaffenbach ist der Meinung, dass man unterscheiden müsse, welchen Auftrag die Schule habe. „Wir müssen Allgemeinbildung liefern und die Schüler auf einen allgemeinen Abschluss vorbereiten“, so Pfaffenbach. Man sei aber ohnehin an das Kultusministerium und deren Lehrpläne gebunden. Im Fach Politik und Wirtschaft seien „Steuern“ aber ein Thema.

Eben dieses Kultusministerium schreibt in einer offiziellen Stellungnahme zum Tweet von Naina: „Die Vermittlung einer umfassenden Bildung ist heute so wichtig wie wohl niemals zuvor. Es ist hingegen weder leistbar noch Aufgabe der Schule, Lösungen für alle möglichen Aufgabenstellungen, mit denen sich die jungen Menschen in ihrem späteren Leben konfrontiert sehen können, vorzubereiten. An der Stelle sei auch an den Erziehungsauftrag der Eltern erinnert.“ Den Aspekt der Familien greift auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus auf: „Ein gewisses Maß an Alltagstauglichkeit muss in der Familie vermittelt werden.“

Eine Überspitzung 

Gerhard Finke, Vertreter der Amtsleitung des Landesschulamtes in Bebra, hält Nainas Aussage für eine Überspitzung. „Es geht in den Schulen nicht nur um Stoffvermittlung, sondern auch um Sozialverhalten.“ In Hessen seien die Stundentafeln aber ausgefüllt und kein Platz für weitere Fächer vorhanden. Die Forderung Nainas auf das spätere Leben vorzubereiten, sollte aber auch so in jedem Fach Thema sein.

Bildungsministerin Johanna Wanka findet es indes durchaus positiv, dass Naina diese Debatte angestoßen hat. Sie sei dafür, in der Schule stärker Alltagsfähigkeiten zu vermitteln. Es bleibe aber wichtig, Gedichte zu lernen.

Naina selbst nahm sich einige Tage nach ihrem Tweet, auf Grund beleidigender Rückmeldungen, eine Auszeit von Twitter. Mittlerweile twittert die Kölnerin aber wieder fleißig.

Von Maximilian Bülau

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