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Ukraine-Experte Marcel Röthig aus Herleshausen erklärt die Lage vor Ort

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Von: Kristin Weber

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Zurzeit wieder in Herleshausen: Marcel Röthig, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kiew, muss derzeit viele Fragen von Journalisten beantworten.
Zurzeit wieder in Herleshausen: Marcel Röthig, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kiew, muss derzeit viele Fragen von Journalisten beantworten. © privat

Als Gesprächspartner für Fernsehen und Printmedien ist er sehr gefragt, doch auch für das Evangelische Forum Werra-Meißner hatte er sich die Zeit genommen, um die Lage zu erläutern.

Werra-Meißner – Bei Marcel Röthig aus Herleshausen macht sich derzeit der Schlafmangel bemerkbar. Er leitet die Friedrich-Ebert-Stiftung in Kiew, zurzeit ist er jedoch zurück in Herleshausen. Der Experte ordnete die Lage aus seiner Sicht ein. Röthig über...

. ... die Lage vor Ort: Denn er steht ständig mit seinen Kollegen, Mitarbeitern und Nachbarn in der Ukraine in Kontakt. „Eine meiner Mitarbeiterinnen sitzt hochschwanger in einem Keller und weiß nicht, wie es für sie weitergeht“, sagte er besorgt. „In ihrem Zustand konnte sie nicht mehr fliehen. Die Bewohner des Hauses, in dem ich in der Ukraine wohne, haben sich in der Tiefgarage versammelt, um sich zu schützen. Allerdings wird die Lebensmittelversorgung immer knapper. Doch die Menschen teilen miteinander, was sie haben.“

. ...den Widerstand der Bevölkerung: Marcel Röthig erhält die Nachrichten aus erster Hand von den Menschen vor Ort, die sich gegen den Angriff Russlands stemmen. So würden in Kiew Waffen an Zivilisten ausgeteilt, die Menschen blockierten Straßen mit ihren privaten Pkw, damit Panzer nicht durchkommen, erzählt er. Selbst Wladimir Putin, der auf einen schnellen militärischen Schlag gehofft habe, sei offenbar von der Kraft des Widerstands der ukrainischen Bevölkerung überrascht.

„Die Leute kämpfen nicht für die Wahnvorstellung eines Einzelnen, sondern für ihre Familien und sich selbst“, sagte Röthig. Als Mitarbeiter der SPD-nahen Stiftung arbeitet der Herleshäuser im Bereich politischer Bildung und kann so die Hintergründe des Krieges erläutern.

. ...die Vorgeschichte: Die Ukraine – historisch immer ein Grenzland – habe in der jüngeren Vergangenheit einen demokratischen Weg eingeschlagen, eine starke Zivilgesellschaft sei entstanden. Diese habe sich mit den Maidan-Protesten 2013/14 gegen Präsident Janukowytsch gestemmt, der von Russland gekauft worden sei und das Land ausgeraubt habe. Allerdings sei das Land gespalten in Gebiete, die sich dem Westen zugewandt hätten und andere, die sich eher Russland zugehörig fühlten.

Durch das Minsker-Abkommen sollten die östlichen Gebiete unabhängig werden, doch die ukrainische Regierung hätte dies nie umgesetzt, auch unter Selenskyj nicht, erzählt Röthig. Hinter ihm, dem politischen Quereinsteiger, der 2019 ohne Erfahrung gestartet sei, hätten sich im Moment aber die meisten Politiker des Landes versammelt. So sei der ehemals sogar in Russland populäre Komiker nun ein Ziel für die Russen. Viele Ukrainer wollten einen Beitritt zur EU, bis 2014 sei die Mehrheit gegen den Beitritt zur Nato gewesen. Danach habe sich die Einstellung verändert. „Auf lokaler Ebene ist eine demokratische Kultur entstanden, die Menschen organisieren sich dort selbst. Und deshalb leisten die Leute jetzt so starken Widerstand“, analysierte der Politik-Experte.

Zur Person

Marcel Röthig (33) ist in Herleshausen aufgewachsen, ging in Eisenach zur Schule und ist seit 2013 bei der Friedrich-Ebert-Stiftung tätig, zuerst im Referat für Zentrale Aufgaben in Berlin, danach in der Russischen Föderation (2014-2016) und als Repräsentant für Belarus. Seit Juli 2017 leitet er das Büro in Kiew. Röthig studierte Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Osteuropa in Berlin und war fünf Jahre lang Mitarbeiter verschiedener Abgeordneter des Deutschen Bundestages. ts

. ... Wladimir Putin: „Das ist eine Dynamik, die Putin aus Russland nicht kennt.“ Putin habe mit schnelleren Erfolgen gerechnet und sei frustriert, schätzt er ein. Auf der anderen Seite habe es aber auch starke Fehleinschätzung gegeben: „Bis vor zwei Wochen dachten wir alle noch, die Russen machen nur ‚heavy-metal-diplomacy‘.“

. ... den weiteren Verlauf des Krieges: Jetzt befürchtet Marcel Röthig, dass ein langfristiger Krieg bevorstehe, der darauf angelegt sei, das Land zu destabilisieren. Seine Hoffnung ruhe darauf, dass sich die Stimmung in der russischen Bevölkerung gegen den Krieg drehe und der internationale Druck zu Kompromissen führe. „China hat einen großen Einfluss auf Russland. Und China will Ruhe und stabile Märkte“, sagte er. Das Schlimmste, so seine Befürchtung, stehe dem Land bevor wegen der fehlenden Versorgung der Menschen. Es gebe kaum Lebensmittel zu kaufen. Selbst die russischen Truppen hätten Schwierigkeiten, sich zu proviantisieren. Hilfstransporte, wie sie auch aus Eschwege starten wollen, seien deshalb wichtig, nur wie sie ankommen können, wisse derzeit niemand. Marcel Röthig schätzt, dass fünf Millionen Flüchtlinge nach Europa kommen könnten. Pfarrerin Sieglinde Repp-Jost, die zu diesem Informationsabend des Evangelischen Forums eingeladen hatte, betonte: „Die Leute sind bereit zu helfen. Wir können Flüchtlinge aufnehmen.“ (Kristin Weber)

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