Felicia Molenkamp hat ein Buch geschrieben

Interview zum Genuss von Wildpflanzen

Mitten im Grünen: Felicia Molenkamp, Biologin und Autorin des Buches „Kräuter-Biotika“, inmitten einer Bärlauch-Wiese nahe Reichenbach. Foto: privat

Felicia Molenkamp sucht sich Teile ihres Essens im Wald und hat jetzt ein Buch über essbare Wildkräuter und ihre antibotischen Wirkungen geschrieben. Wir haben sie getroffen.

Frau Molenkamp, beim Thema Kräuter denken viele an Mittelmeergewächse wie Basilikum und Oregano. Um was für Kräuter dreht es sich in ihrem Buch? 

Felicia Molenkamp: Um Giersch, Brennnessel, Beifuß, Löwenzahn, Wermut, Gundelrebe, Frauenmantel, Fingerkraut und viele andere. Kurz gesagt geht es in meinem Buch „Kräuter-Biotika“ um essbare, einheimische Wildpflanzen, die nicht nur gut schmecken, sondern auch antibiotisch wirkende Inhaltsstoffe besitzen, die bei zahlreichen Beschwerden helfen.

Giersch und Löwenzahn: Sind das nicht Pflanzen, die jeder als Unkraut aus dem Garten zupft? 

Molenkamp: Ja, das stimmt leider. Dabei sind Unkräuter nichts anderes als Kräuter, die nach Ansicht mancher Menschen am falschen Platz wachsen. Wir haben uns sehr weit von der Natur und vom Wissen über die Wirkung der Kräuter entfernt. Oft werden sie übersehen oder herausgerissen. Beifuß ist ein Beispiel dafür. Als Schuttkraut wächst er überall. Trotzdem kaufen viele lieber einen Stängel für zwei Euro in der Bio-Ecke eines Supermarktes, als ihn vor der Haustür zu pflücken.

Vielleicht aus Angst vor giftigen Inhaltsstoffen? 

Molenkamp: Natürlich muss man sich ein wenig auskennen. Aber es gibt immer wieder faszinierende Vorurteile. Zum Beispiel glauben viele, Löwenzahn sei giftig, weil sein Saft bitter schmeckt, was totaler Unsinn ist. Er eignet sich bestens für eine Entschlackungskur und schmeckt ähnlich wie die Endivie. Auch der Giersch ist eine verkannte Pflanze. Er schmeckt hervorragend als Salat oder Sommerschorle, ist im Winter ein toller Ersatz für Petersilie und wirkt antirheumatisch und entzündungshemmend.

Das hört sich jetzt so an, als würden Sie Ihr Essen direkt beim Spaziergang durch den Wald pflücken? 

Molenkamp: Genauso ist es. Den Supermarkt brauche ich nur selten, ich hole mir alles aus dem Wald. Der ist nämlich nicht dunkel und böse, wie viele meinen, sondern bietet alles, was wir zum Leben brauchen: Pilze, Beeren, Blüten, Blätter, Samen und natürlich Kräuter.

Sie kochen gern und wissen, wie man all das zubereitet? 

Molenkamp: Ja, das denken alle. Dabei koche ich gar nicht gern, sondern mag nur das Experimentieren. Mein Interesse an Kräutern stammt in erster Linie aus dem kulinarischen, nicht aus dem medizinischen Bereich. Ich habe einfach festgestellt, dass Kräuter gut schmecken und auch dem Körper gut tun. Was die Zubereitung angeht: Die ist einfach. Deshalb biete ich in meinem Buch auch Rezepte zum Nachkochen an. Das Spektrum reicht von Käse-Pappel-Brot über Wiesenschaumkraut-Eierspeise bis zu Vogelbeer-Pesto.

Ihr Buch heißt Kräuter-Biotika. Können pflanzliche Wirkstoffe also chemische ersetzen? 

Molenkamp: Sie sind eine von uns vernachlässigte Alternative. In unserem Körper leben Milliarden von Bakterien und die meisten sind nicht schädlich. Krank fühlen wir uns, wenn das Gleichgewicht gestört ist und der Körper mit Entzündungen reagiert. Vor feindlichen Invasionen der Mikroben und Pilze müssen sich auch wilde Pflanzen schützen. Zu diesem Zweck bauen sie Inhaltsstoffe auf, die sie vor den Quälgeistern schützen: natürliche Antibiotika, die wir mit der Nahrung zu uns nehmen.

Werden Bakterien gegen Kräuter-Biotika ebenso resistent wie gegen Chemo-Biotika? 

Molenkamp: Das werde ich oft gefragt. Nein, sie werden nicht resistent. Ich erkläre das mit einer Art Ping-Pong-Spiel zwischen Bakterien und Pflanzen. Werden Pflanzen mit Krankheitserregern infiziert, sind sie in der Lage, Moleküle zu erzeugen, die ihnen entgegenwirken. Daraufhin rüsten die Mikroben wieder auf, was wiederum die Pflanzen antreibt, Abwehrstoffe zu produzieren. Jede pflanzliche Neuerung bewirkt eine mikrobielle Antwort und umgekehrt. So pendelte sich im Lauf der Zeit ein Gleichgewicht ein, eine ko-evolutionäre Balance.

Sie sind also gegen chemische Antibiotika? 

Molenkamp: Nein, Chemo-Biotika-Gaben sind bei Infektionen gewisser Gewebe sinnvoll und oft lebensrettend. Aber sie müssen sorgsam eingesetzt werden. Denn sie greifen schädliche und nützliche Bakterien an und behindern unser Immunsystem. Kräuter-Biotika wirken nicht nur antibiotisch, sondern füllen unsere Betriebstanks mit Vitaminen, Spurenelementen und Mineralstoffen auf, die unser Abwehrsystem stärken.

Zur Person:

Felicia Molenkamp, 54 Jahre, ist Diplom-Biologin und widmet sich dem Wissen der Pflanzenheilkunde sowie der kulinarischen Verwendbarkeit essbarer Kräuter. 2002 gründete sie die Initiative „Hollerbusch-Wildkräuterfrauen“. 2005 machte sie sich mit der „Kräuterschule Felicia Molenkamp“ selbstständig. Mittlerweile gibt sie Kurse im Kochen von Wildkräutern und in der Herstellung medizinischer Salben und Tinkturen. Außerdem begleitet sie Exkursionen für Kinder und Erwachsene, bietet Wildkräuter- und Baumwanderungen an und hält Vorträge zum Thema Kräuter. Seit 2011 lebt Felicia Molenkamp in Reichenbach. (kbr)

Buchtipp:

Das Buch „Kräuter-Biotika - Antibiotisch wirkende Inhaltsstoffe essbarer Wildpflanzen“ von Felicia Molenkamp ist 2015 im Schweizer AT-Verlag erschienen. Preis: 24,90 Euro.

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